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Schikane im Frauenknast: Nawalny-Sprecherin veröffentlicht Roman

Konservative wittern schon «Homo-Propaganda»

Kira Jarmysch
Kira Jarmysch auf dem Weg zu einem Gerichtstermin. (Foto: Alexander Zemlianichenko/AP/dpa)

Kira Jarmysch macht die Pressearbeit für den russischen Oppositionellen Alexej Nawalny – und ist damit quasi von Beruf Kremlgegnerin. Das hat sie schon mehrmals hinter Gitter gebracht. Ihre Haft-Erlebnisse haben sie zum Verfassen eines Romans inspiriert. Von Hannah Wagner, dpa.

Als Sprecherin des inhaftierten Kremlgegners Alexej Nawalny kennt sich Kira Jarmysch im Kampf mit der russischen Justiz gut aus. Sie weiss, wie es sich anfühlt, wenn plötzlich Polizisten vor der Tür stehen und die Wohnung durchsuchen wollen. Was es bedeutet, festgenommen zu werden. Mehrfach sass die 31-Jährige wegen Aufrufen zu nicht-genehmigten Protesten sogar tagelang im Arrest. Diese Erfahrungen hat Jarmysch in einem Roman verarbeitet: «DAFUQ» ist nun auch auf Deutsch erhältlich – und aktueller denn je.

Das 416 Seiten lange Buch handelt von der 28-jährigen Anja, die auf einer Demo gegen Regierungskorruption festgenommen wurde. Nun sitzt sie zehn Tage lang in einer Arrestzelle mit fünf anderen Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Irka prostituiert sich draussen für Bier und Wodka. Maja vermisst Moskauer Edel-Restaurants und Schönheitssalons. Natascha ist alles egal, weil sie schon mal im «richtigen» Gefängnis sass und dort eh alles viel schlimmer war. Anja fühlt sich wie in einem «Sommerlager für verdorbene Erwachsene».

«An dieser Stelle erzähle ich Ihnen mehr über das Buch. Ich hoffe sehr, dass es Ihnen gefällt. Ich freue mich auf alle Rückmeldungen und Meinungen!» schreibt Jarmysch bei Twitter, die Sendung über sie und das Buch ist auf Russisch.


Einmal in die Fänge der russischen Justiz geraten, ist Anja deren Willkür hilflos ausgeliefert: Ihr Berufungsantrag wird abgelehnt, weil die Absage – wie ein Polizist ihr verrät – schon vorgeschrieben war. Ob sie duschen darf, hängt von der Laune des Wächters ab. Ob Medikamente an die Häftlinge ausgegeben werden, auch. Das einzig Verlässliche an diesen Tagen, deren einzige Fixpunkte Essen, Hofgang und Telefonieren sind, ist die Langeweile.

Vor lauter Monotonie entwickelt Anja Wahnvorstellungen. Einmal bildet sie sich ein, Zellengenossin Irka greife sie mit einer Schere an. Ein anderes Mal tauchen im Speisesaal Gespenster auf. Oder sind das alles gar keine Halluzinationen? Anja hat Angst, den Verstand zu verlieren.

Die Langeweile sei das Schlimmste an der Haft, sagt Jarmysch der Deutschen Presse-Agentur. «Es passiert einfach gar nichts.» Von morgens bis abends töne Radio aus Lautsprechern. «Das reizt einen zusätzlich sehr und geht auf die Nerven.»


Aktivistin und neuerdings Autorin
Auf die Idee, das Buch zu schreiben, habe Nawalny sie gebracht – vor wenigen Jahren, als beide mal wieder im Arrest sassen. Eine schriftstellerische Tätigkeit sei schon länger «eine Art Lebenstraum» gewesen. Doch erst Nawalny habe sie ermutigt, das auch umzusetzen, sagt Jarmysch mit Blick auf den 45-jährigen Oppositionellen, der seit einem international kritisierten Gerichtsurteil Anfang des Jahres im Straflager sitzt. «Der Arrest ist so eine Art Gefängnis light – und aus weiblicher Perspektive hat quasi nie jemand darüber geschrieben. Deshalb dachte ich, dass es interessant wäre.»

Jarmysch ist seit 2014 Sprecherin von Nawalny und dessen Anti-Korruptions-Stiftung. Gemeinsam mit anderen Unterstützer*innen des prominenten Oppositionellen dreht sie Enthüllungsvideos über korrupte russische Politiker*innen, moderiert Live-Sendungen auf Youtube und wirbt für ein eigens entwickeltes Protestwahl-Verfahren.

Als ihr Buch im Oktober 2020 in Russland unter dem Titel «Unglaubliche Vorfälle in der Frauenzelle Nummer Drei» erschien, erholte sich Nawalny gerade in Deutschland von einem Giftanschlag. Jarmysch hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Arreststrafen hinter sich. Mittlerweile sind es drei. Nach einer neuntägigen Haft im vergangenen Januar wurde sie für mehr als ein halbes Jahr in den Hausarrest geschickt. Die Begründung des Gerichts: Bei Demos für die Freilassung Nawalnys, zu denen Jarmysch mit aufgerufen hatte, sollen Corona-Auflagen verletzt worden sein. Erst Mitte August kam sie frei.

Wie schwierig es ist, in Russland zu leben, wenn man nicht mit den russischen «Werten» konform geht, weiss auch Gabriel Stoyanov. Der Bulgare ist schwul und studiert Ballettchoreografie in Moskau (MANNSCHAFT+ berichtete). Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat kürzlich Russland verklagt, weil es homosexuelle Paare nicht anerkennt (MANNSCHAFT berichtete).

Das Buch könnte «Propaganda für Homosexualität» enthalten
Dass sie selbst einmal derart zur Zielscheibe der russischen Behörden werden würde, habe sie nicht erwartet, sagt Jarmysch. «Meine Rolle ist ja nicht direkt eine politische, ich bin Pressesprecherin.» Doch sie sehe es gewissermassen als Bestätigung ihrer Arbeit, sagt sie und lächelt. Jarmysch spricht zügig, gleichzeitig aber bedacht und pointiert. «Es ist offensichtlich, dass die Behörden ihren Druck auf freiheitlich denkende Menschen in Russland im Laufe des vergangenen Jahres erheblich erhöht haben.»

Jarmysch hat Russland kürzlich verlassen, wie sie der dpa bestätigt. Dort sind Nawalnys Organisationen mittlerweile als extremistisch eingestuft und damit faktisch verboten. Ein Weiterarbeiten wäre für Jarmysch kaum noch möglich gewesen. In welchem Land sie sich nun aufhalte, wollte die 31-Jährige nicht verraten. Wann sie zurückkehren könne, wisse sie nicht.

Zu Hause in Russland droht ihrem Buch schon Ärger: Konservative Aktivisten forderten die Generalstaatsanwaltschaft vor einigen Wochen zur Überprüfung von «DAFUQ» auf. Einzelne Passagen des Werks verherrlichten Drogen, machten «Propaganda» für Homosexualität und könnten zum Suizid anstiften – so der Vorwurf. «Es bleibt abzuwarten, wie das ausgeht», sagt Jarmysch. «Ich halte es für möglich, dass das Buch verboten wird.»

Das Buch in deutscher Sprache erscheint im Rowohlt Verlag und kann bei den üblichen Händler*innen bestellt werden.


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