Queere Opfer in vielen Gedenkstätten «immer noch unsichtbar»
Der LSVD fordert eine «verantwortungsvolle Erinnerungspolitik»
Der Holocaust-Gedenktag ist ein internationaler Gedenktag, der jährlich am 27. Januar begangen wird. Am 27. Januar 1945 hatten sowjetische Truppen die Überlebenden des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz im besetzten Polen befreit. Die Nazis hatten dort mehr als eine Million Menschen ermordet, überwiegend jüdische Menschen. Zu den Opfern zählten u.a. auch Queers und Menschen mit Behinderungen.
Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus fordert der LSVD⁺ eine verantwortungsvolle Erinnerungspolitik. Alva Träbert für den Bundesvorstand des LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt: «,Nie wieder' erfordert die Verteidigung einer wehrhaften Demokratie, von geschlechtlicher und sexueller Selbstbestimmung und das Engagement gegen Spaltung und Hass. Daraus ergibt sich die Verantwortung der politischen Entscheidungsträger*innen, staatlichen Schutz von queerem Leben zu verankern, etwa durch die Erweiterung von Art 3 Grundgesetz, damit er allen queeren Menschen Sicherheit garantiert.»
Träbert weiter: «Erinnerungspolitik ist so gefährdet wie schon lange nicht mehr: in Deutschland verzeichnen wir inzwischen fast täglich einen Angriff auf Gedenk- und Erinnerungsorte. Umso wichtiger ist es, dass alle damals verfolgten und heute weiterhin oft marginalisierten Gruppen gemeinsam sichtbar gegen Ausgrenzung einstehen. Denn wenn Hass, Hetze und Gewalt sich wieder ausbreiten, sind LGBTIQ und andere oft zuerst betroffen. Unsere Sicherheit und reale Chance auf politische und gesellschaftliche Teilhabe sind ein Gradmesser für Demokratie. Also hört uns zu, wenn wir Alarm schlagen. Wir alle müssen dem demokratiefeindlichen Backlash entgegentreten. Der beste Zeitpunkt dafür ist bereits verstrichen, der nächstbeste Zeitpunkt ist jetzt.»
Die Erinnerungspolitik habe in den letzten Jahren zentrale Fortschritte gemacht, um verfolgte, ermordete und vergessene LGBTIQ «endlich angemessen und würdig in unser kollektives Gedächtnis» zu rufen. Unter anderem wurde 2023 der queeren Opfern des NS-Regimes zum ersten Mal mit einer Bundestagsgedenkstunde und am Volkstrauertag durch den Bundespräsidenten gedacht. Trotzdem: «Das Gedenken an LGBTIQ in vielen Gedenkstätten und in der Bildungsarbeit immer noch unsichtbar. Besonders bestehende Forschungslücken zur Verfolgung von TIN-Menschen müssen endlich geschlossen werden. An allen Gedenk- und Erinnerungsorten der Bundesrepublik muss die Vielfalt der verfolgten Gruppen sichtbar werden.»
Die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen bleibt nach den Worten von Staatsminister Wolfram Weimer eine permanente Aufgabe. Gerade in einer Zeit, in der antisemitische Ressentiments wieder offen zutage träten, dürfe Erinnerung weder verblassen noch zu einem bloßen Ritual erstarren, sagte Weimer anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktags.
Die NS-Verbrechen sind nach seinen Worten ein beispielloser Abgrund der Geschichte, der bis heute nachwirkt. Die Auseinandersetzung damit sei «eine kontinuierliche Arbeit am kulturellen Gedächtnis Deutschlands und der Welt», sagte der Staatsminister für Kultur und Medien und erinnerte in einer Rede im Tränenpalast in Berlin laut einer Mitteilung an die Opfer des Nationalsozialismus und die historische Verantwortung Deutschlands.
Erinnerung sei mehr als der Blick in die Vergangenheit: «Sie ist der Herzschlag unserer demokratischen Identität. Wenn wir vergessen, wer wir waren und was Deutsche getan haben, verlieren wir den Kompass dafür, wer wir sein wollen.»
Wenn Desinformation und Hass auf digitalen Plattformen die Deutungshoheit gewännen, sei dies eine Gefahr für die Demokratie insgesamt, mahnte Weimer. Er zeigte sich überzeugt davon, dass junge Menschen an der Geschichte interessiert seien. «Die Jugend will wissen. Sie will verstehen. Auf dieser Neugier müssen wir aufbauen.»