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«Diskriminierung beginnt nicht erst beim Fusstritt»

Die von der ADS unter dem Motto «Was divers macht» ausgerichteten Deutschen Antidiskriminierungstage finden erstmals in Berlin statt

Antidiskriminierungstage
Ministerin Giffey eröffnete die Antidiskriminierungstage (Foto: MANNSCHAFT)
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Bundesfamilienministerin Franziska Giffey und der kommissarische Leiter der unabhängigen Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), Bernhard Franke, haben am Montag in Berlin die ersten deutschen Antidiskriminierungstage eröffnet. In Workshops und Diskussionsveranstaltungen beschäftigen sich die Teilnehmer*innen mit Diskriminierungsformen wie Rassismus, Homophobie oder Frauenfeindlichkeit.

«Deutschland ist ein vielfältiges Land. Allerdings ist das gute Zusammenleben unterschiedlicher Menschen in den letzen Jahren unter Druck geraten. Es besorgt mich, dass Anfeindungen, Rassismus, Homophobie oder Frauenfeindlichkeit um sich greifen», sagte Giffey im Haus der Kulturen der Welt in ihrem leidenschaftlichen und engagierten Grusswort. Umso wichtiger seien Veranstaltungen wie die Antidiskriminierungstage.

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Echte Vielfalt verlange von allen geistige Beweglichkeit und die Bereitschaft zum Dialog. Sie erfordere auch Rücksichtnahme, Toleranz und Akzeptanz dafür, dass Menschen verschieden sind und unterschiedlich leben wollen. Und sie erfordert klare Grenzen der Toleranz, wenn Hass und Hetze die Stirn geboten werden muss.

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Sie zitiert Bundespräsident a.D. Joachim Gauck, der sich für eine «kämpferische Toleranz» sowie eine «mutige Intoleranz» ausgesprochen hat – dort, wo Grenze überschritten würden. Dieses Bild gefalle ihr sehr, so Giffey. Und sie erinnerte an ihre Zeit als Kommunalpolitikerin in Neukölln, wo man es so ausdrücke: «Deine Freiheit deinen Arm zu schwingen, hört da auf, wo meine Nase beginnt.»

Echte Vielfalt, räumte die Ministerin ein, könne anstrengend sein und manchmal gar nicht einfach.
Trotzdem solle sich jeder Mensch in der Gesellschaft entfalten können, unabhängig von seiner Religion, seiner sexuellen oder geschlechtlichen Identität oder seiner Herkunft.

Der kommissarische Leiter der Antidiskriminierungsstelle (ADS), Bernhard Franke, dessen Arbeit Giffey ausdrücklich würdigte, sagte: «Wir wollen Menschen ein Forum geben, die sich Tag für Tag gegen Ausgrenzung, Hass und Diskriminierung und für Akzeptanz, Respekt und Gleichbehandlung einsetzen. Antidiskriminierungspolitik ist Grundrechtsschutz. Sie dient unserer Gesellschaft als Ganzes. Und damit dient sie jeder und jedem einzelnen.» (Die ADS ist seit über eineinhalb Jahren ohne feste Führung – MANNSCHAFT berichtete).

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Jeder Tritt oder Fausthieb gegen Homosexuelle, Jüd*innen oder Behinderte zeige, dass für die Betroffenen eine Angstlosigkeit in Deutschland nicht mehr gegeben sei. Man müsse allerdings nicht erst beim Verhindern von Gewalt ansetzen, sondern täglich klar machen, dass alle Menschen die gleiche Würde haben und für alle die gleichen Menschenrechte müssen.

Es beginnt nicht erst beim Fusstritt, so Funke. «Es geht schon los, wenn ein Vermieter findet, dass eine Regenbogenfamilie nicht in die Hausgemeinschaft passt.» So gebe es viele «kleine Nadelstiche des Nicht-Dazugehörens».

Funke zitiert den Philosophen Odo Marquard, als er sagte, Deutschland brauche eine Buntheitskompetenz. Denn der Einsatz für Menschenrechte, so Funke, sei auch ein Gemeinschaftsschutz, denn er diene der Gesellschaft als ganzes.

Die von der Antidiskriminierungsstelle unter dem Motto «Was divers macht» in diesem Jahr erstmalig ausgerichteten Deutschen Antidiskriminierungstage sind mit mehr als 400 Teilnehmenden und mehr als 30 an zwei Tagen angebotenen Workshops, Diskussionsveranstaltungen und vom Haus der Kulturen Welt ausgerichteten, hochkarätigen Kulturevents die grösste Veranstaltung dieser Art in Deutschland. Vertreter*innen aus Politik und Forschung sowie aus Unternehmen und Verwaltung, Wirtschaft, Kultur, Medien, Bildung und Zivilgesellschaft diskutieren bei den Antidiskriminierungstagen über aktuelle Problemlagen und Zukunftsfragen der Antidiskriminierungsarbeit. Die Teilnehmenden mögen sich vernetzen, miteinander ins Gespräch kommen und über verschiedene Diskriminierungsformen sprechen, so Funke.

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Der Kongress ist intersektional und interdisziplinär ausgerichtet: Mit Podiumsdiskussionen, Workshops und Fall-Werkstätten soll die Möglichkeit umfangreicher Perspektiverweiterung und Vernetzung gegeben werden.

Zu den Themen, die bei den Antidiskriminierungstagen diskutiert werden, zählen Altersdiskriminierung ebenso wie die Chancen und Herausforderungen der so genannten Dritten Option. Auch Fragen der Inklusion, von Rassismus und Integration werden diskutiert. Ebenso geht es um die Frage, ob der Merkmalskatalog des AGG heutzutage noch ausreichend ist, um Diskriminierung an Hochschulen, dem kirchlichen Arbeitsrecht bis hin zu Diskriminierungsrisiken durch Algorithmen.

Kriss Rudolph

Geschrieben von

Kriss Rudolph lebt mit seinem Hund Mompa in Berlin. Bei MANNSCHAFT ist er als Online-CvD und als Chefredakteur der deutschen Print-Ausgabe tätig.

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