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Das Leben geht weiter – mit zwei Metern Abstand

Um sich in der Selbstisolation nicht einsam zu fühlen, sind gute Strategien gefragt.

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Barbara von «queerAltern» (rechts), hier auf einem Bild aus vor-Corona-Zeiten. (Bild: zvg)

René Stamm von «Gay and Lesbian Sport Bern» hat ausgerechnet durch die Corona-Einschränkungen ein ganz neues Freiheitsgefühl kennengelernt. Barbara Bosshard von «queerAltern» erzählt, mit wie viel technischer Finesse ältere Menschen mit der Situation umgehen. Beide finden: Es ist wichtig, dass die Schweiz auf eine Ausgangssperre verzichtet.

René Stamm vermisst das regelmässige Badmintonspiel, auf das er wegen der Corona-Massnahmen momentan verzichten muss. Er ist Präsident von «Gay and Lesbian Sport Bern» (GLSBe), der Sport und das Vereinsleben sind wichtige Bestandteile seines Lebens. Und doch: René ist überrascht, wie gut er mit dem Badminton-Entzug und den Einschränkungen seines Privatlebens zurechtkommt.

Jugendgefühle dank Corona
Dies liegt einerseits daran, dass er ein Talent hat, das Positive an den Dingen zu sehen. Sein Körper könne sich durch die Zwangspause regenerieren. «So habe ich beispielsweise keine Beschwerden mehr an der Ferse», sagt er. Andererseits ist der 69-Jährige auf andere Sportarten ausgewichen – und hat sich dabei schon fast wieder wie ein Jugendlicher gefühlt.

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Mit seinem neuen Elektrofahrrad unternimmt er Touren quer durch den prachtvollen Frühling. «Das ist ein Gefühl von Freiheit, das ich als Vierzehnjähriger empfunden hatte, als ich mich mit dem Velo immer weiter von Zuhause weg wagte und die Welt erforschte», erzählt René. Ausserdem macht er Wanderungen, geht joggen oder laufen. Er ist darum äusserst froh, dass die Schweiz auf eine totale Ausgangssperre verzichtet hat.

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René hat das Radfahren und Wandern für sich wiederentdeckt. (Bild: zvg)

Normalität in Sicht
Dies ist schliesslich sein Tipp für Menschen, die in Zeiten der Selbstisolation unter Einsamkeit leiden: «Man kann weiterhin vieles unternehmen – solange man die zwei Meter Abstand einhält.» René schätzt es sehr, dass der Bundesrat im Gegensatz zu anderen Regierungen dem einzelnen Menschen viel Verantwortung überlasse und nicht alles diktiere.

Schwimmen, Tanzen, Volleyball, Unihockey, Bowling, Badminton und Laufen – das Angebot des GLSBe ist vielfältig. Bei jeder Sportart muss nun separat entschieden werden, wann und in welcher Form die Gruppen wieder zusammenkommen dürfen. René ist zuversichtlich, dass er schon bald wieder mit Freund*innen die Shuttles übers Netz dreschen kann. «Wir hatten ja schon vor dem Verbot die Anweisungen beachtet, nicht mehr abgeklatscht und in der Umkleidekabine Abstand gewahrt.»

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Die Aussicht auf eine baldige Rückkehr zur Normalität sei denn auch etwas vom Wichtigsten in dieser Situation. «Es wäre viel schlimmer, wenn ich aus gesundheitlichen Gründen nie mehr Sport machen dürfte», findet René.

Solidarität gegenüber älteren Menschen
Barbara Bosshard, Präsidentin des Vereins «queerAltern», ist wie René Stamm froh darüber, dass es nicht zu einer Ausgangssperre gekommen ist. «Für viele ältere Menschen wäre das ganz schwierig», findet sie. Schon vor Corona hat «queerAltern» das Langzeitprojekt «Caring Community» in die Wege geleitet: Mitglieder von «queerAltern» unterstützen andere Mitglieder, indem sie beispielsweise Einkäufe erledigen, mit ihnen telefonieren oder einfach etwas Gesellschaft leisten.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit «Queerona: Mach’s dir schön Daheim»

Mit der Corona-Krise war klar, dass das Konzept jetzt erst recht vorangetrieben werden musste. Allerdings vorerst beschränkt auf Einkaufen und Telefonieren. Zwanzig Helfer*innen standen für besuchsdienst@queeraltern.ch bereit – doch beansprucht wird das Angebot nur von wenigen. Dennoch sei das Projekt wichtig, findet Barbara. «Wir hatten sehr viele positive Rückmeldungen von Leuten, die froh sind, dass sie dieses Angebot nützen könnten.»

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Das ist auch eine wichtige Funktion von «queerAltern»: den Menschen zu zeigen, dass jemand für sie da wäre, wenn sie Hilfe brauchen sollten. Diese Gewissheit sei viel wert, sagt Barbara. Viele hätten überdies bereits von Nachbar*innen oder von anderen Bekannten Hilfe erhalten. Die Solidarität sei gross.

«Wertvolle Nähe»
In manchen Fällen machen es Schamgefühle nicht einfach, aktiv Hilfe zu suchen. Einsamkeit ist noch immer ein Tabuthema. Ausserdem können für viele schon einfache Nachbarschaftsdienste schnell etwas gar zu intim werden, wie Barbara weiss: «Nur schon Slipeinlagen auf die Einkaufsliste zu schreiben, kann zu einem Problem werden.»

Sie mache daher oftmals den ersten Schritt und kontaktiere vor allem ältere Menschen der Community, um nachzufragen, wie es ihnen gehe. Vielfach zeige sich dann, dass der Anruf sehr geschätzt werde. «Dadurch entsteht eine gegenseitige, wertvolle Nähe und Gespräche, die auch mich beschenken.»

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Barbara hat festgestellt, dass sich die meisten älteren Menschen irgendwie mit der Situation arrangierten. Sie verstünden, dass sie zur Risikogruppe gehören und setzen die empfohlenen Massnahmen um. Natürlich gebe es ein paar, für die einkaufen zur individuellen Freiheit gehöre und sich nicht davon abbringen liessen. Sie sage in solchen Fällen oft, dass sie sich wenigstens anschliessend die Hände desinfizieren sollen. «Verbieten will ich ihnen das Einkaufen nicht, ich bin ja schliesslich nicht Gouvernante.»

Dass die Leute mal raus wollen für einen Spaziergang sei verständlich; es sei ja auch nicht verboten und nicht weiter gefährlich, wenn man die Regeln dazu beachte. Sie empfehle, anderen Spaziergänger*innen auszuweichen und am Abend oder am Morgen früh das Haus zu verlassen. «So mache ich es selbst auch», sagt Barbara.

Technologie gegen Einsamkeit
Wenn alle Läden, Restaurants und Kulturhäuser geschlossen seien, halte sie es in der Stadt nicht aus. «In meinem Café «du Bonheur» sitzen und dabei die Zeitung lesen oder mit Freund*innen reden – das ist für mich quasi der Inbegriff des Glücks», schwärmt Barbara. Die 69-jährige Zürcherin ist für die Corona-Zeit zu ihrer Partnerin nach Romanshorn gezogen.

Auf das Café muss sie vorübergehend verzichten. Genau wie auf den Stammtisch von «queerAltern», wo jeweils Anfang Monat etwa zwanzig Personen vorbeikommen. Doch wer glaubt, ältere Menschen könnten nicht die moderne Technik nutzen, um die fehlenden persönlichen Treffen zu kompensieren, hat weit gefehlt. In den Whatsapp-Gruppen von «queerAltern» herrsche zu verschiedenen Themen ein reger Austausch. Eine Tatsache, die so gar nicht zu unserem Klischee dieser Generation passt.

Auch sonst würden sie sich im Abwenden der coronabedingten Einsamkeit äusserst technikaffin und kreativ zeigen, wie Barbara weiss. So gebe es Mitglieder von «queerAltern», die sich vor der Webcam zum gemeinsamen Abendessen verabreden. «Eine Frau hat mir kürzlich freudig erzählt, dass sie gerade mit Freundinnen auf ein Glas Prosecco angestossen habe – auf Skype.»

Dieser Text entstand im Rahmen von «Queerona: Mach’s dir schön Daheim!»

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