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«Einige in der CSU würden nicht nochmal gegen Ehe für alle stimmen»

Queere Menschen 2023 – unser Jahresrückblick

Alex Vogt
Alex Vogt (Foto: privat)

Alexander Vogt war über 13 Jahre lang Vorsitzender der Lesben und Schwulen in der Union (LSU) der CDU. Im November übernahm Sönke Alexander Siegmann die Führung (MANNSCHAFT berichtete). Hier spricht Vogt über seine Erfolge, die Tränen von Friedrich Merz und über frühe weibliche Unterstützerinnen.

Alexander, du hast gerade im November nach mehr als einem Jahrzehnt den Vorsitz der LSU abgegeben. Woran hast du gemerkt, dass diese Aufgabe für dich erfüllt ist und nun etwas Neues beginnt?
Nach 13 Jahren Vorsitzender und 21 Jahren Mitglied im Bundesvorstand der CDU tritt irgendwann so ein Kohl- oder Merkel-Effekt ein. Und da ist es besser, jetzt zu gehen, wo es noch gut ist. Es gibt sicher noch viele Aufgaben, die auf mich warten.


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Du warst mehr als 13 Jahre Vorsitzender der LSU. Was waren eure grössten Erfolge?
Es gibt so mehrere Highlights in den Jahren, die stark mit Emotionen behaftet sind. Zum Beispiel die Preisverleihung, als wir 2011 die ehemaligen Bundestagspräsidentin und CDU-Politikerin Rita Süssmuth für ihren Einsatz für homosexuelle Menschen während der Aids-Krise in den 80ern geehrt haben.


Dann sicher auch der Parteitag 2012. Dort wollte der Kreisverband Fulda verhindern, dass über gleichgeschlechtliche Partnerschaften und deren steuerliche Gleichstellung diskutiert werden sollte – man stelle sich das mal vor, in einer demokratischen Partei! Dagegen haben wir uns gewehrt und dann folgten anderthalb Stunden Debatte! Das war eine Sternstunde der Demokratie für unsere Partei! An dem Tag haben sich viele das erste Mal mit dem Thema genauer beschäftigt. Wir haben damals zwar die steuerliche Gleichstellung nicht durchbekommen, aber immerhin 40 Prozent des Parteitages auf unserer Seite gehabt.

Auch Friedrich Merz hatte Tränen in den Augen.

Und doch sicher auch die Einführung der Ehe für Alle, oder?
Der 30. Juli 2017 gehört zu den Terminen, die mich am meisten berührt haben. Da fand die Debatte im Bundestag mit anschliessender Öffnung der Ehe statt (MANNSCHAFT berichtete). Etwas anderes, wofür wir lange mit anderen gekämpft haben, war die Gedenkstunde für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus am 20. Januar dieses Jahres (MANNSCHAFT berichtete). Die Rede von Klaus Schirdewahn ging mir sehr an die Nieren und hinterher sah in man in dem Video, dass auch Friedrich Merz Tränen in den Augen hatte, was ich sehr bemerkenswert fand. Wir sassen da und haben uns gegenseitig immer nur die Taschentücher gereicht. Darauf bin ich sehr stolz, dass wir das mit anderen geschafft haben.

Ein weiterer wichtiger der Moment war, als wir letztes Jahr als Sonderorganisation der Partei anerkannt wurden. Bei 1001 Delegierten gab es nur eine Gegenstimme. Ich finde, da zeigt sich auch, wie sich in der Christdemokratie einiges zum Guten ändert. Auch wenn man natürlich noch nicht überall da, wo wir hinwollen. Uns gibt es nun in zwölf Bundesländern und wie haben wir begonnen? Mit jeweils ein paar Leuten in einem Lokal in Saarbrücken und unabhängig davon aber zufälligerweise im selben Jahr in Köln.


Was habt ihr nicht erreicht in dieser Zeit?
Ich hatte mir gewünscht, dass es noch in meiner Amtszeit eine Nachfolgeregelung für das ‹Transsexuellengesetz› gegeben hätte. Die ist zwar in Aussicht, aber mit dem jetzigen Entwurf bin ich auch so nicht glücklich. Man merkt, dass da sehr gegensätzliche Kräfte am Werke waren. Durch die extremen Diskussionsbeiträge von beiden Seiten ist in der Bevölkerung ausserdem sehr viel Vertrauen verloren gegangen. Ich weiss, die Betroffenen wünschen sich natürlich mehr. Aber es muss auch ein Gesetz sein, dass Bestand hat. Und dazu braucht es das Vertrauen der Bevölkerung. Wichtig ist mir auch nach wie vor, dass die sexuelle Orientierung in den Artikel drei des Grundgesetzes aufgenommen wird.

CDU
Alexander Vogt und Friedrich Merz, CDU-Chef (Foto: Serhat Kocak/dpa)

Geboren wurdest du im katholischen Münsterland und bist dort in die CDU eingetreten. Wie bist du denn dann von dort aus zu den Lesben und Schwulen in der Union gekommen?
Ich komme aus einer liberalen CDU-Familie und ich hatte das Glück, dass man dort auch Dinge kritisch beleuchten konnte. Ich habe nie eine politische Antihaltung gegenüber meinen Eltern entwickelt. 1998, als die Wahl gegen Gerhard Schröder und die SPD verloren wurde, habe ich mir gesagt: Jetzt musst du Farbe bekennen. Dann bin ich in die CDU eingetreten. Das Thema der Gleichstellung hat damals bei mir aber noch keine wesentliche Rolle gespielt.

Danach habe ich als Stipendiat an einem Seminar der Adenauer-Stiftung zum Thema ‹Die Situation gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften in unserer Gesellschaft› teilgenommen und dort einige aus der LSU kennengelernt.

Wenn man nicht schnell genug den Kopf einzieht, bekommt man schnell ein Amt.

Und dann hast du angefangen, dich in dem Verband zu engagieren?
2002 bin ich zum ersten Mal zur Mitgliederversammlung gefahren. Und wenn man in so einem kleinen Verein, der damals etwa 100 Mitglieder hatte, nicht schnell genug den Kopf einzieht, bekommt man schnell ein Amt. Dann war ich Vorsitzender für Süddeutschland, danach Bundesschatzmeister. Zum Bundesvorsitz kam ich wie die Jungfrau zum Kinde. Mein Vorgänger wollte überraschend nicht mehr kandidieren. Dann haben mein Vorgänger und ich uns bei einem Bier angeguckt und da war mir klar: Ich werde antreten müssen und das habe ich dann getan.

Welches war denn eigentlich das Vorurteil, was du aus der CDU heraus am meisten gehört hast?
Dass man beim Kinderwunsch oftmals unterstellt hat, das sei nur ein Lifestyle-Thema. Aber da hat sich innerhalb der Partei die Atmosphäre auch sehr verändert. Als ich vor über einem Jahr zum Ersten Mal der Bundesvorstand der CDU als LSU-Vertreter teilnehmen durfte, bin ich mit einer Herzlichkeit begrüsst worden, die mir gezeigt hat, dass wir  in einer anderen Welt angekommen sind. Von den 70 Mitgliedern im Vorstand sind mittlerweile acht Mitglieder der LSU.

Karl-Josef Laumann, der Chef der Christdemokratischen Arbeitnehmerschaft, hat es mal auf den Punkt gebracht als er sinngemäss zu uns sagte, er sei zwar oft nicht unserer Meinung, aber wir gehörten selbstverständlich dazu!

Wenn diese Frage jemand beantworten kann, dann du: Was ist denn eigentlich christdemokratische queere Politik?
Der Grundsatz ist das christliche Menschenbild. Dass jeder Mensch, so wie er geschaffen ist, als Individuum und nicht als Teil einer Gruppe einen Wert hat und ein Recht auf Akzeptanz hat. Ich würde das auch nicht als queeres Selbstbild beschreiben, sondern einfach als menschliches Selbstbild.

Mit wem war der Umgang schwieriger? Mit manchem CDU-Mitglied, oder mit linken und progressiven Politikern der Konkurrenzparteien?
Weder noch! Das Anstrengendste waren immer die Querelen innerhalb der eigenen Vereinigung. Das gilt ja immer für alle Vereine und Gruppen. Das was man intern ausficht, kostet die meiste Kraft. Ich habe sowohl mit innerparteilichen Gegnern wie auch mit denen in anderen Parteien immer versucht ein gutes persönliches Verhältnis zu pflegen. Weil man dann auch anders und konstruktiver miteinander diskutieren kann.

Bei meiner ersten öffentlichen Podiumsdiskussion lernte ich beispielsweise Bodo Niendel von den Linken kennen. Wir haben uns sofort auf einer persönlichen Ebene verstanden und pflegen bis heute ein sehr herzliches Verhältnis. Man muss ehrlich sein, zu dem stehen, was man gesagt hat und auch loyal sein zur Partei und zur Community. Das kann nicht selten auch ein Spagat sein, wenn einem dann die Loyalität von der jeweils anderen Seite abgesprochen wird.

Wer waren die Leute aus der CDU, die die LSU am meisten unterstützt haben?
Da muss ich eine Frau ganz besonders hervorheben. Und zwar Ilse Falk, eine evangelische Niederrheinerin. Und ebenso Ingrid Fischbach und Elisabeth Winkelmeier-Becker. Alle drei sind oder waren CDU-Bundestagsabgeordnete. Die haben uns sehr früh unterstützt.

LSU
Foto: LSU/Screenshot

Bei der Abstimmung zur Ehe für Alle zum Beispiel hat mir Elisabeth Winkelmeier-Becker gesagt, dass sie sich enthalten hat und ich wusste, dass hat sie wegen des guten Verhältnisses und der Freundschaft zur LSU getan. Sie war immer für die Gleichstellung, aber mit dem Begriff Ehe hatte sie aufgrund ihrer katholischen Prägung ihre Probleme. Ihre Entscheidung haben auch manche in der LSU nicht nachvollziehen können, aber ich habe gesagt: ‹Das ist jemand, der ist auf dem richtigen Weg, ist aber noch nicht so weit. Begleitet das doch positiv und macht den Menschen Mut, noch ein paar Schritte weiter zu wagen!› Wir entwickeln uns alle. Ich kenne CSU-Abgeordnete, die mir heute sagen, dass sie heute nicht noch mal dagegen stimmen würden.


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Auch die Abgeordneten der Gruppe der ‹Wilden 13› waren wichtig für uns. Die haben sich 2012 schon für die steuerliche Gleichstellung homosexueller Paare eingesetzt. Dazu gehörten unter anderem Stefan Kaufmann, Jan-Marco Luczak und Nadine Schön. Viele Bundestagsabgeordnete sind heute mittlerweile aus Solidarität auch Mitglied der LSU geworden.

Die früheste Unterstützung in der besonders in letzten Jahrzehnten doch eher männlich geprägten CDU kam offenbar von Frauen…
…das finde ich normal. Das erleben wir als schwule Männer ja eigentlich in vielen Bereichen. Wenn man zu Hause vor dem Coming-out stand, wem würden die meisten Schwulen es erst gesagt haben? Ich glaube, in 80 Prozent der Fälle der Mutter. Oftmals fühlen sich Männer auch unbewusst ein bisschen in ihrer Männlichkeit bedroht, wenn es um das Thema geht. Ich könnte mir vorstellen, dass sie auch aus diesem Grund häufig etwas grössere Berührungsängste hatten.

Worauf freust du dich jetzt am meisten, wo du kein Vorsitzender mehr bist?
Erstmal Urlaub machen. Bis zu 75 Prozent meines Urlaubs sind für die LSU und die Partei draufgegangen. Und unbedingt wieder mehr Musik machen und mehr Lesen.

Gibt es eine zentrale Erkenntnis, die du in mehr als 13 Jahren parteilicher Arbeit für das Thema Gleichstellung gewonnen hast?
Was ich gelernt habe ist: Demokratische Prozesse sind langsam, aber sie funktionieren und das nachhaltig. Wir können was erreichen, aber: Habt Geduld, überfordert die Leute nicht! Man darf nur nicht aufgeben und muss beharrlich bleiben. Heute ist die Ehe für Alle zum Beispiel kein Thema mehr. Das erinnert mich übrigens an meine Nichte, der ich vor einigen Jahren erklärt habe, es gibt Frauen, die Männer lieben. Aber es gibt auch Männer, die Männer und Frauen, die Frauen lieben. Wir sind auch normal, von uns gibt’s nur nicht so viele. Das hat sie sofort verstanden – Erwachsene tun sich mit dem Verstehen seltsamerweise meistens etwas schwerer.


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