Khalid startet nach dem Outing durch: «Endlich frei von Angst»
Der US-Musiker hat ein neues Album vorgelegt
Seit einem Jahrzehnt prägt Khalid den Pop und arbeitete bereits mit Billie Eilish und Alicia Keys. Nun legt der US-Musiker seinen ersten Longplayer seit dem Outing vor – und spricht über neue Offenheit und seine Jugend in Heidelberg.
Herzlichen Glückwunsch zum neuen Album, Khalid. Danke. Wenn man auf die Veröffentlichung seines eigenen Albums wartet, fühlt sich jeder Tag wie eine Last an. Man denkt: Wow, es gibt diesen kurzen Moment, in dem die Musik nur einem selbst gehört, den Freunden und dem Team. Und dann kommt der Augenblick, in dem die ganze Welt hört, woran man so hart gearbeitet hat. Ich bin wirklich stolz auf das, was ich geschaffen habe.
Vorab hast du einen kurzen Clip aus dem Musikvideo zu «Out of Body» gepostet, mit viel nackter Haut und einigen sexy Typen. Dazu gab es dumme Kommentare. Das Gute aber war, dass viele deiner Freund*innen und Follower dich unterstützt und verteidigt haben. Man kann nicht erwarten, dass alle einer Meinung sind. Wenn ich mich auf jeden einzelnen negativen Kommentar konzentrieren würde, würde mich das verrückt machen. Aber wenn die positiven Stimmen so laut sind, fühlt sich das an wie eine herzliche Umarmung. Zu sehen, wie Menschen mich unterstützen, weil ich ich selbst bin, ist genau der Grund, warum ich es auch bleibe. Und wer sagt: «Oh mein Gott, er hat sich so verändert», sollte bedenken, dass ich vorher vielleicht nie wirklich ich selbst war, nie ganz offen, nie wirklich verletzlich. Vielleicht habe ich damals eine Version von mir gezeigt, von der ich dachte, sie wäre leichter zu verstehen, und mich dabei selbst begrenzt.
«Vielleicht zeigte ich damals eine Version von mir, die mich begrenzte.»
Khalid
Und jetzt? Und jetzt bin ich frei! Frei zu sein bedeutet, queer zu sein. Meine queere Identität anzunehmen, macht Spass. Das ist der Grund, warum ich vor Freude in die Luft springe. Denn sie ist ein Teil von mir.
Wenn ich meine queere Identität verdränge und mich einer heteronormativen Gesellschaft anpasse, leide ich, sobald ich schlafen gehe. Jetzt schlafe ich endlich friedlich und frei von Angst.
Klingt vernünftig. Egal, was andere sagen, es bringt mich nicht aus der Ruhe. Auch Hass oder negative Kommentare nicht. Ich weiss, dass diese Menschen den Hass in sich tragen. Sie müssen selbst herausfinden, warum sie das so beschäftigt.
Liest du solche Kommentare selbst oder lässt du es andere tun? Ich laufe nicht davor weg. Wenn ich die schlechten Kommentare nicht lese, sehe ich auch die guten nicht. Ich frage mich dann lieber: Hattest du Spass dabei? Hast du alles gegeben? War es ehrlich? Manche sagen vielleicht: «Damit ruiniert er seine Karriere.» Aber für mich fühlt es sich an, als würde ich mich der Welt neu vorstellen. Das ist fast wie eine Renaissance. Meine Karriere fängt gerade erst an.
Wer dein neues Album hört, kann unmöglich auf die Idee kommen, dass du etwas ruinierst. Ja. Ich habe das Gefühl, dass RnB, auch wenn Pop-Elemente darin vorkommen, immer noch mein Kern ist. Pop ist gerade beliebt, und ich freue mich riesig, dass die Leute das hören, weil sie mich hier in Bestform erleben. Manche sagen: «Oh, das erinnert mich an eine Boyband.» Für mich zeigt das, dass Queerness viele Facetten hat. Man kann unterschiedliche Seiten an sich haben, und sie dürfen alle gleichzeitig existieren. Ich will nicht angeben, aber ich finde die Musik gut.
Ich fühle mich selbstbewusst und noch sicherer in meiner Sexualität. Ich denke mir: Ich habe mein bisher queerstes Album gemacht. Das heisst nicht, dass es die Welt ausschliesst, aber es ist ehrlich und zeigt mich von meiner besten Seite.
Wann hast du mit der Arbeit an diesem Album und den neuen Songs begonnen? Es gab vielleicht zwei, drei Songs, die ich schon letztes Jahr geschrieben hatte, und die restlichen dreizehn sind im neuen Jahr entstanden.
. . . von deinem neuen, befreiten Ich? Genau. Ich wusste, dass ich zurück zum Pop wollte, aber ich hatte keine klare Vorstellung, wie das klingen würde. Also habe ich viel ausprobiert. Nach meinem Coming-out kam plötzlich die Inspiration und die Freude. Es war, als ob alle Dämme brachen.
Man musste mich regelrecht aus dem Studio zerren. In meinen besten zwei Wochen habe ich sieben Songs geschrieben. Das zeigt, wie man aufblüht, wenn man sich selbst akzeptiert. Man wird schneller, stärker, freier.
Dieses Album wäre nie entstanden, hätte ich meine queere Identität nicht angenommen. Manche denken vielleicht: «Oh, das wollen wir nicht, wir wollen, dass du wieder du selbst bist.» Aber die Version, die sie sehen wollen, bräuchte fünf Jahre für ein Album, das sie akzeptieren. Jetzt habe ich fünf Monate gebraucht für eines, das wirklich meins ist.
In deinen neuen Songs verwendest du keine geschlechtsneutralen Begriffe mehr, sondern sagst offen «er», wenn es um Liebe oder Partnerschaft geht. Es fühlt sich natürlicher an. Ich bin jetzt ganz bei mir. In meiner früheren Musik habe ich geschlechtsneutrale Begriffe benutzt, und ich habe damals wirklich mein Bestes gegeben.
Früher wollte ich Songs schreiben, mit denen sich möglichst viele Menschen identifizieren können. Aber bei der neuen Musik ging es mir darum, ehrlich zu sein. Was fühle ich? Was erlebe ich gerade? Ich glaube, es ist heute sogar noch leichter nachzuvollziehen, wenn man mich über meine eigenen Erfahrungen sprechen hört.
Du strahlst richtig vor Glück. Das ist schön zu sehen. Das ist eine Seite von mir, die ich neu entdeckt habe. Ich erinnere mich, wie schwer es war, meine Sexualität zu akzeptieren, obwohl meine Freunde und meine Familie es längst wussten. Und dann gab es diesen Moment, ich glaube, es war an Silvester in Portugal. Ich war mit Freunden unterwegs, die Strasse war voll, und ich rief laut: «Ich bin schwul! Ich bin schwul! Ich bin schwul!» Ich schrie es immer wieder.
Ich sah mich um und sagte zu meinen Freunden: «Siehst du, es interessiert doch niemanden.» Niemand hielt mich auf, niemand sagte: «Hör auf, das zu sagen.» Ich fühlte mich frei und es war ehrlich gesagt auch ziemlich lustig. Ich schäme mich nicht für meine Identität und nicht für das, was andere vielleicht gegen mich verwenden wollen. Ich trage es wie eine Ehrenauszeichnung.
Im Sommer bist du bei der World Pride in Washington D.C. aufgetreten. Auf Videos wirkte das sehr emotional. Es war wie eine riesige Umarmung. Es ist schwer zu beschreiben, wie es sich anfühlt, so viel Energie zu spüren von tausenden Menschen, die aus Freude vor mir schreien.
Ich hatte mir vorgenommen, nicht zu weinen, aber schon bevor ich das erste Lied sang, liefen mir die Tränen. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich vollkommen akzeptiert.
Ich wollte diesen Moment geniessen. Ich bin ein emotionaler Mensch, und für mich sind Tränen etwas Schönes.
War es dein erster Pride-Auftritt? Ja. Ich werde ihn nie vergessen.
Was hat es mit deinen blauen Haaren auf sich? Das war meine Idee. Im Licht sehen sie blau aus, aber tatsächlich sind sie lila – die Lieblingsfarbe meiner Mutter. Meine Mutter ist auch auf dem letzten Track des Albums zu hören. Sie singt mit mir den Song «Hurt People». Vielleicht experimentiere ich den Rest des Jahres noch ein bisschen mit Farben. Ich habe schon eine weitere Farbe im Auge.
«Ich habe leider mein Passwort für Soundcloud vergessen.»
Khalid
Welche Farbe wird es denn sein? Ich hätte gern einen Bernsteinton, ein sanftes, schönes, erdiges Braun. Ich glaube, dass wir in diesem Leben unsere eigenen Avatare sind. Es geht darum, sich auszudrücken, Spass zu haben. Ich finde es toll, dass ich mir Haare und Nägel so gestalten kann, dass alles perfekt zusammenpasst.
Es ist mittlerweile zehn Jahre her, dass du deinen ersten Song auf Soundcloud hochgeladen hast. Ja, Wahnsinn. Leider habe ich mein Soundcloud-Passwort 2019 vergessen, und ich bin sicher, dass dort noch jede Menge Musik liegt. Soundcloud war eine mächtige Plattform und hat mir den Einstieg ermöglicht. Ohne diese Chance wäre ich heute nicht hier. Ich habe meinen ersten Song geschrieben, aufgenommen und innerhalb weniger Minuten hochgeladen. Ich vermisse diese Zeit. Ein grosses Danke an Soundcloud!
2017 hat dich der Rolling Stone ein «Pop-Wunderkind» genannt. Was macht so eine Bezeichnung mit einem? Es machte mich stolz, aber zugleich erzeugte es enormen Druck. Das Wort «Wunderkind» vermittelt den Eindruck, man sei ein Genie, das über allen anderen steht. Mir hilft es jedoch, mich an meine Bescheidenheit zu erinnern. Ich bin ein Künstler, der eine Chance bekommen hat, und es gibt so viele talentierte Künstler, die diese Chance nicht bekommen.
Deshalb trage ich den Titel mit Würde und Dankbarkeit. Ich tue nicht so, als sei ich etwas Besonderes. Ich mache das, wofür ich geschaffen bin.
Du hast einen Grossteil deiner Jugend in Heidelberg verbracht, weil deine Mutter dort als Sängerin der US-Armee stationiert war. Ich fühle mich Deutschland sehr verbunden, weil es mich geprägt hat, nicht nur als Kind, auch als Erwachsener und als Künstler. Ich verdanke Deutschland viel von dem, was ich heute bin.
Kannst du ein Beispiel nennen? War es das Essen, das Wetter . . . ? Natürlich das Essen, aber auch das Wetter. Ich lebe in L.A., da ist es immer warm. In Deutschland gibt es Jahreszeiten, es kann richtig kalt werden, und das liebe ich. Es erinnert mich an meine Kindheit, als ich Heidelberg erkundet habe. Die Stadt, die Nostalgie, die Schokolade, die Süsswarenläden, alles. Solche kleinen Momente meiner Jugend bedeuten mir viel.
Wann spielst du mal live bei uns? Ich kann es kaum erwarten, eine komplette Live-Show auf die Beine zu stellen und mit diesem Album auf Tour zu gehen. Ich würde auch wahnsinnig gerne nach Europa kommen, denn meine letzte Europatournee war 2019.
Heidelberg würde sich bestimmt riesig freuen, dich zu sehen, schliesslich hast du dort mal gelebt. Ja, ich habe sechs Jahre lang dort gewohnt. Ich sollte eines Tages ein Konzert im Schloss geben, das wäre echt der Hammer. Das Schloss ist unglaublich. Ich sehe es in all meinen Kindheitserinnerungen. Ich sehe den Fluss, der durch die Stadt rauscht, und all die kleinen, verwinkelten Gassen. Ich würde so gerne nach Heidelberg zurückkehren.
Was bedeuten dir diese Jahre in Heidelberg? Ich würde sie als die Jahre meiner Reifung bezeichnen. Mit etwa acht Jahren bin ich nach Heidelberg gezogen, ein Junge, der heranwächst, ins Teenageralter kommt und immer mehr über sich selbst herausfindet, was ihn antreibt und was er mit seinem Leben anfangen möchte. Meine ersten kreativen Ausflüge habe ich definitiv in Heidelberg erlebt. Der Umzug nach Deutschland hat mich als Künstler stark geprägt und meinen Horizont für Popmusik erweitert.
Khalids Album «After the sun goes down» ist im Herbst 2025 erschienen.
Was hast du damals gehört? Ich erinnere mich noch genau, wie ich nach Hause rannte, den Fernseher einschaltete und zum ersten Mal das Musikvideo meiner Lieblingskünstlerin sah: «Sweet Dreams» von Beyoncé. Das ist eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen. Sie trug dieses metallische Outfit, und ich war überwältigt. Ich glaube nicht, dass ich heute ein Popkünstler wäre, wenn ich diese Jahre zwischen acht und dreizehn nicht in Deutschland verbracht hätte.
Erinnerst du dich auch an deutsche Songs aus dieser Zeit? Ja, da war ein Song, der mir als Kind ständig im Kopf spukte: «Ding» von Seeed. Ein grossartiges Lied! Manchmal, wenn ich den Namen vergesse, suche ich nach «deutsches Musikvideo mit Waschbären in einem Club» und schon finde ich es. Es lief manchmal nachts um zwei Uhr, wenn ich länger wach war, und hat sich tief eingebrannt. Der Song ist voller Energie, fantastisch. Ich wollte diese Freude und Energie wiederaufleben lassen, die ich als Kind beim Hören solcher Lieder fühlte, die mich berührten, inspirierten und tanzen liessen. Genau das wollte ich mit meinem neuen Projekt «After the Sun Goes Down» einfangen.
Mehr: Konsequenzen für Trump-Fan – queere Dancefloors ohne Nicki Minaj (MANNSCHAFT berichtete)
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