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Regenbogen und Kapitänsbinden: Die Mär vom unpolitischen Fussball

Beim DFB scheint die Aufteilung, wer sich zu welchen Themen äussert, heute klarer zu sein

Leon Goretzka
Juni 2021: Leon Goretzka zeigt ein Herz nach der Niederlage (Foto: Christian Charisius/dpa)

Fussball und Politik sind nicht zu trennen. Der Umgang damit bleibt aber eine Gratwanderung. Zur richtigen Zeit das richtige Zeichen zu setzen, fiel der Nationalmannschaft oft schwer.

Jan Mies, dpa

Leon Goretzka formte im Sturm des aufgebrachten ungarischen Blocks mit den Händen ein kleines Herz. Es war eine vergleichsweise kleine Geste im politisch hochgradig aufgeladenen EM-Spiel vor drei Jahren in der Münchner Arena, in der an diesem Freitag die Europameisterschaft 2024 eröffnet wird – doch sie blieb lange in Erinnerung. Goretzka gelang mit seinem Torjubel in diesem Moment ein Zeichen, das aus sich heraus stark war, und nicht aufwendig erdacht, um auf Biegen und Brechen Haltung zu demonstrieren.

Vorausgegangen waren im Sommer 2021 tagelange Debatten über die letztlich verbotene Regenbogenbeleuchtung des Stadions als Protest gegen ein LGBTIQ-feindliches Gesetz im Heimatland der ungarischen Auswahl, die auch in diesem Jahr wieder deutscher EM-Gegner ist. Mittendrin bewegte sich die Nationalmannschaft zwischen der sportlichen Herausforderung und Forderungen nach grossen Gesten. Ein Dilemma, das in anderen Ausprägungen in den folgenden Monaten immer wieder auftrat, mal mit Kapitänsbinden, mal mit Rassismus-Umfragen.


«Ich hoffe, die Politik hat daraus gelernt. Nämlich, dass sie nicht in Angelegenheiten des Fussballs eingreifen sollte», sagte UEFA-Präsident Aleksander Ceferin der Deutschen Presse-Agentur in diesen Tagen über die Regenbogen-Wirren vor dem 2:2 in München. Die Europäische Fussball-Union hatte ihr Verbot damals mit dem politischen Hintergrund des Beleuchtungsantrags begründet. Die UEFA werde sich «umgekehrt nie in politische Fragen einmischen» und bitte die «Politiker ganz bescheiden darum, das beim Sport auch nicht zu tun», sagte Ceferin.


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Zu trennen sind Fussball und Politik aber längst nicht mehr. Auf den Tribünen der EM-Stadien werden sich in den kommenden Wochen wieder regelmässig Regierungsvertreter*innen in Szene setzen. Bei der deutschen Nationalmannschaft waren zuletzt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zu Besuch. Zum zweiten Vorrundenspiel am 23. Juni gegen Ungarn, dieses Mal in Stuttgart, hat sich neben Scholz der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán angekündigt. Die DFB-Auswahl wird im neuen, pinkfarbenen Auswärtstrikot antreten. Leuchten kann das Stuttgarter Stadion nicht.


«Natürlich ist der Fussball immer auch politisch. Das zu negieren, wäre naiv», schrieb der Co-Vorsitzende der SPD, Lars Klingbeil, in einem Gastbeitrag für das Portal Watson. Ihm aber sei «das alles ein wenig zu viel». Klingbeil fragte: «Können wir wenige Tage vor der EM im eigenen Land ein paar Umdrehungen rausnehmen und nicht immer noch mehr in den Fussball hineingeheimnissen?»

Bei der WM 2022 in Katar war die DFB-Auswahl durch die politische Debatte über die vom Weltverband FIFA verbotene «One Love»-Kapitänsbinde merklich beeinflusst worden. Vom Turnier blieb das Vorrundenaus, eine Dokumentation über das Scheitern, und das Bild von Bundesinnenministerin Nancy Faeser mit der Kapitänsbinde auf der Tribüne neben FIFA-Präsident Gianni Infantino (MANNSCHAFT berichtete). Der Schweizer zeigt sich weit mehr als Ceferin gern neben politischen Würdenträgern auch aus wenig demokratischen Staaten.

Der Deutsche Fussball-Bund und DFB-Präsident Bernd Neuendorf zahlten in Katar Lehrgeld (MANNSCHAFT berichtete). Mittlerweile scheint die Aufteilung, wer sich wann zu welchen Themen äussert, klarer zu sein. Auf eine umstrittene WDR-Umfrage, laut der es ein Fünftel der Deutschen besser fände, wenn mehr weisse Spieler in der Nationalmannschaft spielen würden, reagierten die Nationalspieler mitten in der EM-Vorbereitung mit großer Offenheit.

«Wir wissen alle, dass es das weltweit gibt, dieses Problem», sagte Kapitän Ilkay Gündogan, der die Nationalelf seit vergangenem September als Kapitän anführt, zu rassistischen Haltungen. «Die Zahlen sind nicht überraschend. Das wird es wahrscheinlich auch noch die nächsten zehn Jahre geben. Vielleicht wird es besser – hoffentlich.» Bestätigt wurde der 33-Jährige in Teilen später durch das Ergebnis der Europawahl.

Die Spieler, der DFB und auch die Funktionäre des deutschen Sports würden «ganz klar Haltung» zeigen, sagte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) dem «Kicker». Die DFB-Auswahl sei «ein Aushängeschild für die Republik, die wir lieben wollen. (…) Sie spielen für Deutschland, und das ist das freundliche Deutschland in pinken Trikots. Was wollen wir mehr? So soll es sein.»

Nicht in Pink, aber in Regenbogenfarben leuchten wird in diesen Tagen auch die Münchner Arena (MANNSCHAFT berichtete). Als Symbol für die Akzeptanz und Gleichberechtigung von Menschen, die sich nicht mit dem traditionellen Rollenbild von Mann und Frau oder anderen Normen rund um Geschlecht und Sexualität identifizieren, werden die Farben am Stadion am 22. und 23. Juni zu sehen sein. Anlass ist aber der Christopher Street Day – ein EM-Spiel wird an den beiden Tagen in München nicht ausgerichtet.

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