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Liebe dich wie deinen Nächsten – Selbstbefriedigung ist gesund!

Ein Schweizer Vikar und ein deutscher AfD-Mann warnen davor

selbstbefriedigung
Foto: Unsplash

Würgt die Schlange, umkreist den Donut oder sucht die Perle in der Muschel! Selbstbefriedigung kennt viele Namen. Den Papst zu ärgern, ist eine der schönsten Synonyme, schreibt Predrag Jurisic in seinem Samstagskommentar* und ruft alle Autoerotiker*innen dazu auf, «es» zu tun. Immer und immer wieder.

Von Unzucht, Selbstzerstörung und einer kranken Gesellschaft spricht der Schweizer Vikar Philipp Isenegger in seinem YouTube-Video. Für Thomas Deutscher, den stellvertretenden Vorsitzenden der Jungen Alternative in Bayern, ist es gar ein Raub. Ein Raub der schöpferischen Energie, vieler Nährstoffe und der männlichen Kraft. Die beiden reden nicht etwa von einem exzessiven Drogen- oder Anabolikamissbrauch, sondern von Selbstbefriedigung. (Letztes Jahr versuchte die Videokonferenz-App Zoom Online-Gruppensexpartys unterbinden mit Verweis auf die User-Richtlinien, die «obszönes» Verhalten verbieten – MANNSCHAFT berichtete).

Was sagt die Wissenschaft dazu?
Das Institut für Psychologie der Universität Bern wollte es in der Fragebogenstudie «Sexualität Beziehung Gesundheit» genau wissen: Wer tut es wie, mit wem und wie oft? Mitgemacht haben 1100 Personen zwischen 18 und 77 Jahren: 66 Prozent Frauen, 33.9 % Männer und 0.1 % Non-Binäre verschiedener sexueller Orientierungen und in verschiedenen Beziehungsformen lebend.

Bezüglich Selbstbefriedigung zeigt die Umfrage, dass 94 % der Frauen und 98 % der Männer sich innerhalb der letzten 12 Monate selbst befriedigt haben. Offenbar scheint Selbstbefriedigung für die meisten Menschen ein wichtiger Teil der Sexualität zu sein. Und das unabhängig von Geschlecht, Alter, Beziehungsstatus oder sexueller Orientierung. Wie häufig, ist dabei ebenfalls sehr individuell, wie die nachfolgende Grafik zeigt.


Quelle: Institut für Psychologie der Universität Bern

Gesunde Reaktionen des Körpers
«Die Vorstellung, dass sich Menschen rechtfertigen müssen, weil sie den eigenen Körper erkunden, ist abwegig», erklärt Simone Dos Santos, Sexualpädagogin und Geschäftsleiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen in St.Gallen. Aussagen wie «Selbstbefriedigung ist krank oder eine Verschwendung von Lebenskraft» findet sie nicht haltbar: «Solche Aussagen können junge Menschen stark verunsichern, wenn diese ihren eigenen Körper erkunden. Das Wahrnehmen der eigenen Körpersignale bildet die Grundlage für eine gesunde und achtsame Lebensweise. Wieso sollten wir also unseren Kindern und Jugendlichen oder auch Erwachsenen beibringen, dass das Wahrnehmen der eigenen Lust etwas Schlechtes ist? Das sind ganz gesunde Reaktionen des eigenen Körpers!»

Kopfkrebs wegen Selbstbefriedigung?
Ein historischer Rückblick zur Selbstbefriedigung zeigt: Nicht jede Epoche war ihr gutgesinnt. Während die Ägypter*innen das einsame Liebesspiel als höchste Ehre empfanden, bezeichneten die Römer*innen Männer, die selbst Hand anlegten, als Verlierer. Weil ihnen offenbar die Frauen fehlten. Die negative Einstellung zur Selbstbefriedigung zog sich dann über das Mittelalter bis hin zur Neuzeit hinweg: Blindheit, Dummheit oder Unfruchtbarkeit soll die Selbstbefriedigung verursacht haben. Im 18. Jahrhundert gar Lepra, Krebs oder Tuberkulose.

Gruppenmasturbation als Form von «male bonding» für Heteros?

Was die Wissenschaft schon längst widerlegt hat, ist auch im 21. Jahrhundert in manchen Köpfen verankert, wie ein sexualpädagogischer Besuch von Simone Dos Santos in einer Berufsschulklasse zeigt: «Ein junger Mann, der sich dort zu einem Spezialisten für Gebäudehüllen ausbilden lässt, hat mich gefragt, ob Selbstbefriedigung Kopfkrebs auslöse.»


Solche oder ähnliche Vorstellungen geistern auch heute noch herum: «Meistens stammen solche Vorstellungen aus religiösen oder konservativen Kreisen, die Sexualität allgemein als Tabu behandeln», stellt Simone Dos Santos fest. «Schliesslich zeigen diverse Untersuchungen, dass Selbstbefriedigung einen gesundheitlichen Mehrwert bietet.» Es gehe dabei nicht nur um die Stimulation der eigenen Genitalien, um die Hormonausschüttung oder um das Herbeiführen eines Orgasmus.

«Selbstbefriedigung ist ein Teil der Sexualität. Als solcher dient er der Erkundung des eigenen Körpers, der Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse, aber auch der eigenen Grenzen», fährt Simone Dos Santos fort. Auch trage die Selbstbefriedigung zu einem höheren Wohlbefinden und zu einer erfüllten Sexualität bei. «Wir möchten doch eine Gesellschaft, die zu ihren Bedürfnissen stehen kann, die Grenzen setzt und weiss, was ihr gefällt oder nicht. Genau das ermöglicht unter anderem das Erkunden des eigenen Körpers.»

Wie oft ist normal? Und was ist mit Pornos?
Um auf die mahnenden Worte des eingangs erwähnten Vikars zurückzukommen: Wie viel Selbstbefriedigung ist normal? Und wie schädlich ist der Pornokonsum dabei? Simone Dos Santos dazu: «Es gibt Menschen, die befriedigen sich sehr viel und andere kaum. Und beides ist normal.» Es geht darum, sich selber wahrzunehmen, achtsam mit dem Körper und seiner Erregung umzugehen und die eigene Lust zu verstehen. «Beim Pornokonsum verhält es sich wie bei Genussmitteln: Wenn Sex oder Solosex nur mit Pornokonsum möglich ist, ist es problematisch. Vor allem dann, wenn der Pornokonsum zu Einschränkungen und Leiden im Alltag führt. Dies kann zu einer Sucht werden, die eine therapeutische Behandlung erfordert», erläutert Simone Dos Santos. Darum rät sie, öfters mal die eigene Fantasie spielen zu lassen und sich mehr auf die Empfindungen des gesamten Körpers einzulassen.

Fünf gegen Willi!

Ob ihr «es» nun Onanieren, Masturbation oder fünf gegen Willi nennt: Ich finde die Variante «den Papst ärgern» am schönsten. Darum: Ärgert all die (Moral)Päpste – und zwar immer und immer wieder! Denn Selbstbefriedigung ist gesund und tut euch gut. Gerade in einer Zeit, in der wir auf soziale Kontakte verzichten müssen, ist die Selbstliebe reinster Balsam – sowohl für die Seele als auch für den Körper.

Lesbensex gilt nicht? Bitte jetzt mal gut aufpassen!

Und wenn ihr irgendwelchen kruden Theorien zur Selbstbefriedigung begegnet, klärt auf. Denn das Zeitalter von Aberglauben sollte im 21. Jahrhundert vorbei sein – zumindest, was die Sexualität angeht. Oder wie es Religions- und Sekten-Experte Hugo Stamm in seinem Blog ausdrückt: «In der Sexualität etwas Schmutziges, Verwerfliches und Sündiges zu sehen, ist die eigentliche Perversion.» Wie wahr, wie wahr.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar oder eine Glosse zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.


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