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Jede*r 4. LGBTIQ Jugendliche hat Suizidgedanken wegen Corona

66.9 Prozent der anyway-Besucher*innen leiden an depressiver Verstimmung, ungeoutete und trans Jugendliche besonders

Suizidgedanken
Foto: Edward Howell/Unsplash

LGBTIQ Jugendliche sind durch die Corona-Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen stark belastet. Dies ergab eine Befragung des Jugendzentrums anyway aus Köln unter 296 lesbischen, schwulen, bi, trans, inter und queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 27 Jahren.

Demnach gibt über die Hälfte der Jugendlichen an, dass sie stark (31%) oder sehr stark (21%) emotional belastet sind. Der Grad der Belastung steigt, je vulnerabler eine Person ist. Personen unter 18 Jahren, Personen die trans* sind oder Unsicherheiten in ihrer geschlechtlichen Identität haben sowie ungeoutete und nur teilweise geoutete Jugendliche sind besonders betroffen.

«Die Pandemie verstärkt Probleme dort, wo sie ohnehin schon gross sind. Dass merken wir auch bei LGBTIQ-Jugendlichen, die ohnehin in unserer Gesellschaft unter hohem Druck stehen und deren Minderheitenstress sich nun verstärkt. Das hat auch Folgen für ihre körperliche und psychische Gesundheit», sagt Jürgen Piger, Geschäftsführung des anyway e.V.


Die Reaktionen auf die emotionale Belastung sind unterschiedlich, heisst es in einer Presseerklärung des anyway am Freitag: Mehr als zwei Drittel der Befragten leiden unter einer depressiven Verstimmung (66,9%), Angstzuständen (36,1%) und selbstverletzendem Verhalten (17,9%). Ein Viertel (25%) der LSBTIQ*-Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat sogar mit suizidalen Gedanken zu kämpfen. Bei den unter 18-Jährigen sind es sogar fast 39,4% der Befragten. Entsprechend hoch ist bei ihnen auch die Neigung zum Suizid. 7 Prozent der unter 18-Jährigen haben versucht, sich während der Pandemie das Leben zu nehmen.

Suizidgedanken
Bild: anyway

Ebenfalls haben die Einschränkungen des täglichen Lebens, die Schliessung von Schulen und Jugendzentren sowie die Kontaktbeschränkungen zu anderen LSBTIQ*-Gleichaltrigen Einfluss auf das Coming-out. Mehr als Fünftel der Jugendliche (22%) gibt an, dass sich Corona und die damit verbundenen Massnahmen auf ihren Coming-out-Prozess auswirken. Die Folgen reichen von Einschränkungen und Verzögerungen im Coming-out-Prozess bis dahin, sich nicht zu outen. 11,8 Prozent der Befragten gaben an: «Ich traue mich aktuell nicht, mich zu outen, weil ich immer Zuhause sein muss.»

Weiterhin belastet die Jugendlichen, die Auswirkungen auf ihr Coming-out spüren, dass sie die eigene sexuelle Orientierung wegen fehlender Date- und Feiermöglichkeiten nicht ausprobieren (69,4%) oder generell keine anderen LGBTIQ-Peers treffen (68,5%) können. Trans Jugendliche leiden vor allem darunter, dass ihnen durch die Schliessung der offenen Jugendarbeit Räume fehlen, in denen sie ihre geschlechtliche Identität ausprobieren können (38,9%). Oft sind LGBTIQ-Treffs der Ort, an denen trans Jugendliche ihre ersten Gehversuche in ihrer eigentlichen geschlechtlichen Identität machen, in der sie auch von der Gesellschaft akzeptiert werden wollen.


Ebenfalls wurden die Befragten darum gebeten, in eigenen Worten dazu Auskunft zu geben, was sie besonders belastet. Die Antworten reichen vom Gefühl des Abgehängtseins und der Isolation bis hin zum Verstecken und der Sehnsucht nach Orten, um andere Jugendliche in gleicher Lebenssituation zu treffen (Rechtschreibung unverändert):

«Am meisten belastet mich, dass ich mich nicht mit Personen treffen kann, bei denen ich geoutet bin. D.h, ich habe die gleiche Situation wie vor meinem Outing bei meinen Freunden.» (15, trans)

Ich fühle mich eingekesselt, ich kann zu Hause nicht ich selbst sein.

«Ich fühle mich eingekesselt, ich kann Zuhause nicht ich selbst sein und bin daher sehr eingeschränkt. Ich merke, wie sehr ich darunter psychisch leide, weil ich mich nciht gänzlich entfalten kann.» (17, lesbisch)

«Dass ich zu Hause leben muss und vom Jugendamt gefühlt kein Verständnis für meine Situation bekomme. Ausserdem, dass einige trans Personen in meinem Umfeld trotz allem mit ihrer Transition beginnen können und ich mich aufgrund von Trans-/Homophoben Eltern immer noch nicht outen konnte.» (17, schwul)

«Es belastet mich, nicht ins Anyway gehen zu können und sich mit Freunden zu treffen. Mir fehlt die Fritz Kola, die gute Stimmung und Atmosphäre des Anyway. Mir fehlt der persönliche Kontakt und der Safe Space, den ich im Anyway habe.» (23, schwul)

«Mich belastet es sehr, dass ich meine Identität nicht richtig ausleben kann, da ich nur Zuhause bin. Zudem habe ich eine soziale Phobie, der Lockdown verschlimmert diese.» (17, bi)

Als Reaktion auf diese Ergebnisse bietet das anyway ab sofort eine LGBTIQ-Empowerment-Gruppe an. In virtuellen Treffen können sich die Jugendlichen über ihre seelischen Belastungen austauschen, über ihre Probleme reden und Techniken für den Alltag lernen, um sich aus Tiefs herauszuziehen oder akuten psychischen Stress abzubauen. Darüber hinaus bietet das anyway als Jugendberatungsstelle anonyme und kostenlose Beratung am Telefon, Videochat oder als persönliches Gespräch (z.B. als gemeinsamer Spaziergang) für LGBTIQ-Jugendliche und junge Erwachsene an. Anfragen für die Beratung oder für die Empowerment-Gruppe können unter beratung@anyway-koeln.de gestellt werden.

Insgesamt 31.500 Euro fehlen dem Kölner LGBTIQ-Jugendzentrum anyway durch die Corona-Pandemie. Das Zentrum ruft deshalb mit prominenten Fürsprecher*innen zu Spenden auf (MANNSCHAFT berichtete).

2018 hatte am Kölner Friesenplatz ein neues Café für queere Jugendliche und junge Erwachsene eröffnet (MANNSCHAFT berichtete). Mehr als 1400 Jugendliche fanden dort jeden Nachmittag und Abend einen neuen Treffpunkt – bis die Pandemie begann.

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Brauchst du Hilfe? Wende dich in der Schweiz telefonisch an die Nummer 143 oder schreibe an die Berater*innen von Du-bist-Du.ch. In Österreich hilft die HOSI Wien (zu Büroöffnungszeiten) unter (+43) 660 2166605, das Kriseninterventionszentrum oder für LGBTIQ die psychosoziale Beratungsstelle Courage. In Deutschland gibt es die Notfall-Nummer 19446, zudem hilft u.a. der Verband für lesbische, schwule, bisexuelle, trans, intersexuelle und queere Menschen in der Psychologie, in Städten wie Köln kann man sich an Rubicon wenden.


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