No Lube, No Peace: Peaches über Punk, Politik und Lust

Peaches: «Nur weil ich fast 60 bin, falle ich noch nicht ins Grab.»
Peaches: «Nur weil ich fast 60 bin, falle ich noch nicht ins Grab.» (Bild: The Squirt Deluxe)

Zuletzt hielt Peaches ihre Bälle flacher. Jetzt macht sie wieder Krach. «No Lube So Rude» ist ihr erstes Album seit über zehn Jahren. Und was sollte es anderes sein als geballte Sexpositivität?

1966 als Merrill Nisker in Toronto geboren, lebt Peaches seit 2000 in Berlin. Im selben Jahr gelang ihr mit dem Debüt «The Teaches Of Peaches» der Durchbruch. 2024 war sie Gegenstand zweier Dokumentarfilme («Teaches Of Peaches», «Peaches Goes Bananas») und spielte im Stuttgarter Schauspiel die Hauptrolle in Bertold Brechts «Die sieben Todsünden». Jetzt ist sie mit «No Lube So Rude» zurück: ihr erstes Album seit über zehn Jahren, ein Mix aus Electro, Punk, Pop, Industrial, Balladen und radikaler Sexpositivität.

Peaches, bist du nach wie vor in Berlin zuhause? Peaches: Ja, das bin ich. Auch nach all den Jahren ist Berlin für mich immer noch eine aufregende Stadt, in der ich gerne lebe.

Auch wenn es heisst, Berlin sei eine lahme, mainstreamige, überteuerte Grossstadt wie alle anderen geworden? Da stimme ich nicht zu. Gerade in jüngster Zeit entsteht in Berlin eine neue, vibrierende Undergroundszene, politisch engagiert, fantastisch performativ und nah am Punk. Ich spreche von queeren Partys wie Lunchbox Candy oder von PUNX'N'KWEENZ, mit denen ich vor kurzem einen Auftritt hatte. Aus meiner Sicht sind das junge Kids mit wunderschönen alten Seelen. Sie verstehen, was Punk ist und wie wichtig es ist, zusammenzukommen und das körperliche Beisammensein zu geniessen. Ich gebe mich nicht mit den langweiligen Seiten Berlins ab, die es zweifelsohne auch gibt, sondern bin dort, wo Kunst und Leben aufregend sind.

Warum ist dir der physische Kontakt mit Menschen so wichtig? Na ja, weil wir immer mehr davon verlieren, wenn wir nicht aufpassen. Wenn du mit Menschen in einem Raum bist, redest du anders, als wenn du im Internet aufeinandertriffst. Dort versteckst du dich, greifst an, wirst angegriffen, aber so etwas wie Konsens erreichst du wahrscheinlich nicht. Hier in Berlin, Deutschland generell, weltweit wird die Polarisierung stärker. Ich finde mit meinen politischen Ansichten hier nur schwer Gehör. Dabei möchte ich mich hier weiterhin zuhause fühlen.

Was sind deine politischen Ansichten? Dass die AfD an Boden gutzumachen scheint, hält mich nachts wach. Genauso der Mangel an Humanität mit Blick auf Palästina. Als progressive Jüdin fordere ich, dass meine Meinung in Deutschland respektiert wird. Ich will mir nicht anhören müssen, ich sei eine mich selbst hassende Jüdin oder eine Antisemitin – das bin ich selbstverständlich nicht. Aber eine Gegnerin der israelischen Regierung und des Tötens unschuldiger Menschen. Die vergangenen zwei Jahre waren hart. Ich fühle mich mit meiner Haltung in eine Ecke gedrängt, und ich bin nicht die Einzige. Ich erlebe, wie Geld für Projekte gestrichen wird, wenn Ansichten nicht mit denen der deutschen Regierung übereinstimmen. Dabei war mein Hauptgrund, seinerzeit nach Berlin zu ziehen, das tolerante Lebensklima der Stadt. Aktuell empfinde ich den Zustand als enttäuschend. Die komplette Welt scheint in Aufruhr, im Chaos. Hoffentlich kollabieren diese patriarchalen Muster bald, damit wir auf den Ruinen des Patriarchats etwas Neues bauen können.

Inwieweit spiegelt sich die Zerrissenheit in deinem Album und im Titelsong «No Lube So Rude» wider? Auf direkte Weise. Spannungen, kleine Risse, Trockenheit, Irritationen lassen sich lindern, wenn man sie mit Gleitmitteln behandelt. Der Titel ist, typisch Peaches, absurd und auf den Punkt. Das Schmiermittel soll uns helfen, empathischer zu sein, aufeinander zuzugehen oder zumindest mal miteinander zu sprechen. Selbst das ist oft zu viel verlangt. Dabei sollten wir Älteren mit den Jüngeren in Austausch treten, zuhören, die jeweilige Geschichte verstehen und irgendwie am selben Strang ziehen. Als Frau nach der Menopause hat der Albumtitel eine persönliche Bedeutung: Wir sollten die Stigmata darüber, wie wir unsere Sexualität und Bedürfnisse leben, loswerden und uns auf das einlassen, was uns Freude macht. Nur, weil ich fast 60 bin, falle ich noch nicht ins Grab, auch wenn ich mit 20 sicher war, dass das Leben in meinem jetzigen Alter vorbei ist.

Ist es aber nicht. Nein. Schon klar, der Körper knackt an mehr Stellen als früher, und ich muss besser auf ihn achtgeben. Aber sonst geht es mir gut. Manche sagen, altern sei Mist, weg damit und her mit dem ewigen Leben. Davon halte ich nichts. Ich möchte in vollem Bewusstsein älter werden. Ich bin voller Vitalität und fange mein Leben auf gewisse Weise sogar neu an. Also: Immer her mit den Gleitmitteln, damit alles besser flutscht und wir uns unserer Lust hingeben können – jenseits von geschlechtlichen Konventionen und Limitierungen. Jeder Mensch verdient es, Spass zu haben.

Auch «No Lube So Rude» macht Spass mit bisweilen derben und anzüglichen Worten, Sarkasmus und sanften bis aggressiven Nummern. Ich bin froh, dass du das so siehst. Es gibt ernste Momente, auch emotionale, aber auch viel Witz, Heiterkeit und Optimismus. Die Produktion ist fantastisch, sie stammt von einer spirituellen Erscheinung namens Squirt Deluxe, deren genaue Identität ich leider nicht verraten kann (grinst).

Es ist dein erstes Album seit 2015. Ist dir die Arbeit an den Liedern leichtgefallen? Nein, überhaupt nicht. Es war ziemlich schmerzhaft.

Weshalb? Ich wollte die Dinge anders sagen als in der Vergangenheit. Mich nicht wiederholen. Und mich als Peaches aus dem Jahr 2026 ausdrücken, ohne die Peaches von früher zu verlieren.

Als deine Karriere 2000 begann, waren nicht-binäre Geschlechtsidentität oder Diversität weniger in aller Munde als heute. Ist es für dich spannend, in einem aufgeklärteren Umfeld zu agieren? Ja. Ich lerne in diesem Universum immer noch dazu, auch wenn ich keine Anfängerin bin.

Elektronische Musik ist populärer denn je. Ist der Mainstream dir entgegengekommen? Einerseits ja, und das stört mich nicht. Zugleich will ich mich dem Mainstream nicht aktiv annähern, denn dort findet vieles statt, was mich verstört. Dass sich Nicki Minaj neuerdings Trump um den Hals wirft oder Gwen Stefani Geld mit einer Gebets-App verdient, finde ich schlicht absurd.

Peaches
(Bild: The Squirt)

Auf der anderen Seite klingt manche junge Künstlerin, als hättest du sie inspiriert, Billie Eilish beispielsweise. Das ist fantastisch. Offenbar habe ich sie mit einigen Ideen angesteckt, sei es mit meiner Punk-Mentalität oder Überzeugung, dass es auf Popkünstlerinnen nicht nur die heteromännliche Perspektive gibt, sondern auch eine queere. Gleichzeitig bin ich mit diesem Ansatz – auch in Deutschland – nicht die erste. Nina Hagen machte schon in den Achtzigern, was sie wollte. Auch Grace Jones ist ein Vorbild für mich.

Kennst du Nina Hagen persönlich? Wir haben uns einmal getroffen, das ging allerdings nicht sehr tief. Irgendwie scheint sie in ihre eigene Welt abgetaucht zu sein, was verständlich ist.

«Die Lust am Schocken stand nie im Mittelpunkt.»

Peaches

Mit deinen Songs und deinem Erscheinen hast du anfangs durchaus zu schocken gewusst. Heute auch noch? Die Lust am Schocken stand nie im Mittelpunkt. Ich habe mich präsentiert, wie ich war, und es spielerisch verstärkt. Bei den Kontroversen, die wir heute haben, geht es mir nicht mehr um Schocks, sondern um gegenseitiges Verständnis.

Dein geringes Verständnis für das Gebaren der aktuellen US-Regierung zeigst du im Stück «Not In Your Mouth None Of Your Business». Ich konnte nicht anders. Die USA waren immer Vorreiter in der Popkultur und vielen anderen Debatten. Im Guten wie im Üblen. 2006 habe ich das Album «Impeach My Bush» rausgebracht – damals erkannte man schon die Widersprüchlichkeit, das absurde Wohlstandsgefälle, die Zerrissenheit des Landes. Eingewanderte haben die USA aufgebaut. Und guck dir an, wie sie Immigrant*innen jetzt behandeln. Nie hätte ich gedacht, dass der Fortschritt und die gesellschaftspolitischen Errungenschaften der Obama-Jahre so radikal in Gefahr geraten oder zerstört werden könnten. Aber hier sind wir nun gelandet. Ich sorge mich sehr um das Einhalten grundlegender Menschenrechte. Deshalb finde ich es wichtiger denn je, politisch aktivistische Musik zu machen.

Wird das relativ Sorglose wie zu Zeiten Obamas zurückkommen? Die Demokratie geht zugrunde, wenn alle den Mund halten. Als Unterhaltungskünstlerin will ich die Menschen animieren und motivieren, nicht in Stille und Apathie zu versinken. Ich kann die Welt nicht verändern, aber ich kann Stellung beziehen. Politische Entwicklungen sind wie Ebbe und Flut. Es kommen auch wieder andere Zeiten.

Entsprechend hoffnungsvoll endet dein Album mit der versöhnlichen Streicherballade «Be Love». Exakt. Ich wollte das schönste Lied, das ich habe, an den Schluss setzen.

Mehr: Boy George kommt beim ESC in Wien mit auf die Bühne (MANNSCHAFT berichtete)

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