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Entscheidung im Klassenfahrt-Streit: Tim bleibt zu Hause

Seit ein paar Wochen ist Tim in der 10. Klasse des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums in Greifswald. Am 23. September soll es für ein paar Tage nach Oxford gehen, untergebracht bei englischen Gastfamilien. Üblicherweise nach dem Prinzip Geschlechtertrennung: Jungs hier, Mädchen dort.

Tim wollte mit seinen besten Freunden ein Zimmer teilen. Problem: Seine besten Freunde sind Mädchen. Dass er schwul ist, weiß er seit zwei Jahren. Vor seinen Eltern hat er sich geoutet – sie unterstützen ihn. Auch die Mitschüler wissen Bescheid. Allerdings verhalten sich die Jungs in seiner Klasse seit seinem Coming-out anders. Mit einigen war er vorher befreundet, dann brachen sie den Kontakt ab. Nun sollte er mit drei von ihnen auf ein Zimmer.

Wenn dir langweilig ist, lies ein Buch!

Die Lehrer rieten ihm, „keinen großen Aufstand“ zu machen. Wenn ihm langweilig sei, könne er ja ein Buch lesen, wurde ihm geraten. Und überhaupt: Es sei ja nicht schlimm, er sei ja nur nachts da.

Geschlechtertrennung, damit es nicht zu ungewollten Schwangerschaften kommt

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Inzwischen weiß die ganze Schule über Tim Bescheid – und sogar über die Landesgrenzen von Mecklenburg-Vorpommern hinaus kennt man ihn und seine Geschichte. Denn Tim startete im Sommer eine Petition, weil er sich ungerecht behandelt fühlte: Alle anderen durften mit ihren besten Freunden auf ein Zimmer, er aber nicht. Was kann er für die Geschlechtertrennung, die man auf Klassenfahrten peinlich genau durchsetzt, damit es nicht zu ungewollten Schwangerschaften kommt. Nicht sein Problem.

„Ich bin nicht der Erste, der auf dieser Schule den Wunsch geäußert hat, sagte mir eine Lehrerin“, schreibt er einleitend im Text seiner Petition. Trotzdem seien bisher immer alle in das Zimmer ihrer Geschlechtsgenossen gegangen, alle hätten sich damit arrangiert, sagte ihm die Lehrerin. Diesem „Zwang“, so empfindet es Tim, wollte er sich nicht beugen.

Seine Petition mit dem Titel „Diskriminierung auf Klassenfahrten stoppen“ wurde anfangs von ein paar Hundert Menschen unterschrieben. Dann nahmen wir Kontakt mit ihm auf und nach Erscheinen eines Artikels auf mannschaft.com verfünffachte sich die Zahl der Unterstützer. Irgendwann wurden BILD-Zeitung und andere Medien aufmerksam und berichteten ebenfalls über Tims Petition. Aktuell liegt die Zahl der Unterstützer bei rund 5.500.

Auch RTL und SAT.1 fragten bei Tim an, aber seine Eltern untersagten ihm weitere Interviews. Grundsätzlich waren sie ja mit dem Zimmerarrangement einverstanden, wie ihr Sohn es sich wünschte. Auch die Eltern der betreffenden Mitschülerinnen hatten zugestimmt. Eigentlich war alles klar. Bis der Direktor sein Veto einlegte.

„Deine Homosexualität ist kein triftiger Grund dafür, dass du mit Mädchen in ein Zimmer darfst. Ein triftiger Grund wäre beispielsweise, wenn du von den Jungs gemobbt werden würdest“, zitiert Tim seinen Schulleiter Ulf Burmeister.

Nun hat Mobbing viele Gesichter. Der schwule Aktivist Detlef Mücke sagt: „Der Junge hat Ausgrenzung erfahren, die kann auch Folgen haben. Das sollte man nicht leichtfertig abtun.“ Der pensionierte Lehrer engagiert sich seit Mitte der 1970er Jahre für die Akzeptanz homosexueller Lehrer und Schüler; für sein Engagement wurde er mit dem Verdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Dass der Direktor sich über das Votum der Eltern hinwegsetzt, wundert ihn. „Wenn die Eltern ihr Einverständnis gegeben haben, dass der Junge das Zimmer mit den Mädchen teilen darf, dass kann der Lehrkraft nicht vorgeworfen werden, dass sie ihre Aufsichtspflicht verletzt hätten.“

Das ist aber offenbar nicht der Ansatz von Schulleiter Burmeister, der Tim vor die Alternativen stellte: Entweder er geht mit auf Klassenfahrt und nimmt ein Zimmer mit drei Jungs – oder er bleibt zu Hause und macht ein einwöchiges Praktikum.

Ulf Burmeister soll seine Ablehnung im Gespräch mit der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) damit begründet haben, dass dieser „Spezialwunsch“ nur weitere Wünsche durch andere Schüler hervorrufen würde. Eine Stellungnahme, um die wir Burmeister baten, lehnte er ab.

Ich bin nun mal nicht heterosexuell

Tim findet, dass die strenge Einteilung nach Geschlechtern überalteten heteronormativen Regeln folgt. „Diese Sicherheitsvorkehrungen werden schließlich nur getroffen, um Geschlechtsverkehr mit dem anderen Geschlecht zu unterbinden. Doch ich bin nun mal nicht heterosexuell, habe es gefühlt tausende Male gesagt. Trotzdem werde ich rücksichtslos abgewiesen“, sagt er.

Anfang dieser Woche fand ein erneutes Gespräch mit der Schulleitung statt, gemeinsam mit der Schulamtsleiterin. Am Ergebnis ändert sich jedoch nichts: Tims Wunsch wurde nicht stattgegeben. Der Schüler entschied daraufhin, auf die Klassenfahrt zu verzichten und das Praktikum zu machen.

Tim macht vielen anderen Schülern in einer ähnlichen Lage Mut, sich nicht zu verstecken

Sein Engagement hat hohe Wellen geschlagen. Sein Kampf, auch wenn er nicht zum erwünschten Ergebnis geführt hat, wird vielen anderen Schülern in seiner Lage Mut machen, sich nicht zu verstecken und sich nicht kampflos in ein Schicksal zu fügen. Auch wenn es ihm für seine eigene Situation nicht geholfen hat: Tim hat mit seinem Kampf auch auf politischer Ebene etwas erreicht. Im Oktober treffen sich Vertreter der Arbeitsgemeinschaft SPDqueer mit Ministerin Hesse (ebenfalls SPD), um darüber zu beraten, wie mit man Anliegen wie dem von Tim zukünftig besser umgehen kann und, wie SPDqueer-Landeschef Reno Banz es ausdrückt, „eine Lösung zu finden, die alle zufrieden stellt.“

«Einen schwulen Bruder zu haben öffnete mir die Augen»

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