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Es ist Hass auf Schwule und Lesben, nicht Liebe zur Meinungsfreiheit

Der ereignisreiche Abstimmungskampf zur Ausweitung der Anti-Rassismus-Strafnorm befindet sich in der Schlussphase.

Hass auf Schwule Abstimmungskampf
(Bild: Twitter/Pink Cross)

Am morgigen Sonntag entscheidet die Schweiz, ob Schwule und Lesben künftig vom Schutz der Anti-Rassismus-Strafnorm profitieren können. In seinem Samstagskommentar* schreibt Silvan Hess, welche Erkenntnisse man bereits heute aus dem Abstimmungskampf ziehen kann.

Morgen ist für die Schweizer LGBTIQ-Community der wichtigste Tag des Jahres: Das Stimmvolk entscheidet über die Ausweitung der Anti-Rassismus-Strafnorm und damit über mehr Schutz vor Hass für Lesben und Schwule (MANNSCHAFT berichtete). Auch wenn der Ausgang des recht ereignisreichen Abstimmungskampfes noch ungewiss ist, können wir bereits heute mindestens fünf Erkenntnisse daraus ziehen.

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Erkenntnis 1: Die Gegner*innen treibt der Hass auf Schwule und Lesben – und nicht die Liebe zur Meinungsfreiheit.
Die konservative Stiftung «Zukunft CH» hatte ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, das hätte bestätigen sollen, dass mit der Annahme die Meinungsfreiheit massiv eingeschränkt wird.

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Das Gutachten erhielt die Stiftung bereits Anfang November. Weshalb wurde es erst Ende Januar und nur so nebenbei auf der Internetseite der Stiftung veröffentlicht? Es musste die Auftraggeber*innen enttäuscht haben, da es zum Schluss kam, dass ein Ja am Abstimmungssonntag nicht wirklich das Ende der Meinungsfreiheit bedeuten würde:

«Pink Cross ist ein Geschwür in der Gesellschaft.»
«Homosexuelles Verhalten ist sündhaft und führt, wenn es nicht bereut wird, in die Hölle.»
«Wir müssen unsere Jugend schützen vor dem Abgleiten in den Sumpf der Homosexualität.»
«Homosexualität ist pervers und unnatürlich.»

All das, liebe eidgenössische Homophoben-Lobby, und noch viel mehr dürfen Sie laut Ihrem eigenen Gutachten weiterhin ungestraft öffentlich sagen. Das Zensur-Argument ist Schwachsinn; es geht den Gegner*innen nicht um die eigene Meinung. Dies ist nur ein Vorwand für den wahren Grund: Hass auf Schwule und Lesben.

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Erkenntnis 2: Nicht alle Christ*innen sind sanftmütige, menschenfreundliche und gütige Menschen.
Ich gebe zu, diese «Erkenntnis» ist leicht ironisch gemeint, denn wer die Bibel kennt, weiss dass sie eine ganze Reihe von grausamen und menschenverachtenden Anweisungen und Regeln beinhaltet. Christ*innen leben nun mal nach der Bibel und wissen ganz genau, wer für welches «Verbrechen» die Todesstrafe verdient.
«Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen.»

Hosianna! Es geht den konservativen Christ*innen – und zu diesen gehören, Gott sei Dank, längst nicht alle Christ*innen – nicht darum, dass sie Angst haben, ihr heiliges Buch nicht mehr zitieren zu dürfen. Das können sie weiterhin tun (siehe Erkenntnis 1). Es geht darum, dass Schwule und Lesben so wenig Schutz vor Hetze und Gewalt wie möglich erhalten sollen.

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Erkenntnis 3: Homophobie rentiert sich nicht mehr.
Swiss trennt sich vom homophoben Chocolatier Läderach (MANNSCHAFT berichtete), Coca-Cola wirbt ganzseitig, frontal und in Regenbogenfarben für mehr Toleranz (MANNSCHAFT berichtete). Setzen sich diese Firmen plötzlich aus ganzer Überzeugung für die Rechte von LGBTIQ-Menschen ein? Nicht wirklich. Das ist alles wirtschaftliches Kalkül – was jedoch nicht schlimm ist!

Wenn sich Unternehmen mit Regenbogenfahnen schmücken, dann bedeutet dies, dass sie sich dadurch unter dem Strich Profit erhoffen. Das bedeutet wiederum, dass die Mehrheit der potenziellen Kund*innen ein LGBTIQ-freundliches Image positiv wertet.

Rechtskonservative mögen diese Entwicklung gar nicht, denn bisher liess es sich ganz angenehm zur Pfeife der freien Marktwirtschaft tanzen, ganz ohne schwule Melodien. Sie finden es skandalös, dass eine Fluggesellschaft nicht mit homophoben Chocolatiers zusammenarbeiten möchte. Ironisch: Es handelt sich dabei um dieselben Leute, die finden, dass ein Bäcker gefälligst das Recht haben soll, aus religiösen Gründen einen Auftrag von Schwulen oder Lesben abzulehnen. Sie sagen mit anderen Worten: «Werte sind wichtig, solange es unsere Werte sind.»

Der LGBTIQ-Community kann es egal sein, dass dieses regenbogenfarbene Engagement nur Imageaufbesserung ist. Doch wir sollten es umso mehr schätzen, wenn Personen, Gruppen oder Vereine ohne Absicht auf Profit Farbe bekennen. Dazu gehört das Openair Frauenfeld, das sogar einen Shitstorm dafür in Kauf nahm. Auch Rapper Mimiks tauchte auf Instagram sein Plattencover «aus aktuellem Anlass» in Regenbogenfarben (MANNSCHAFT berichtete). Ausserdem warben Fussballvereine wie der Schweizer Meister YB oder der Challenge-Ligist FC Winterthur öffentlich für mehr Schutz vor Hass (MANNSCHAFT berichtete).

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Erkenntnis 4: Rechtsnationalisten verstehen den Unterschied zwischen Ursache und Wirkung nicht.
Das rechtsnationalistische Blatt Schweizerzeit jammerte in einem Onlineartikel über «Hass» aus der LGBTIQ-Community. MANNSCHAFT sah sich gezwungen, nochmals den Unterschied von Ursache und Wirkung zu erklären.

Die völlig harmlosen negativen Reaktionen in unseren Kommentarspalten richten sich gegen Menschen, die Schwulen und Lesben den Schutz vor Hass und Gewalt verweigern möchten. Oder gegen Leute, die LGBTIQ-Menschen einsperren oder töten wollen. Es sind Reaktionen auf grundlosen Hass.

Der Hass in den Kommentarspalten von Schweizerzeit.ch hingegen richtet sich gegen Minderheiten oder gegen Menschen, die Minderheiten schützen. Wir konnten zeigen, dass auf Schweizerzeit.ch unzensiert zu Mord und Gewalt aufgerufen wird. Zwei Kommentare, welche die Erschiessung der gesamten Staatsanwaltschaft Schaffhausen forderten, löschten die Betreiber*innen übrigens nach unserem Beitrag.

Erkenntnis 5: Die LGBTIQ-Community ist nicht gespalten.
Es gibt Schwule und Lesben, die morgen ein «Nein» in die Urne legen werden. Das ist ihr gutes Recht und über die logische Kohärenz ihrer Argumente möchte ich an dieser Stelle nicht streiten.

Perfid ist jedoch, dass die Gegner*innen diese winzige Minderheit für ihren Abstimmungskampf instrumentalisierten, um den Anschein zu erwecken, dass die Community «gespalten» sei.

Tobias Urech leitete das Ja-Komitee mit und versicherte MANNSCHAFT in einem Interview das Gegenteil. «Wir haben über 80 Organisationen im Rücken und die Community steht geeint für ein Ja ein.»

Hunderte Personen haben sich für ein freiwilliges Engagement gemeldet, um dafür zu kämpfen, dass öffentliche Homophobie künftig eine Straftat ist.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

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