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Schule und sexuelle Vielfalt? Deutschland braucht Nachhilfe!

Nach einer Studie hört man auch Lehrer*innen, die „schwul“ oder „Schwuchtel“ als Schimpfwort benutzen

Simbabwe
Ein Lehrer steht an der Tafel (Symbolbild)

In vielen deutschen Bundesländern und Kantonen in der Schweiz sind momentan Herbstferien. Wie groß die Vorfreude queerer Teenager ausfällt, danach wieder in die Schule zu gehen, dürfte sehr davon abhängen, wie willkommen sie sich bei Mitschülern und Lehrern fühlen. Mehrere Studien sehen großen Nachholbedarf

Man liest und hört es immer wieder, dass auf deutschen Schulhöfen „schwul“ oder „Schwuchtel“ zu den beliebtesten Schimpfwörtern gehören. Was heißt das genau? Vor ein paar Jahren wurden in Berlin „Verhalten, Einstellungen und Wissen zu LGBTIQ und deren Einflussvariablen“ untersucht. Ulrich Klocke von der Humboldt-Universität Berlin führte eine Befragung durch und veröffentlichte sie im Jahr 2012 unter dem Titel „Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen“. Demnach gaben 62% aller Sechstklässler*innen und 54% aller Neunt- und Zehntklässler*innen an, in den vergangenen 12 Monaten mindestens einmal „schwul“ oder „Schwuchtel“ als Schimpfwort verwendet zu haben. Auch „Lesbe“ war als Schimpfwort verbreitet, bei den Sechstklässern immerhin zu 40%. Jede*r zweite Sechstklässler*in und ein Drittel der Neunt-und Zehntklässler*innen haben laut der Studie über andere gelästert, weil sie sie für lesbisch oder schwul hielten.

Fast jeder Lehrer kennt homo- oder transphobe Bemerkungen
Bei einer Onlinebefragung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) unter LGBTIQ-Lehrkräften, die Ende 2017 veröffentlicht wurde, kam sogar heraus, dass lediglich 6, 2 Prozent in den letzten 12 Monaten gar keine homo- oder transphoben Bemerkungen von Schülerseite mitbekommen haben. Angesichts dieser Lage ist es wenig verwunderlich, dass bei unserer Umfrage auf mannschaft.com jede*r Dritte angab, die eigene sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität in der Schule lieber nicht an die große Glocke zu hängen.

Zum Thema: Wenn Lehrer sich outen, müssen sie teils mit heftigen Konsequenzen rechnen

Auch Lehrer sagen „Schwuchtel“
Erschwerend kommt hinzu, dass nach der ADS-Befragung von Lehrer*innen, Eltern, der Schulleitung oder anderem schulischem Personal sogar 17 % angaben, mindestens einmal „schwul“ oder „Schwuchtel“ als Schimpfwort aus dem Mund von Lehrer*innen vernommen haben. 16 Prozent beobachteten derartige Bemerkungen oft oder manchmal bei Eltern und immerhin noch 9 Prozent bei anderem schulischen Personal. 5,2 Prozent hatten gehört, dass Mitglieder der Schulleitung oft oder manchmal Aussagen gemacht haben, die gegen LSBTIQ-Personen gerichtet waren.

Lehrer greifen selten ein
Laut der Klocke-Untersuchung griffen weniger als 20 % der Lehrer ein, wenn Schüler*innen geärgert oder ausgelacht wurden, weil sich diese nicht geschlechtskonform verhalten hatten, für lesbisch oder schwul gehalten wurden oder wenn homophobe Schimpfwörter verwendet wurden. Ebenfalls unter 20% der Lehrer*innen griffen in solchen Fällen niemals ein. Die meisten Lehrkräfte scheinen demnach manchmal einzugreifen und manchmal solche Vorkommnisse zu ignorieren. Das deckt sich mit den Erkenntnissen aus dem Forschungsprojekt des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zur Lebenssituation queerer Jugendliche und junger Erwachsener mit dem Titel „Coming-out – und dann…?!“ aus dem Jahr 2015. In den meisten Fällen wird von Lehrerseite nicht deutlich verurteilt, wenn Schimpfwörter wie „Schwuchtel“, „Transe“ oder „Lesbe“ fallen.

Man kann niemandem verbieten, homophob zu denken, aber gerade Schulen müssen dafür sorgen, dass alle Kinder sicher lernen können

Schule spiegelt Gesellschaft wider
Dass es Homophobie an der Schule gibt, ist zunächst einmal nicht verwunderlich, sagt Klemens Ketelhut von der Heidelberg School of Education. Der Soziologe und Rehabilitationspädagoge gibt Workshops zum Thema „Sexuelle Orientierung/Geschlechtlichkeit als Thema in der Schule“, wie kürzlich in Leipzig anlässlich des CSD. Und Schule sei ein Ort, der die Gesellschaft im Kleinen widerspiegelt. „In Schulen finden auch alle Abwertungen statt, die uns im Alltag begegnen“, sagt der Pädagoge.

Schule und Vielfalt
Klemens Ketelhut (Foto: privat)

Zwar könne man niemandem verbieten, homophob zu sein oder zu denken, gerade Schulen aber müssten dafür sorgen, dass alle Kinder „sicher, gut und frei lernen können“. Das funktioniere aber nur, wenn alle mit ihren Lebensformen anerkannt werden. Denn Schüler haben nicht die gleichen Chancen, wenn sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung beleidigt werden. Ketelhut beobachtet bei Lehrern und Lehramtsstudenten noch eine große Überforderung bei den Themen trans, inter, aber auch asexuell. Und nicht nur LGBTIQ-Menschen spiegeln sich zu selten im Unterricht wieder; es müsse auch um Kinder gehen, die aus Regenbogenfamilien stammen. In der Lehramtsausbildung sieht er hier eine große Leerstelle, die eigentlich gefüllt werden müsste.

Unterrichtsziel: Akzeptanz von LGBTIQ
Nun ist zwar in den vergangenen Jahren auf politischer Ebene viel passiert, viele Lehrpläne sehen vor, dass LGBTIQ-Themen im Unterricht behandelt werden. In hessischen Schulen und Berufsschulen soll seit zwei Jahren fächerübergreifend die „Vielfalt sexueller Orientierungen und Geschlechteridentitäten“ thematisiert werden, die Akzeptanz von LGBTIQ-Menschen wurde zum offiziellen Unterrichtsziel erklärt. In Berlin und Brandenburg ist seit vergangenem Schuljahr im Rahmenlehrplan für die Klasse 1 bis 10 zu lesen: „Durch das Aufgreifen, aber auch das Auslassen oder Umgehen von Themen menschlicher Sexualität wirkt die Lehrkraft modellhaft in ihrem Handeln. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung leitet sich aus den Kinder- und Menschenrechten ab und basiert auf einem Bildungsansatz, der Vorurteile und Diskriminierung bewusstmacht und abbaut.“

Überarbeitete Richtlinien oft nicht bekannt
Zwar gibt es in Berlin, wo die Klocke-Studie an 20 Schulen (angefragt hatte man rund 100 Schulen) durchgeführt wurde, seit 2001 eine fächerübergreifende Richtlinie für die Sexualerziehung an Schulen, die „AV 27“. Doch nur ein Drittel der befragten Klassenlehrer*innen von Sechst- und Neunt- bzw. Zehntklässlern erklärte, von der Existenz der A V 27 zu wissen, nur 15% wussten, was drin steht. Von den befragten Elternvertreter*inne/n kannte niemand die Richtlinie …

Wie viele Schulen den Lehrplan überhaupt nicht umsetzen und warum die meisten Schulbücher nicht weiterhelfen, steht in der September-Ausgabe der Mannschaft: Hier geht’s zum Abo (Deutschland) – und hier auch (Schweiz).

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