in

Von Dragqueens zu Hofe und schwulen Stararchitekten

Schmerzen im Herzen
Ganz in der Nähe des Kaiserbründls thront die Wiener Staatsoper – ein Gebäude, hinter dem ein weiteres Kapitel schwuler Stadtgeschichte steht. Entworfen wurde der Prachtbau von den Architekten Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg. «Heute ist offiziell anerkannt, dass die beiden ein Paar waren», erzählt Niki König. «Damals hingegen wurde das nicht offen kommuniziert.» Liebe und Leben der beiden nahmen ein tragisches Ende. Das Duo erntete für die Architektur der Oper bitterböse Kritik, sowohl von Seiten der Wiener Bevölkerung als auch von Kaiser Franz Joseph. Eduard van der Nüll verzweifelte daran und erhängte sich. Nur zehn Wochen später starb auch Sicardsburg – angeblich an gebrochenem Herzen.

August Sicard von Sicardsburg entwarf zusammen mit seinem Partner Eduard van der Nüll die Wiener Staatsoper.

Platznot war nicht
Bloss einen Katzensprung von der Oper entfernt liegt das Stadtpalais von Prinz Eugen von Savoyen. Dieser kam 1663 in Paris zur Welt und avancierte zu einem der grössten Feldherren des Habsburgerreiches. Prinz Eugen gilt heute als schwul, «wobei es für seine Homosexualität keine offizielle Bestätigung gibt», erklärt Niki König. «Er war aber nie verheiratet, hatte keine Kinder und von Affären mit Frauen weiss man auch nichts.» An den Höfen sei hinter vorgehaltener Hand über seine gleichgeschlechtlichen Vorlieben getuschelt worden. Fest steht, dass er für allfällige Techtelmechtel genug Platz gehabt hätte. Nebst seinem Stadtpalais, das er vornehmlich in den Wintermonaten bewohnte, besass Prinz Eugen auch noch das Schloss Belvedere – eine barocke Wucht, die sich unweit des neuen Hauptbahnhofes befindet und die grösste Klimt-Sammlung der Welt beherbergt.

Werbung

Hätten Prinz Eugen, van der Nüll oder Luzi­wuzi im heutigen Wien gelebt, sie hätten um ihre Homosexualität keine Geheimnisse machen müssen (wobei «Geheimnis» im Falle Ludwig Viktors wohl nicht das richtige Wort ist). «Wien ist heute im Grossen und Ganzen sehr tolerant», sagt Niki König. Zumindest in den Bezirken der Innenstadt könnten Schwule und Lesben händchenhaltend durch die Strassen spazieren, ohne dass sich jemand darüber aufrege. «Es hat sich viel getan in den letzten fünfzehn Jahren», sagt der Fremdenführer. Lange Zeit sei Wien verstaubt und konservativ gewesen, doch nun gehe man mit dem Althergebrachten, den Traditionen und dem imperialen Erbe sehr viel lockerer, verspielter und ironischer um. «Die Wiener beginnen wieder, ihre eigene, moderne Identität zu bilden», beschreibt Niki König die Geisteshaltung der Stadtbevölkerung.

Prinz Eugen von Savoyen gilt als einer der grössten Feldherren des Habsburgerreiches.

So findet während der weltberühmten Wiener Ballsaison zum Beispiel der Regenbogenball im Parkhotel Schönbrunn statt. «Die Kleidung ist nach wie vor traditionell, das Publikum besteht jedoch mehrheitlich aus schwulen und lesbischen Paaren», so Niki. Des Weiteren zeige sich die offene Einstellung etwa auch daran, dass die Grenzen zwischen Gay- und Hetero-Lokalen zunehmend verschwämmen. «Die trendigen und hippen Bars und Clubs sind heute gemischt. An den angesagten Orten können zwei Männer oder zwei Frauen in der Regel problemlos miteinander tanzen oder sich küssen.»

Eduard von der Nüll, Partner von August Sicard von Sicardsburg. Die Kritik an der Wiener Staatsoper trieb ihn in den Freitod.

Breites Angebot
Doch auch das klassische homosexuelle Nachtleben steht in Wien in vollster Blüte. Beispielsweise seien das «Felixx» oder das «Village» Schwulenbars mit internationalem Flair, wie man sie überall kenne, sagt Niki König. Gefallen würden auch das «Marea Alta», eine «nette verrauchte Bude, in der Lesben den Ton angeben», oder der «Goldene Spiegel». Früher eine Mischung aus «verstaubtem Monarchie­kitsch, Pornotapeten und osteuropäischen Strichern», erstrahlt das Lokal nun frisch renoviert in neuem Glanz. Schliesslich ist im «Hard On» oder «Sling» der Name Programm. «Dort geht man nicht nur zum Biertrinken hin», erklärt Niki und lacht. Fehlt eigentlich nur noch eines: Eine Schwulenbar namens «Luzi­wuzi». Der Erzherzog hätte daran sicher ebenso seine Freude gehabt wie an der Tatsache, dass man sich als LGBT-Tourist äusserst wohlfühlt im heutigen Wien. Gerade die ungezwungene Verbindung von «traditioneller» und schwullesbischer Stadtgeschichte ist äusserst erfrischend – und sicherlich ein Modell, das in weiteren Metropolen dieser Welt auf Anklang stossen würde.

Werbung

Bilder: Österreichische Nationalbibliothek

[accordion]
[item title="Habsburgs schwarze Schafe"]

Über Sonderlinge, Rebellen und Wahnsinnige im kaiserlichen Hause.
ISBN: 978-3-492-24346-9
piper.de

[/it[/item] [ite[item title="Gay & Lesbian Guide Wien"]

Der neue Gay & Lesbian Guide gibt Szene-, Shopping- und Eventtipps und informiert über das Nachtleben für Schwule und Lesben. Gratis PDF:
wien.info/schwullesbisch

[/item]

Neue Vielfalt im Kinderfernsehen

Zweiter Emmy für RuPaul