Nüchtern durch die Trauer: Als mein Vater starb, blieb ich
Neue MANNSCHAFT-Kolumne «Queer & Sober»
Inmitten von Verlust, Generationstrauma und unausgesprochenem Schmerz erzählt Vlady Schklover in seiner Kolumne*, wie Trauer ihn an die Grenzen brachte – und warum gerade seine Nüchternheit ihn durch diese dunkelste Zeit getragen hat.
Wie gerne hätte ich in meiner zweiten Kolumne einen leichten, hoffnungsvollen Text geschrieben, einen, der vom nüchternen Leben erzählt, von Erfolgen, Zielen und dem, was ich gelernt habe. Doch manchmal spielt das Leben anders, und so muss ich an dieser Stelle eine kleine Triggerwarnung aussprechen: Es geht um Tod und es geht um Trauer.
Am 18. März 2025 ist mein Vater plötzlich verstorben. Der Boden unter meinen Füssen war weg. Natürlich war unsere Beziehung – die eines sowjetisch-jüdischen Vaters und seines queeren Kindes – nicht immer einfach.
Als Kind einer geflüchteten jüdischen Familie, die 1995 aus Usbekistan nach Deutschland kam, begann meine Kindheit bereits mit dem Generationstrauma. Über Gefühle wurde nicht gesprochen, nur Leistung zählte. Jede Form von Menschlichkeit, jede Sensibilität wurde mir abgesprochen.
So flüchtete ich mich schon als Teenager in den Suff. Abgesehen davon, dass ich ungeoutet war, was in mir ohnehin das Gefühl auslöste, falsch und inakzeptabel zu sein, wurde auch meine Sensibilität und Menschlichkeit in meiner Familie als «falsch» dargestellt.
Vierzehn Jahre später, als ich endlich mit Therapie begann, ging ich auch in den Diskurs mit meinem Vater. Und siehe da: Mit viel Arbeit, Verständnis und Zuhören auf beiden Seiten geschah etwas, das ich nie für möglich gehalten hätte. Mein Vater war plötzlich da – wertfrei, bedingungslos, ehrlich. Und dann war ich es, der Mühe hatte, sich zu öffnen. Zu gross war der alte Schmerz, zu tief der Groll.
Er erzählte mir, wie er damals nachts zitternd im Bett gelegen hatte, weil er nie wusste, in welchem Zustand ich nach Hause kommen würde oder ob ich überhaupt käme. Als er mir das sagte, konnte ich seinen Schmerz spüren. Doch damals hatte er nie darüber gesprochen. Ein sowjetisch-jüdischer Mann, sozialisiert in den 60ern und 70ern, kannte keine Sprache für Angst oder Verletzlichkeit.
«Trauer ist eine Bitch. Sie kommt und geht, wann sie will, und viele können damit nicht umgehen.»
Vlady Schklover
Die letzten fünf, sechs Jahre war er mein Anker, mein Stein, mein Unterstützer. Ich konnte ihn immer anrufen – er hat immer zugehört. Erst jetzt, wo er nicht mehr da ist, merke ich, wie viel Halt mir das gegeben hat und wie sehr ich ihn vermisse. Er war die letzte Familie, die ich noch hatte. Alle anderen sind schon gegangen.
Trauer ist eine Bitch. Sie kommt und geht, wann sie will, und viele können damit nicht umgehen. Immer wieder stosse ich auf Menschen, die beim Thema entweder abschalten, dissoziieren oder mir mit Kalendersprüchen ein besseres Gefühl geben wollen. Dabei gehört Tod zum Leben. Trauer zum Tod. Und Traurigsein zum Menschsein.
Ohne meine Nüchternheit und die jahrelange Therapie hätte mich diese Trauer wohl zerschmettert. Aber ich habe nicht getrunken. Ich habe nichts konsumiert. Auch wenn die Versuchung manchmal gross war. Und das war nur möglich, weil ich getragen wurde von Freund*innen, von meinem Partner, und von allem, was ich in den letzten Jahren über mich gelernt hatte.
Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte: Dass selbst in der tiefsten Trauer etwas Heilsames liegt, wenn wir sie zulassen. Dass Liebe manchmal erst dann spürbar wird, wenn wir lernen, sie nicht mehr zu betäuben.
Mehr: Wie schwer ist es, als queerer Mensch nüchtern zu leben? Darüber haben wir mit Schauspieler Dominic Hartmann und Dragqueen Klamydia von Karma gesprochen: in einer Bar übrigens (MANNSCHAFT-Story).
Queer & Sober
Vlady Schklover: Regie im Kopf, Beats im Blut, Kunst im Herzen. Künstler, Regisseur, Performer, Musiker – und Gründer der einzigen regelmässigen queeren sober Party Deutschlands im Schwuz.
[email protected] Illustration: Sascha Düvel
Weitere Beiträge von Vlady gibt's in der Kolumne «Queer & Sober».