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Ein Salzburger «Reigen» für das 21. Jahrhundert: Sex ist kompliziert

Der Klassiker wird in die globale Gegenwart geholt

Salzburg
Foto: SF / Lucie Jansch

International erfolgreiche Autor*innen haben den Erotik-Klassiker neu geflochten. Bei Schnitzler landeten fast alle im Bett. Heute manchmal auch vor Gericht.

Von Albert Otti, dpa

Sexualität ist seit der Uraufführung von Arthur Schnitzlers «Reigen» vor rund hundert Jahren komplizierter und politischer geworden. Das ist eine der Botschaften der zehn bekannten Autor*innen, die für die Salzburger Festspiele die ebensovielen Szenen des Klassikers vom Wien des frühen 20. Jahrhunderts in die globale Gegenwart holen.

Zwischen den Szenen wird ein Kurzfilm des russischen Exildramatikers Michail Durnenkow eingeblendet, in dem sein Alter Ego bewegend von der Flucht aus Russland und der Verfolgung von Homosexuellen erzählt. Mikhail Durnenkov wurde 1978 in Russland geboren. Nach seinem öffentlichen Auftreten gegen Russlands Angriff auf die Ukraine wurden seine Theaterstücke in Russland verboten. Zudem verlor er seine Dozentur an der Moskauer Kunsttheaterschule und musste mit seiner Familie nach Finnland fliehen.


Während im «Reigen» Schnitzlers Figuren fast alle zur Sache kamen, wird in der neuen Version vor allem über Beziehungen geredet: Per Videoschalte, in der Künstlergarderobe oder auch vor Gericht. Das Stück, an dem unter anderem Sofi Oksanen, Leïla Slimani und Sharon Dodua Otoo mitgeschrieben haben, wurde bei der Premiere am Donnerstag trotz der hohen Qualität des Schauspielensembles nur mit höflichem Applaus bedacht. Einige Gäste – fast durchwegs ältere Männer – verliessen die Inszenierung von Yana Ross vorzeitig.

Die Stärke des Originals lag in seiner Mechanik, die wie ein Uhrwerk ineinandergreift: Entlang der gesellschaftlichen Stufenleiter treibt es die Dirne mit dem Soldaten, der Soldat mit dem Stubenmädchen, und so weiter, bis zur Schauspieldiva und dem Grafen, der wiederum auf die Dirne trifft. Der neue «Reigen» löst diese Strenge auf – wohl auch, weil Sexualität heute ein breiter gefächertes Thema ist.

Ross lässt das Ensemble des Schauspielhauses Zürich in einem eleganten Restaurant mit dickem Teppichboden und Spiegeldecke agieren. Die Darstellerinnen und Darsteller sehen dem Festspielpublikum verdächtig ähnlich – vom glitzernden Haarschmuck einer Dame bis zu Herren mit Kaschmirpullovern über den Schultern und roten Socken in Slippern.


Gleich zu Beginn entlädt die österreichische Autorin Lydia Haider einen barocken Schwall von Fäkalsprache.

Doch der Schein trügt: Gleich zu Beginn entlädt die österreichische Autorin Lydia Haider einen barocken Schwall von Fäkalsprache. Überhaupt liegt der Fokus des Stücks weniger auf Sexualität an sich, als auf verbaler Gewalt, Entfremdung, ermüdenden Beziehungen und wirtschaftlicher Abhängigkeit.

Die Originalcharaktere wurden äusserst aktuell übersetzt. Die finnisch-estnische Starautorin Oksanen machte aus Schnitzlers Soldaten und Stubenmädchen eine Essensbotin (Tabita Johannes) und einen Online-Troll (Urs Peter Halter) im russischen Informationskrieg gegen den Westen. Während im Original ein junger Herr sein Stubenmädchen zu Sex drängt, wird bei der französisch-marokkanischen Schriftstellerin Slimani daraus ein Missbrauchsprozess.

Der Schweizer Georg-Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss nutzt Schnitzlers Szene zwischen Graf und Dirne für einen Seitenhieb auf die Salzburger Festspiele: In seinem Dialog zwischen einem Geist (Sibylle Canonica) und einem Kulturmäzen (Michael Neuenschwander) ist von Metallen wie Nickel die Rede – ein Hinweis auf das Schweizer Rohstoffunternehmen Solway, von dem sich das Festival kürzlich als Sponsor trennte. Bärfuss und Ross hatten diesen Schritt wegen Umwelt- und Menschenrechtsvorwürfen gegen Solway gefordert.

Das Stück ist ab September auch im Schauspielhaus Zürich zu sehen.


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