Queer und sexpositiv: Viel Applaus für Musical-Premiere «Wir sind am Leben»
Von Aids bis Esoterik, von Liebeskummer bis Polizeieinsatz: «Wir sind am Leben» lässt die schrill-alternative Szene der 90er in Berlin aufleben – und sorgt beim Publikum für Lachen, Tränen, Gänsehaut.
Von Andreas Rabenstein, dpa
Mit Jubel, lautem Applaus und auch ein paar Tränen hat das Publikum die Premiere des neuen Berliner Musicals «Wir sind am Leben» gefeiert. Immer wieder wurde während der Aufführung des neuen Stücks des schwulen Erfolgsduos Peter Plate und Ulf Leo Sommer am Samstagabend im Theater des Westens nahe dem Ku'damm geklatscht oder auch mal mitgesungen.
Unter den Premierengästen waren der Regierende Bürgermeister Kai Wegner mit seiner Partnerin, Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (beide CDU), der ehemalige Amtsinhaber Klaus Wowereit (SPD), Eislaufstar Katarina Witt, die frühere Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne), der einstige Queer-Beauftragte Sven Lehmann mit Mann Arndt Klocke, Regisseur Detlev Buck, der Sänger Max Raabe sowie Judy Winter, Angelika Milster und Georg Uecker. Viele Besucher*innen hatten sich im Stil der 90er-Jahre verkleidet, auch Glitzer- und Glamourlook war zu sehen.
Zeitreise in die wilde Ära nach dem Mauerfall «Wir sind am Leben – Das Berlin Musical» ist eine Zeitreise in das alternative Berlin der 90er Jahre nach dem Mauerfall mit all seinen chaotischen, aber auch aufregenden Zeiten. Es geht um Partys, Liebe und Leid in der schwul-lesbischen Szene, um Karrierechancen einer jungen Sängerin, um Trauer und Tod in der Zeit von Aids, um Selbstfindung und Überlebenshumor, Situationskomik und natürlich Musik von einer Live-Band auf der Empore - von soft bis rockig, von Kitsch bis Elektro.
Es ist das fünfte gemeinsame Musical der Autoren Plate und Sommer nach Erfolgen wie «Ku'damm 56», «Romeo & Julia – Liebe ist alles» oder «Die Amme». «Wir sind am Leben» sei auch eine eigene Erinnerung an die vergangenen Zeiten, Musik, Geschichten und Gefühle, so die Autoren.
Chaotische und liebenswerte WG
Erzählt werden die Geschichte einer Art Wohngemeinschaft in einem besetzten Abbruchhaus in Berlin-Friedrichshain und zugleich das Leben der schwulen Szene im neuen Berlin. Ein Künstler, der als Marlene Dietrich auftritt, erkrankt an Aids; sein Freund stammt aus Kuba, war Tänzer in der DDR und sucht ein Engagement. Ein lesbisches Paar bekommt ein Kind und entfremdet sich; und die Sängerin Nina wird plötzlich besucht von ihrem Bruder Mario aus der ostdeutschen Provinz Wittenbergs. Mario erlebt wiederum sein schwules Coming-out und muss mit den Verlockungen der Grossstadt klarkommen.
Schliesslich platzt die Mutter des Geschwisterpaares, eine Friseurmeisterin mit blonder Dauerwelle und Leopardenjacke, in die WG und sorgt für weiteren Trubel - und heftiger Begeisterung beim Publikum. Sie frisierte die gesamte DDR-Prominenz und hat ein dunkles Geheimnis.
«Die Schlampen sind müde» Der Humor vieler Sprüche hebt sich mit Ironie wohltuend von manchen älteren Musicals ab. Politik spielt eine Rolle, «Kolonialismus» oder «Idealismus» heisst es in einer Szene. Der Rosenstolz-Klassiker «Die Schlampen sind müde» und sorgt für die ersten Standing Ovations. Die Protagonisten tragen auch mal T-Shirts oder Plakate gegen «Rechts» und Nazis. Eine Esoterikerin sorgt mit ihren «Gaben» für Lacher.
Ihre Beziehungsgespräche führen die Figuren über das Telefon, niemand starrt in den 90er-Jahren auf ein Handy. Sex, Drogen, miese Musikmanager und ein Polizeieinsatz dürfen nicht fehlen. Dafür gibt es keine Touristen oder Klagen über teure Mieten und fehlender Wohnungen. «Wir sind am Leben» heisst es auch zehn Jahre später zur Jahrtausendwende, als sich alle Freund*innen wieder treffen - bei einer Beerdigung, die aber auch ihre fröhlichen Seiten hat.
Der Pulse-Nightclub wird für die LGBTIQ-Gedenkstätte abgerissen. Ein neues Denkmal erinnert an den tödlichen Angriff auf die Bar in Florida vor fast zehn Jahren (MANNSCHAFT berichtete).