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Bloss keinen Ärger! Hollywood und die Folgen der Identitätspolitik

Nur mit der Rolle schon vorher idente Personen könnten sich hinlänglich einfühlen, um ihr gerecht zu werden? Das glaubt unser Autor nicht

tom hanks
Foto: TriStar Pictures

Tom Hanks will offenbar keinen identitätspolitischen Ärger, wie vor ihm Eddie Redmayne oder Helen Mirren. Anders kann sich unser Kommentator* nicht erklären, wie der Oscar-Preisträger heute über seine schwule Rolle in «Philadelphia» denkt.

Er ist ein Star in Hollywood, einer des internationalen Kinos, und er war dies auch schon, als er Anfang der neunziger Jahre das Rollenangebot für den Film «Philadelphia» annahm. Für Jüngere: Das war der erste Mainstreamfilm mit dem Thema AIDS, mit als schwul ausgewiesenen Protagonisten obendrein. Es war damals, vor knapp drei Jahrzehnten, sowas von mega-unselbstverständlich, dass nicht tuntig ausgewiesene Rollen mit Schwulen besetzt werden.

«La Cage Aux Folles», das berühmte Musical und der spätere Film unter dem Titel «Ein Käfig voller Narren», war der ungefähre Standard. Als schwul angelegte Rollen gab es nicht positiv: Unsereins wurde entweder ultraflamboyant, grell und damit unmännlich zur Darstellung gebracht, übersexuell wie in William Friedkins «Cruising» aus den frühen Achtzigern – aber nie als gewöhnliche Wesen mit nicht-heterosexuellem Background. Das änderte sich – ein bisschen! – mit «Philadelphia», und Tom Hanks übernahm den Part des HIV-erkrankten Mannes, der am Ende im Kreise seiner (liberalen, nicht-homophoben) Familie – und stirbt.

Das würde Hanks nicht mehr tun, im Portrait von David Marchese in der New York Times (hinter Bezahlschranke) bekennt der heterosexuell orientierte Star, dass er nicht mehr einen schwulen Mann spielen würde, also heutzutage auch in «Philadelphia» nicht zur Verfügung stünde: Rollen von Schwulen sollten Schwule spielen (MANNSCHAFT berichtete).


Und das ist eine beängstigende Auskunft, aber Tom Hanks sagt dies vielleicht gar nicht aus Überzeugung. Er weiss, ja, er muss wissen, dass Schauspielerei immer ein Spiel mit dem Anderen ist, dass ein Mensch in eine Rolle schlüpft, die er (oder sie oder es) im wahren Leben nicht ist. Sonst könnte ein*er Schauspieler*in auch keine Rollen von Übeltäter*innen übernehmen, Mörder*innen, Kriegshetzer*innen und so weiter und so fort. (So sieht es auch der Schauspieler Uli Michael Heissig.)

Hanks, so muss vermutet werden, will einfach keinen identitätspolitischen Ärger. So wie neulich die nicht minder berühmte Helen Mirren, die die legendäre israelische Ministerpräsidentin Golda Meir spielen soll, obwohl sie nicht jüdisch ist. So ist ja die aktuelle Zeitgeistlage in diesem Bereich, und nicht nur dort: Spielen soll nur, wer mit der Rolle schon vor der Rolle in diese passt. Also sollen trans Frauen nur von trans Frauen, lesbische Frauen nur lesbische Frauen etc. Die Begründung ist stets die gleiche: Nur mit der Rolle schon vorher idente Personen könnten sich in die Rolle hinlänglich einfühlen, um ihr gerecht zu werden.

Helen Mirren
Helen Mirren in der Graham Norton Show (Foto: Matt Crossick/PA Wire/dpa)

Das aber ist erwiesenermassen falsch. Hanks hat in «Philadelphia» einen prima Manneshomo verkörpert – obwohl der Film von nachgerade prüdester Züchtigkeit war, Körperliches, also Erotoides war bis auf das Sterilste vermieden worden. Ein Körper wird erst beim Sterben etwas sichtbar. Schwule, die in den Tod gehen – so hatten sie es gerne.


So oder so: Schauspielerei ist, wie das Wort schon sagt, etwas so-tun-als-ob, auf dass das Publikum es für plausibel hält. Eine alte Frau, ein alter Mann kann kein Kind spielen – aber ein Hanks war überzeugend, eine Helen Mirren als Golda Meir wird es garantiert sein.

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Der australische Film «Priscilla – Königin der Wüste» war übrigens überwiegend mit Heteros besetzt. Niemand hielt sie hernach für Schauspieler*innen, die irgendwie unhomo wirkten. Im Gegenteil. Sie spielten, was ihnen das Drehbuch vorgab. Die Schwulen, die man zunächst suchte, erwiesen sich als überidentifiziert mit den Rollen und damit unglaubwürdig. Hanks will keinen Ärger bekommen – er beschert uns nun dafür eine Debatte, die hoffentlich nicht in die identitätspolitische Irre führt.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar oder eine Glosse zu einem aktuellen LGBTIQ-Thema. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.


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