Mit Hundefutter: Von der zündenden Idee zum erfolgreichen Start-up
Guy Sandelowsky und Shiv Sivakumar führen ein bellendes Business:
Guy Sandelowsky und Shiv Sivakumar stellen mit ihrem Unternehmen Futter und Nahrungsergänzungsmittel für Hunde aus alternativen Eiweissquellen her. Unterstützt wurden sie von einem Fonds, der gezielt in LGBTIQ-geführte Firmen investiert.
Wer ein Start-up gründet, will in der Regel mit einer Geschäftsidee einen bestehenden Bedarf decken. Bei Shiv Sivakumar steht das jedoch zunächst nicht im Vordergrund. Als er online nach einer Lösung für seinen Hund sucht, denkt er vor allem an Leo, der unter Hautallergien und Verdauungsproblemen leidet. Dass daraus irgendwann ein Start-up entstehen würde, weiss er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Es ist 2020, London befindet sich im Lockdown. Shiv sucht im Internet nach möglichen Alternativen in der Hundeernährung. «Ich wollte herausfinden, ob Fachpersonen sich mit diesem Problem auskannten», sagt er. Das taten sie: Tierarzt Guy Sandelowsky stellt in der Kleintierpraxis fest, dass viele Hunde an ähnlichen Beschwerden leiden wie Leo. Guys Mitbewohner sieht Shivs Nachricht in einem Onlineforum und stellt den Kontakt zwischen beiden her.
Gut verträgliches Hundefutter: mehr als eine Idee Guy experimentiert mit Hundefutter auf Basis neuartiger Proteine wie Algen, Hefen oder Hülsenfrüchte, um Allergien und Unverträglichkeiten zu lindern. Auf dem Markt dominieren hingegen Produkte aus klassischen tierischen Quellen wie Huhn oder Rind. «Andere Marken konzentrieren sich auf Trends wie ‹raw› oder ‹fresh›», sagt Guy.
Guy und Shiv verstehen sich auf Anhieb gut. Der Zufall will es, dass sie nicht nur Hundenarren, sondern auch beide schwul sind. Aus dem Austausch wird eine Geschäftsidee. «Wir merkten, dass wir dieselbe Vision teilen», erzählt Shiv. «Nach ein paar Monaten intensiver Gespräche wussten wir: Das ist mehr als eine Idee.» Die Hundefuttermarke Omni ist geboren. Aufgrund des Lockdowns treffen sich die beiden erst vier Monate nach der Unternehmensgründung zum ersten Mal persönlich.
Investmentbanker Shiv kümmert sich um Finanzen und Betrieb, Guy um Produktentwicklung und Tiergesundheit. Die beiden arbeiten schlank, finanzieren den Start mit eigenen Ersparnissen – rund 40'000 britische Pfund. Das erste Jahr ist überschaubar: Neben den beiden Gründern arbeitet eine weitere Person im Unternehmen, das einzige Produkt ist eine Sorte Trockenfutter, es gibt kaum Umsatz. Nach einer ersten Investitionsrunde im Freundeskreis und in der Familie suchen Shiv und Guy finanzielle Mittel in Form von Venture Capital.
Externes Kapital und schnelles Wachstum Venture Capital (Risikokapital) an Bord zu holen kommt nicht bei allen Unternehmensgründer*innen in Frage, lässt man so doch andere am eigenen Geschäft teilhaben, grosse Entscheidungen trifft man nicht mehr selbst. Es ist aber eine Möglichkeit, rasch an grössere finanzielle Mittel zu gelangen und die Wachstumsphase des Start-ups zu beschleunigen. Für Investor*innen ergeben sich dadurch lukrative Chancen, aber auch ein hohes Risiko.
Für Shiv und Guy ist von Beginn an klar: Wer in einer Branche mit Konzernen wie Mars und Nestlé mitspielen will, braucht Kapital. «Wir hätten ein kleineres Unternehmen aufbauen können», sagt Shiv. «Aber unser Ziel ist die Branche zu verändern.»
Heute betreibt Omni ein ganzes Sortiment aus Trocken- und Nassfutter für Hunde sowie Snacks und Nahrungsergänzungsmittel für Gelenkgesundheit. Im zweiten Jahr erzielt Omni einen Umsatz von 600'000 Pfund, 2022 und 2023 steigt er auf 2,5 Millionen. Heute beziffern die Gründer den Wert ihres Unternehmens auf 10 Millionen Pfund.
Den Durchbruch bringen mehrere Meilensteine: die Einführung eines Abo-Modells, die Lancierung von Nahrungsergänzungsmitteln und ein TV-Auftritt in der «Dragon’s Den», dem britischen Pendant zu «Die Höhle der Löwen». Hier sichern sie sich 75 000 Pfund von zwei Investor*innen, im Gegenzug erhalten diese 2,5 % Unternehmensanteile. «Diese Meilensteine waren überhaupt erst möglich, nachdem wir schrittweise viele kleine Verbesserungen gemacht hatten», sagt Shiv. «Dinge wie Rezepturen überarbeiten, den Geschmack verbessern oder Nahrungsergänzungsprodukte einführen. Ohne diese Vorarbeit hätten die grossen Momente nicht die gleiche Wirkung gehabt.»
Der queere Investmentfonds Rund 30 Investor*innen glauben heute an die Marke Omni und sind beteiligt. Wie viele Unternehmensanteile diese halten, machen Guy und Shiv derzeit nicht öffentlich. Für die beiden Gründer hat sich der Entscheid, externes Kapital an Bord zu holen, bewährt. «Wir hatten Glück. Unsere Investor*innen beraten uns eher, als dass sie uns Steine in den Weg legen», sagt Guy. Er und Shiv seien noch nie in einer Situation gewesen, in der sie sich blockiert gefühlt hätten. «Das kann sich aber ändern, je grösser wir werden. Wenn man einen Verwaltungsrat hat, werden einige Entscheidungen nicht mehr nur zwischen uns Gründern getroffen. Strategische Fragen – ob man zum Beispiel weiteres Kapital aufnehmen, das Unternehmen verkaufen oder neue Produkte lancieren soll – werden zu gemeinsamen Entscheidungen. Das ist Teil des Kompromisses.»
Zu den Investor*innen bei Omni gehört auch Identity.vc: ein Fonds, der gezielt in Start-ups investiert, die von queeren Gründer*innen geführt werden. Guy und Shiv sehen darin keine Symbolpolitik, sondern ein Korrektiv. «Im Venture Capital fliesst das meiste Geld zu weissen, heterosexuellen Männern», sagt Shiv. «Menschen investieren in das, was ihnen vertraut ist. Identitätsfonds schaffen Gegengewicht und machen sichtbar, dass gute Ideen überall entstehen können.»
Angst vor dem Coming-out Dass beide schwul sind, habe vieles einfacher gemacht. «Wir können ehrlich miteinander sein und offene Gespräche führen, besonders in einem stressigen Start-up-Umfeld», sagt Shiv. «Es macht einen Unterschied, wenn man Teile seiner Persönlichkeit nicht verstecken muss.»
Diese Offenheit einander gegenüber legten sie jedoch nicht immer gegen aussen offen, besonders angesichts potenzieller Investor*innen. Das ist etwas, was sie heute anders machen würden. «Als wir mit Omni anfingen, gingen wir sehr diskret mit unserem Schwulsein um», sagt Guy. «Einige fragten uns nach Ehefrauen und Kindern und das machte es sehr unangenehm. Schliesslich entschieden wir uns dafür, offen zu sein. Das hat alles verändert. Die Leute schätzten die Offenheit und das Selbstbewusstsein.»
Für beide ist queeres Unternehmertum auch eine Frage der Haltung. Offenheit, Durchhaltevermögen, Perfektionismus – Eigenschaften, die sie mit vielen LGBTIQ-Personen teilen, helfen ihnen auch im Geschäftsleben. «Die Start-up-Welt ist hart und einsam», sagt Shiv. «Eine Community zu haben, die dich auffängt, macht einen grossen Unterschied.»
Ein Start-up, kein Gefängnis Ein Unternehmen aufbauen und mit Investor*innen im Nacken einen grossen Profit erzielen: Ein Start-up zu führen kann einen grossen Druck ausüben. «Es kann schnell dein Leben in Beschlag nehmen. Wir verkaufen Produkte rund um die Uhr, Kund*innen kaufen und schreiben Nachrichten am Wochenende. Mit einem kleinen Team ist es schwierig abzuschalten», sagt Guy. Queer zu sein, spiele dabei vielleicht auch noch eine Rolle. «Ich bin 38 und habe keine Kinder. Ich habe also keine automatisch eingebauten Arbeitspausen. Mit Sport versuche ich bewusst abzuschalten: Tennis, Fitnessstudio – Dinge, die mich zwingen Abstand zu nehmen. Es ist wichtig, dieses Ventil zu haben, um ein Burn-out zu vermeiden.»
Omnis primärer Markt ist Grossbritannien, doch mittlerweile beliefern sie mit ihren Produkten ganz Europa, in Deutschland zum Beispiel die Geschäfte von Fressnapf. Ein nächster Schritt sind Produkte für Katzen. «Typische Beschwerden sind Nieren- und Blasenprobleme und natürlich Haarknäuel», sagt Guy. «Wir arbeiten an leckeren Nahrungsergänzungsmitteln, um diese Probleme zu lösen – Produkte, die gesund sind, aber wie Goodies schmecken. Das ist ein Fokus für nächstes Jahr.»
Ausbau, Umsatz und Sichtbarkeit. Die Herausforderungen eines Start-ups bleiben bestehen. Seit der Gründung von Omni haben beide noch keinen richtigen Urlaub genommen. Der eigene Chef zu sein erlaubt zumindest Reisen und Remote-Arbeiten. «Als Unternehmer fühlst du dich selten wohl, das Steuer abzugeben», sagt Shiv. «Darum musst du lieben, was du tust – sonst hältst du das Tempo nicht durch.»
Mehr: «Zurück am heiligen Ort» – Pride-Flagge weht wieder an Stonewall Denkmal (MANNSCHAFT berichtete)
Unterstütze LGBTIQ-Journalismus
Unsere Inhalte sind für dich gemacht, aber wir sind auf deinen Support angewiesen. Mit einem Abo erhältst du Zugang zu allen Artikeln – und hilfst uns dabei, weiterhin unabhängige Berichterstattung zu liefern. Werde jetzt Teil der MANNSCHAFT!