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Lieber Tom Hanks: Man nennt es Schauspielkunst

Will der Hollywood-Star woker sein als woke Produzent*innen oder Regisseur*innen?, fragt sich unser Autor

tom hanks
Tom Hanks (Foto: Darren England/AAP/dpa)

Dürfen heterosexuelle Schauspieler Schwule spielen? Nicht wenn es nach Tom Hanks geht. Ein Gastbeitrag* von Ulrich Michael Heissig, der seit über 25 Jahren Irmgard Knef verkörpert, die «Zwillingsschwester» von Hildegard Knef.

Tom Hanks?! What did you say? Was hat sich der Hollywoodstar mit seiner Aussage gedacht? Er würde den schwulen Anwalt, den er in «Philadelphia» gespielt hat, heute nicht mehr spielen? Wegen mangelnder Authentizität eines Heteros (der er nun mal ist) (MANNSCHAFT berichtete).

Ich habe ihn damals 1994 in den tabuisierten Zeiten der Unterdrückung schwuler Liebe und schwulen Lebens für diese Rolle geliebt, er war authentisch, ein grossartiger schwuler Anwalt für die Länge des Films, der viel in mir, in meiner Generation bewegte.

Hanks Aufgabe, seine Funktion, sein Berufsethos als Schauspieler, nämlich authentisch in die Rolle eines völlig anderen Menschen zu schlüpfen, hatte er laut Kritik und auch zu meiner vollsten Zufriedenheit erfüllt.


Ein Jahr später dann «Forrest Gump». Er spielte einen minder intelligenten Mann mit einem IQ von 75. Kam auch sehr authentisch rüber. Obwohl Hanks IQ im höheren dreistelligen Bereich liegen muss. 11 Jahre später dann seine Hetero-Kollegen von «Brokeback Mountain» Jake Gyllenhall und Heath Ledger die, beide völlig authentisch mit ihrer Schauspielkunst grosses schwules Kino herstellten.

Immer noch rührt mich dieser Film zu Tränen, und ich bin den beiden nicht böse, dass sie mich mit meinen, durch ihr Spiel hervorgerufenen Emotionen an der Nase rumführten, weil sie ja nur spielten, was sie gar «in echt» waren. Nein!! Sie tun nur das, was der Grund und Urgedanke, der Sinn und Zweck der Schauspielerei und Schauspielkunst ist.

Man kann auch als lesbische Schauspielerin völlig authentisch und deshalb hervorragend eine Hetero-Familienmutti spielen.

Als Schauspieler seinem Publikum durch authentische Darstellung andere, neue Welten zu erschliessen. Ich kann wie Georg Uecker als Schauspieler selbst schwul sein und hervorragend und authentisch den Karsten Flöter in der «Lindenstraße» spielen, ich kann aber auch als lesbische Schauspielerin völlig authentisch und deshalb hervorragend eine Hetero-Familienmutti spielen. Maren Kroymann beweist das z.B. immer wieder im deutschen TV. Authentizität in der Fiktion – also im Spielfilm – ist die höchste Form von darstellerischem Handwerk, dass dann Schauspielkunst heisst. Lee Strassberg und Stanislawski heiseen zwei grosse Lehrer dieser Kunst.


In den Nuller-Jahren, als  z. B. «Richterin Barbara Salesch» und «Richter Alexander Holt» sich selbst spielten um als Richter*innen völlig authentisch rüberzukommen, als Formate wie «Bauer sucht Frau» und «Frauentausch» durch authentische Nichtschauspieler*innen, also laienhafte Selbstdarsteller*innen, billig produziert und gleichzeitig authentisch sein konnten, geriet offenbar bei nicht wenigen Zuschauern die Wertschätzung der erlernten und hergestellten Schauspielkunst in eine Schieflage. Die Reality-Formate stellten offenbar schauspielerische Fiktion in Frage.

Wenn jeder mit seinen Anlagen, Eigenschaften, sexuellen und geschlechtlichen Identitätsmerkmalen nur noch sich selber spielt, um authentisch zu sein, dann bedeutet dies das Aus der (schau)spielerischen personellen Transzendenz, der darstellerisch vorgeführten und mit authentisch wirkenden Spiel gefüllten Behauptung. Authentisch wirken und es im Moment der Schauspielhandlung auch zu sein – nicht mehr und nicht weniger will und verlangt Schauspielkunst.

Und Fiktion auf Bühne, Leinwand und Bildschirm ist nun mal und war schon immer Behauptung.
Muss ich Mörder sein, um authentisch einen Mörder spielen zu können? Kann ich nur mit eigener Knasterfahrung einen Gefangenen spielen? Muss ich blind und gehörlos sein, um einen Blinden oder Gehörlosen zu spielen? Muss ich vergewaltigt worden sein, um authentisch ein  Vergewaltigungsopfer spielen zu können? Muss ich tot sein, um als Leiche im «Tatort» engagiert zu werden?

Natürlich nicht und keiner weiss das besser als die Angehörigen der A-Star-Riege Hollywoods. Warum also dieses Statement des Medienprofis Hanks? Will da jemand in den vorauseilenden Gehorsam, in die Überanpassung gehen um, woker als manch woker Besetzungschef, Produzent oder Regisseur zu sein? Will er Abbitte leisten für eine frühere Verfehlung, eine schauspielerische Jugendsünde, um bei einem bestimmten woken Publikum wieder anzudocken, oder kapituliert er als Hetero vor noch begabteren schwulen Kollegen? Ich jedenfalls lehne Hanks Begründung ab.

Ich musste auch mal im Musical «Linie 1» einen knutschenden schwulen U-Bahnfahrgast spielen.
Der, den ich knutschte war mein Ex. Am Tag zuvor hatten wir Schluss gemacht. Kam trotzdem sehr authentisch verliebt rüber und der Hetero, für den ich eingesprungen war knutsche auch sehr authentisch schwul. Aber wie küsst ein Schwuler anders? Sind schwule Küsse authentischer als heterosexuelle? Sorry da bin ich raus …

Ich als Angehöriger der darstellenden Zunft spiele seit über 25 Jahren als schwuler, glatzköpfiger Mann Jahrgang 65 hauptsächlich die Rolle einer alten, blonden, Jahrgang 1925er Dame – authentisch, wie immer mal wieder bezeugt wird. Nach Hanks‘ Logik oder einer Wokeness, die meint, eine solche Stellungnahme von Hank und anderen hervorbringen zu müssen, wäre dann Schluss damit. Sollte die Show authentisch sein, müssten demnach 96. Jährige, blondierte heterosexuelle Chansonetten gecastet werden.

Ich bleibe dabei: Authentisch muss die Darstellung sein. Der Darsteller muss «nur» Mensch sein. Und ein guter Schauspieler.

* Die Meinung spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.



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