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Lackierte Geschlechter – oder: Was heisst Inklusion für Chinatown?

Harlekin will wissen, ob Klassifizieren automatisch Diskriminieren bedeutet?

chinatown
Chinatown in den USA. (Bild: Brett Sayles/Pexels)

Inklusion heisst das Zauberkonstrukt von heute. Doch wäre die Auflösung von Chinatown nicht auch ein Verlust? Mit seiner Kolumne* «¡!/UND*ODER_AUCH?%-°» möchte der Schriftsteller Harlekin Grenzen verwischen.

«The camera is an excuse to be someplace you otherwise don’t belong», so die Fotografin Susan Meiselas. Ihr berühmtester Schnappschuss Molotov Man zeigt einen Guerillakämpfer in der nicaraguanischen Revolution, der einen Pepsi-Flaschen-Molotowcocktail zündet.

Gemeinschaft. Community. Gemeinsam einsam. Together forever. Integration, Inklusion, Separation, Exklusion. Ein Strauss Gruppendynamik.

Integration galt einst doch als Nonplusultra des Zusammenführens, richtig? Aber so, wie die massentaugliche Avocado ihre gesunden Fette an ihre horrende Ökobilanz verlor, wurde die Integration in Frage gestellt. Das Zauberkonstrukt heisst heute oft Inklusion. Tausend Äpfel, zehn Birnen. Die integrativen Äpfel akzeptieren die Birnen trotz ihres Andersseins, die Früchte durchmischen sich aber wenig, währenddessen Inklusion gleiche Rechte und Möglichkeiten für alle Früchte postuliert. Und Gemüse, Schokoriegel, nicht zuletzt Non-Food. Eine smoothe Diffusion, nicht Chinatown in New York.


Aber wäre die Auflösung von Chinatown nicht auch ein Verlust? Was würden wir machen, wenn es unsere Communitys nicht mehr geben müsste? Dürfte? Adieu Mannschaft, adiós NGOs zu Schutz und Förderung – ciao gay culture! Oder ganz anders: Die Globalisierung, totale Inklusion in den Kinderschuhen? Folgerichtig: Wäre eine Sprache für alle nicht gerecht? Ist korrekt immer fair, immer richtig? (Gendern soll in Deutschland nicht vorschrieben werden, da sind sich die drei Kanzlerkandidat*innen einig – MANNSCHAFT berichtete)

Buchhandlungen, die ihre Bücher nicht nach Sprachen ordnen, sondern nach Genres. Aber auch sie sortieren. Bedeutet klassifizieren automatisch diskriminieren? Alana Smith, olympischer Skateboard-Stern, sagt «gender doesn’t matter» und schreibt they/them auf das Rollbrett, Pink auf Schwarz. Der irische Nationalist W. B. Yeats sinnierte 1917 in Anima Hominis: «We make out of the quarrel with others, rhetoric, but of the quarrel with ourselves, poetry.»

Inklusion klingt atemberaubend schön, freundlich. Aber ist sie auch menschlich? Und sind nicht die Leute, die sich für Inklusion einsetzen, oft jene, die stets einen mentalen roten Teppich vor sich ausbreiten, wenn sie in der Bar aufs Klo stolzieren? Und wer hebt sich selbstgewiss vom Rest ab, wenn er oder sie oder they der Talkrunde erklären, was es eben mit Integration und Inklusion insgeheim auf sich hat? Primus inter pares?


Das Magazin Girls like us wird von Frauen gemacht. Sind das Girls, die uns – ironisch – alle meinen? Alle who? Generisches Femininum? Egal. Da stehen so grossartige Sätze drin, dass exklusive Mauern einstürzen: You don’t get harmony if everyone sings the same note.
Die Worte sind befreiend und wohltuend wie ein Stromkabel für einen leeren Akku: Laughter is the shortest distance between two people.

Juli Zeh bespricht in «Über Menschen» – makellos – die rigorose Schmähung aller, die weniger sind als perfekte, hippe Gutmenschen in der Stadt, wechselt die Szenerie dann aufs rechtsgefederte, fast separatistische Land und zeigt das andere Gesicht der Medaille. Kopf oder Zahl? Der moralische Zeigefinger drückt gerne ab, cool und überlegen wie James Dean, aber das bringt nichts – ausser Bombenstimmung.

Der 1979 junge Molotov Man heisst bürgerlich Pablo Jesus Aruaz. Hinter jeder Ikone steht eine Identität, jedes Kollektiv besteht aus Individuen – alle einzigartig und doch alles nur Menschen. They/we belong.

*Die Meinung der Autor*innen von Kolumnen, Kommentaren oder Gastbeiträgen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.


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