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Hetero-Glücksgarantie-Blödsinn in der Corona-Politik – was soll das?

Über die vorweihnachtliche Unsichtbarmachung der LGBTIQ-Community

Corona-Politik
Foto: Jakob Owens/Unsplash

Wenn man derzeit den Verlautbarungen zur Corona-Politik lauscht, meint man, es gäbe nur christliche Grossfamilien in Deutschland. Wer denkt an die Mitglieder der LGBTIQ-Community, nicht selten aus ihren Familien ausgestossen? Oder wir sind selbst durch unsere Familien so genervt, dass Kontakt an Weihnachten schon gar nicht in Frage kommt. Das wiederum nervt unseren Samstagskommentator*.

Ich war schon immer zur Einsicht fähig. Nein, die kleinen Fingerchen gehörten nicht in die dunklen Öffnungen der Steckdosen. Und nein, auf eine glühende Herdplatte sollten Hände nicht gelegt werden, ebenso musste verboten werden, über die Balkonbrüstung zu klettern – vom drittem Stock aus ist ein menschlicher Körper mehr als nur gefährdet, würde er auf den Boden prallen. Vernünftig waren vor knapp 40 Jahren die Regeln während der Aids-Epidemie. Alles an Infektionsrisiko wird stark gemindert, benutzt man Kondome.

Rationalen Erwägungen bin ich immer noch zugänglich, insofern empfinde die maskenlosen Corona-Demos von esoterisch oder sehr oft rechtsideologischen Menschen als vor allem verantwortungslos allen anderen gegenüber – aber zugleich denke ich: In welchen Wahnwelten leben die, um so zu tun, als existiere kein Risiko? Haben die eigentlich schon mal ihre Tassen im Schrank gezählt? Eben.


Und insofern erreicht mich die Informationspolitik der Bundesregierung und der Bundesländer ohne Widerwillen. Im Prinzip. Inzwischen, wir haben Ende November, die Tage werden schon sehr dunkel, aber so, wie die Supermärkte seit August Auslagen mit Advents- und Weihnachtsgebäck aufgestellt haben, so ist jetzt dieses Wort in aller Mund: «Weihnachten»! Kein Politiker, keine Politikerin traut sich mehr, den pandemiepolitisch naheliegenden Lockdown zu verkünden: «Auch zu den Festtagen!» Die Situation in puncto Corona würde zwar nahelegen, dass beschossen wird: Solange die Neuinfektionsraten nicht im niedrigen vierstelligen Bereich pro Tag liegen, solange nicht die sogenannten Risikogruppen – Alte und Vorerkrankte – geimpft werden konnten, halten alle mal schön die Füsse still. Und zwar: auch Weihnachten.

Mit MANNSCHAFT überwintern – Die neue Ausgabe ist da!

Stattdessen will sich niemand von den Politiker*innen wirklich mit dem anlegen, was er oder sie für Mainstream hält: die heterosexuelle, glückliche, nicht in Zwist und Hader miteinander, überdies mehrgenerationelle Familie – wie in alten Zeiten. So wird ja jetzt so getan: Als ob durch die Kontaktbeschränkungswünsche all die zu den Festtagen flutenden Gefühle daran hindern, die richtig Adressierten zu finden. Aber was damals schon pure Schönrednerei war, ist es auch heute: Familien mit Omas und Opas, Tanten und Onkels, mit Enkeln und Enkelinnen sind nur ausnahmsweise miteinander gut. Sie sind – eben: Familie.

Verstörend ist die politische Artikulation, ja: Propaganda, die so tut, als gäbe es nur dieses Lebensmodell: (heterosexuelle) Familie. Einzig diesem Konstrukt gilt die politische Sorge. Weihnachten – als Fest der Harmonie. In Wahrheit, jeder und jede weiss das eigentlich auch, ist Weihnachten im engeren Sinne ein christliches Fest – und die Angehörigen dieser Glaubensgemeinschaft machen in Deutschland kaum mehr die Hälfte die Bevölkerung aus. Der Rest interessiert sich schon grundsätzlich weder für die Advents- noch die Weihnachtszeit. Ist jüdisch oder muslimisch oder glaubenslos oder überhaupt desinteressiert: Weihnachten ist längst nicht mehr die Kernzeit glücklich gestimmter christlicher Familien, als lebe man auf einem Bauernhof mit heiligenscheinumflorten Haus- und Nutztieren.


Nicht gedacht wird bei dieser (christlich gestimmten) Agitation an uns, schwule Männer, Queers überhaupt (die LINKEqueer immerhin fordert einen «Queer-Gipfel» im Kanzleramt – MANNSCHAFT berichtete). Oft aus ihren Familien ausgestossen oder wir selbst durch unsere Familien so genervt, dass Kontakt schon gar Weihnachten nicht in Frage. Man träfe sich – und tut dies auch – lieber mit Freunden, denn Weihnachten, nicht wahr, ist auch ein Fest der Wahlfamilien. Solche, die wir uns selbst zusammengesucht haben. Und selbst wenn nicht, wenn, wie ich es selbst vor langer Zeit ziemlich genossen habe: Weihnachtstage sind solche der Ruhe – und des TV-Serien-Gucken, des Lesens, des Musikhörens, des Für-sich-sein. Aber, um auf unsere Wahlfamilien zurückzukommen: Diese zu treffen geht irgendwie nur illegal. Fünf Freunde – fünf Haushalte: verboten, wegen Coronagefahr sich zum Essen am ihnen auf ihre Art heiligen Abend zu treffen.

Was momentan an Regierungspolitik artikuliert wird, ist vor allem dies: Promotion für die heterosexuelle Grossfamilie in Glück und Frieden – für ein welk und oft ungeniessbar gewordenes Lebenskonstrukt, dem unsereins oft fliehen will und wollte, um halbwegs im eigenen Leben zu sein. Soviel christliche, pseudobethlehem-artige Propaganda angesichts der Coronagefahren – das ist deprimierend.

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Man nehme sich ein Beispiel an der neuseeländischen Premierministerin Jacinda Ardern (die seit kurzem einen schwulen Vize hat – MANNSCHAFT berichtete): Die jüngst triumphal wiedergewählte linke Politikerin sagte zu Corona und Weihnachten nur: Trefft euch in euren «Bubbles» – stützt und schützt euch. Vom Hetero-Glücksgarantie-Blödsinn – keine Spur!

*Die Meinung der Autor*innen von Kolumnen, Kommentaren oder Gastbeiträgen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.


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