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Ehemaliger Schweizergardist outet sich: «Ich war nicht naiv»

Dario Muzzin will ein Zeichen gegen «Heuchelei und Schizophrenie im Vatikan» setzen

dario muzzin
Bild: instagram.com/dario_muzzin

Der ehemalige Schweizergardist Dario Muzzin outet sich in den Medien als schwul. Den Ausschlag dafür hat das Segnungsverbot für Homosexuelle des Vatikans gegeben.

Dario Muzzin ist 28-jährig, ehemaliger Schweizergardist im Vatikan und offen schwul. Das mediale Coming-out wagt er in einem Artikel des Tages-Anzeigers. Provoziert habe ihn das Segnungsverbot für homosexuelle Partnerschaften, das Mitte März von der Glaubenskongregation im Vatikan bekannt gegeben wurde und auch die Zustimmung von Papst Franziskus hatte (MANNSCHAFT berichtete).

Die Glaubenskongregation begründete den Ausschluss damit, dass Homosexualität nicht im Schöpfungsplan Gottes vorgesehen und daher eine Sünde sei. Das mache ihn wütend und traurig zugleich, wie Muzzin gegenüber dem Tages-Anzeiger sagt. Das Coming-out soll ein Zeichen gegen die «Heuchelei und Schizophrenie im Vatikan sein».


Das öffentliche Bekenntnis zu seiner Homosexualität ist jedoch nicht als Rachefeldzug zu verstehen. Muzzin habe während seiner Zeit als Schweizergardist von 2014 bis 2016 schöne, lehrreiche Erfahrungen gemacht. Die Garde wurde zur Ersatz-Familie. «Niemals würde ich sagen, der Vatikan oder die Garde seien scheisse, weil sie Schwule ablehnen», sagt er. Hingegen stört es ihn gewaltig, «wenn man dort zu sein vorgibt, was man nicht ist.»

Muzzin wuchs in Brunnen im Kanton Schwyz in einer offen katholischen Familie auf. Die Firmreise brachte ihn erstmals nach Rom, nach der Rekrutenschule kam er in die Schweizergarde. Er liebte es, durch die Heilige Stadt zu spazieren oder zu joggen, doch in die LGBTIQ-Szene verschlug es ihn nie. «Das wäre viel zu riskant gewesen», sagt er. Überhaupt habe er sich nie mit anderen Gardisten über sein Schwulsein unterhalten. «Homosexualität ist in der Garde ein absolutes Tabuthema.»

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Seit 1506 im Einsatz: Die Schweizergarde im Vatikan. (Bild: iStockphoto)

In der Garde habe man über Homosexualität höchstens gewitzelt, für Intimität mit anderen Soldaten ist das Risiko zu gross. Wer dabei erwischt wird, erhält die fristlose Kündigung. Nicht aussergewöhnlich war es jedoch, dass hübsche Gardisten von hohen Klerikern Geschenke oder eine Einladung in die privaten Gemächer erhielten. So gab es auch die eine oder andere unerwartete Beförderung. Muzzin selbst erlebte während seiner Zeit im Vatikan keine solchen Avancen. Er sei auch nicht der «klassische Typ des sportlichen Hellebardiers» sagt er gegenüber dem Tages-Anzeiger.


Als Muzzin in die Schweizergarde kam, war er sich der Ablehnung der katholischen Kirche gegenüber Homosexuellen sowie des homophoben Umfelds im Vatikan bewusst. «Ich wusste ja, wohin ich ging. Ich war nicht naiv.» Es war auch nicht der von Männern geprägte Alltag, der den damals 21-Jährigen am Dienst in der Schweizergarde faszinierte, sondern die Lebenserfahrung. «Früher war ich extrem introvertiert. Die Garde wurde zum Katalysator und half mir, Selbstbewusstsein aufzubauen.»

Muzzin begegnete Papst Franziskus rund ein- bis zweimal in der Woche. Er beschreibt den Pontifex als «sehr nahbaren Papst, der spontan auf die Menschen zugeht und sich erkundigt, woher man kommt und wie es einem geht.» Umso mehr ist Muzzin von Franziskus und seiner Entscheidung, das Segnungsverbot für Homosexuelle zu befürworten, enttäuscht. Der Dialog zwischen liberalen und konservativen Gläubigen sei eben ein «extrem schwieriger Drahtseilakt», so Muzzin.

Heute studiert Muzzin Betriebswirtschaft und ist Leiter eines Labors für Sonderabfall. Nebenbei engagiert er sich im Vorstand der Pride Zentralschweiz. Das Feedback auf das öffentliche Coming-out sei «nur positiv» gewesen, sagt Muzzin gegenüber MANNSCHAFT. Er ist sich bewusst, dass ihm die mediale Aufmerksamkeit die Mitgliedschaft in der Vereinigung ehemaliger Schweizergardisten kosten könne. Für viele Soldaten ist das Netzwerk nach der Zeit im Vatikan ein Sprungbrett für die Karriere in der Schweiz. Muzzin ist nach wie vor gläubiger Katholik und besucht ab und zu die Messe. Er ist jedoch überzeugt: «Solange die Kirche aber so homophob ist, werde ich mich nicht in ihr engagieren.»

In den vergangenen Wochen regte sich in Europa viel Widerstand gegen das Segnungsverbot aus dem Vatikan. Mehrere deutsche Bischöfe und österreichische Priester gaben einen Boykott bekannt. In einem offenen Brief an die römische Glaubenskongregation verlangten die fünf grossen katholischen Frauenverbände im deutschsprachigen Raum eine Aufhebung des Segnungsverbots. In der Schweiz forderte die Lesbenorganisation LOS den Rückzug der Schweizergarde aus dem Vatikan (MANNSCHAFT berichtete).


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