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«Look Me Over – Liberace» – Sexsymbol der etwas anderen Art

In den 80er Jahren wurde er von seinem Ex-Geliebten auf Unterhalt verklagt

Liberace
Foto: Salzgeber

Niemand stand flamboyanter und extravaganter auf der Bühne als Liberace mit seiner Vorliebe für Pelze, Federboas, Pailletten und Klunker. Eine neue Doku startet diese Woche in den deutschen Kinos.

Was die Unterhaltungskünstler*innen des 20. Jahrhunderts angeht, war Liberace ohne Frage eine echte Ausnahmeerscheinung. Nicht nur was seine Erfolge angeht, die beträchtlich waren: von den 1950er bis in die 1970er Jahre war der Pianist – geboren 1919 als Władziu Valentino Liberace und von seinen Freunden Lee genannt – dank seiner Fernsehsendung «The Liberace Show» und endlosen Konzerten nicht nur in Las Vegas der bestbezahlte Entertainer der Welt, empfangen von der Queen genauso wie vom Papst. Sondern eben auch in seinem Auftreten. Niemand stand flamboyanter und extravaganter auf der Bühne als Liberace mit seiner Vorliebe für Pelze, Federboas, Pailletten und Klunker, der sich dicke Diamantringe an die Finger steckte und Klavier wie Bühne mit Arm- und Kronleuchtern schmückte.

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«Look me over», begrüsste er sein Publikum gerne. «Schaut mich an, ich habe mich schliesslich nicht umsonst so zurecht gemacht!» Doch was die begeisterten Fans dann wirklich sahen, ist die Frage. Heute kann man sich kaum vorstellen, dass jemand diesen Mann je für heterosexuell gehalten hat. Selbst öffentlich gemacht hat Liberace, der 1987 an der Folgen seiner AIDS-Erkrankung starb, seine Homosexualität allerdings nie. Und vor allem die eher konservativen, nicht mehr ganz jungen Damen, die den Grossteil seiner Zuschauer*innen ausmachten, himmelten ihn, trotz immer wiederkehrender Gerüchte in der Klatschpresse, durchaus auch als Sexsymbol der etwas anderen Art an.

Dieser aussergewöhnlichen Lebensgeschichte und Karriere mit all ihren Widersprüchen nimmt sich nun der Dokumentarfilm «Look Me Over – Liberace» – eine deutsche Produktion, inszeniert von Jeremy J.P. Fekete – an. Doch allzu nahe kommt er seinem Protagonisten dabei leider nicht.


Er sprach in Interviews darüber, wie seine Traumfrau sein müsse
Natürlich haben alle wichtigen und hinlänglichen Eckpunkte seiner Biografie hier ihren Platz, von der engen Beziehung zu seiner Mutter bis zu seiner Vorliebe für kosmetische Eingriffe. Und immer wieder das Doppelleben: für die Kameras und auf der Bühne flirtete er mit weiblichen Fans und sprach in Interviews darüber, wie seine Traumfrau sein müsse, während er hinter verschlossenen Türen sein Schwulsein auslebte und am hauseigenen Altar um Vergebung betete. Die Archivaufnahmen seiner Konzert- und Fernsehauftritte sind bis heute faszinierend anzusehen, und die Gesprächspartner*innen, zu denen sein Anwalt oder sein musikalischer Leiter genauso gehören wie die Töchter seiner Schönheitschirurgin und die seines Managers oder ein langjähriger Liberace-Imitator und mehrere frühere Protegés und Mitarbeiter, haben allerlei kuriose Anekdoten und Spekulationen parat.

Doch das meiste bleibt arg an der Oberfläche, echte Einblicke in Liberaces Innenleben und Motivationen sind die Ausnahme. Dass seine grosse Liebe, sein langjähriger drogensüchtiger Lebensgefährte Scott Thorson (die Beziehung stand 2013 im Mittelpunkt von Steven Soderberghs Spielfilm «Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll»), stand nicht als Gesprächspartner zur Verfügung, verleitet Regisseur Fekete zu einem besonders ärgerlichen Einfall. Als Statthalter für Thorson fährt nun ein in weisser Cowboy-Kluft gewandter Schauspieler stumm Liberaces Lebens- und Wirkungsstätten in Las Vegas, Los Angeles und Palm Springs ab, was an Peinlichkeit kaum zu überbieten ist. Für eine Szene tollt ein Grüppchen queere junger Männer an und in Liberaces einem Flügel nachempfundenen Pool in Sherman Oaks herum, was für den Film allerdings keinerlei Erkenntnisgewinn mit sich bringt.

Alles, was jenseits biografischer Fakten wirklich spannend wäre, sucht man in «Look Me Over“ leider vergeblich. Über die juristischen Streitereien, die nach Liberaces Tod entbrannten, hätte man ebenso gerne mehr erfahren wie über die mediale Rezeption dieses ungewöhnlichen Entertainers. Auch die Folgen, die das unfreiwillige Outing (zu dem es in den Achtziger Jahren kam, als Thorson seinen Ex-Geliebten auf Unterhalt verklagte) für ihn privat und beruflich hatte, kommen viel zu kurz. Und eine popkulturelle und gesellschaftspolitische Einordnung von Liberaces Werk und Vermächtnis bleibt leider komplett aus, weil praktisch nur Wegbegleiter*innen zu Wort kommen.


Immerhin Justin Ayars, seines Zeichens schwuler Sohn von Liberaces langjährigem musikalischen Leiter und beruflich in LGBTIQ-Belangen aktiv, bemüht sich um ein wenig Kontext. Mehr davon hätte dem Film gut getan um wirklich zu untermauern, dass Liberace mehr war als ein ebenso populärer wie überkandidelter Showman, der Elvis Presley beigebracht hat, dass man auf der Bühne auch mal einen goldglänzenden Anzug tragen muss, um wirklich aufzufallen.


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