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Diversity-Vorreiter Netflix: Düstere Geschäftsprognosen für 2022

Bisher galt der Streaming-Dienst als grosser Gewinner der Corona-Krise

Netflix
Golda Rosheuvel (M) als Königin Charlotte in einer Szene aus Episode 102 der Serie «Bridgerton» (Foto: Liam Daniel / Netflix / dpa)

Trotz eines wirklich bahnbrechend diversen Streaming-Angebots und Hits wie «Bridgerton» oder «Squid Game» (ganz zu schweigen von queeren Highlights wie «Young Royals» oder «Sex Education») hat Netflix sein Wachstumsziel zum Jahresende verfehlt. Die Prognose für das laufende Quartal fällt noch mauer aus. Anleger sind schockiert, schreiben Hannes Breustedt und Christoph Dernbach.

In der Corona-Pandemie gehörte Netflix bislang zu den Krisengewinnern. Der Zulauf war so gross, dass der Streaming-Marktführer in den USA und Kanada seit dem Ausbruch der Pandemie gleich zweimal die Preise erhöhen und trotzdem die Nutzer*innenzahlen signifikant erhöhen konnte. Doch nun zeichnet sich ab, dass sich Netflix von seinen paradiesischen Zuwachsraten aus den Lockdown-Zeiten verabschieden muss. Am Donnerstag nach US-Börsenschluss erschreckte der Unterhaltungskonzern seine Investoren mit einem düsteren Ausblick. (MANNSCHAFT berichtete darüber, was das Jahr 2022 an queeren Streaming- und TV-Highlights bringen wird.)

Für das laufende Quartal erwartet Netflix lediglich 2,5 Millionen neue Kund*innen. Damit blieb das Unternehmen deutlich unter den Prognosen der Analyst*innen. Auch andere Zahlen bereiten den Investoren Kopfschmerzen. Der starke US-Dollar drückt die Einnahmen aus dem Rest der Welt. Betriebs- und Reingewinn werden laut der Prognose des Managements zurückgehen. Die Aktie stürzte nachbörslich zeitweise um rund 20 Prozent ab.

Netflix
Ein Button für den direkten Start der App des Streaming Anbieters Netflix (Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Im letzten Quartal 2021 legte die weltweite Anzahl der Abonnent*innen dank Streaming-Hits wie «Squid Game» noch um 8,3 Millionen auf insgesamt knapp 222 Millionen zu. Das eigene Ziel von 8,5 Millionen Neukund*innen wurde damit aber knapp verfehlt. Finanziell lief es zuletzt rund: Im Schlussquartal stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahreswert um 16 Prozent auf 7,7 Milliarden Dollar. Der Gewinn wuchs um rund 12 Prozent auf 607 Millionen Dollar (537 Mio Euro).


Starke Konkurrenz
Netflix hatte vor allem zu Beginn der Pandemie einen regelrechten Kund*innenansturm erlebt, doch das Wachstum flaut schon länger ab. Der Streaming-Riese kämpft mit starker Konkurrenz – Rivalen wie Disney+, Hulu und HBO Max rüsten auf, zudem sind neue Anbieter wie Peacock und Paramount+ hinzugekommen. Im Quartalsbericht räumte Netflix ein, dass sich der Wettbewerb intensiviert habe, da Entertainment-Konzerne weltweit ihre eigenen Streaming-Services entwickelten. (MANNSCHAFT berichtete über neue queere Serien.)

Love Victor
Die Liebesgeschichte von Victor (Michael Cimino) und Benji (George Sear) aus «Love, Victor» ist beim Netflix-Konkurrenten Disney+ zu sehen (Foto: Mitchell Haaseth / Hulu / Disney+)

Die stärkere Konkurrenz sorgt zum einen dafür, dass das eigene Kund*innenwachstum Grenzen bekommt. Viele Familien können sich nicht mehrere Streamingdienste parallel leisten, sondern müssen sich beispielsweise zwischen Disney+ und Netflix entscheiden. In manchen Regionen wie Lateinamerika ist die allgemeine Wirtschaftslage so angespannt, dass sich viele Verbraucher*innen dort gar keine Streaming-Abos mehr leisten können.

In manchen Regionen ist die Wirtschaftslage so angespannt, dass sich Verbraucher*innen keine Streaming-Abos mehr leisten können

Preise in die Höhe getrieben
Schlecht entwickeln sich auch die Kosten. Die Netflix-Wettbewerber buhlen mit dem Marktführer auch um frische Inhalte, was die Preise für Drehbücher und Produktionen in die Höhe treibt. Netflix fällt es zunehmend schwerer, das hohe Tempo bei der Vorstellung neuer Serien und Spielfilme aufrecht zu erhalten.


Die maue Prognose für das laufende Quartal begründete Netflix deshalb auch mit wenigen geplanten Streaming-Premieren. So starten etwa die neue Staffel der Hit-Serie «Bridgerton» mit Jonathan Bailey und der mit Spannung erwartete Science-Fiction-Blockbuster «The Adam Project» erst im März. Im Schlussquartal 2021 hatte Netflix mit vielen neuen Serien und Filmen sein bislang stärkstes Angebot versprochen – und das Neukunden-Ziel trotzdem verfehlt.

Kitz Netflix
Ben Felipe als Hans (l.) und der schöne Kosh (Zoran Pingel) nach ihrer ersten Liebesnacht im Hotelzimmer in der Netflix-Serie «Kitz»(Foto: Netflix)

Expert*innen werfen schon länger die Frage auf, ob das Streaming-Geschäft auf eine Übersättigung zusteuert. Netflix setzt wegen der verhaltenen Wachstumsaussichten in etablierten Märkten wie Nordamerika stark auf seine internationale Expansion.

Asien und Europa
Besonderen Erfolg hatten zuletzt etwa Produktionen aus Südkorea wie «Squid Game». Am Freitag wurde bekannt, dass der Serien-Hit eine zweite Staffel bekommen wird. «Das Universum von ‹Squid Game› hat gerade erst begonnen», wurde Ted Sarandos, Co-CEO von Netflix, vom Magazin Deadline zitiert. Die umstrittene Thrillerserie wurde in den ersten vier Wochen nach dem Start im vergangenen Herbst in 142 Millionen Haushalten angesehen.

Asien und Europa waren 2021 mit je über sieben Millionen neuen Nutzern die wichtigsten Märkte für Netflix

Asien und Europa waren 2021 mit je über sieben Millionen neuen Nutzer*innen die wichtigsten Märkte für Netflix. In den USA und Kanada kam nur gut eine Million an neuen Kund*innen hinzu.

Young Royals
Edvin Ryding (l) als Wilhelm und Omar Rudberg als Simon in «Young Royals» (Foto: Johan Paulin/Netflix/dpa)

Der trübe Geschäftsausblick von Netflix brachte nachbörslich auch die Aktien anderer Streaming-Anbieter kräftig unter Druck. Für den Unterhaltungsgiganten Walt Disney ging es zeitweise um rund fünf Prozent nach unten, für Roku – den führenden US-Hersteller von Streaminggeräten – sogar um über sechs Prozent. (MANNSCHAFT berichtete über das LGBTIQ-Angebot der Netflix-Konkurrenz.)

Auch der Mutterkonzern des Netflix-Konkurrenten Paramount+, ViacomCBS, und der Live-Sport-Streaming-Dienst FuboTV erlitten deutliche Kursverluste.

 


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