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Gedenken in Greifswald für schwules NS-Opfer Kurt Brüssow

Nach einer zwangsweise vorgenommenen Kastration kam er aus dem KZ

Kurt Brüssow
Kurt Brüssow (Fotos: Jürgen Wenke)

Kurt Brüssow, geboren am 9. Dezember 1910 in Stettin, war Schauspieler am Theater Greifswald. Dort wurde er als Homosexueller denunziert und in der NS-Zeit verfolgt, zu Gefängnis und mehrjähriger Zuchthausstrafe verurteilt. Nun wird seiner mit einem Stolperstein gedacht.

Kurt Brüssow überlebte die Moorlager im Emsland und die deutschen Konzentrationslager Auschwitz und Flossenbürg. Er zahlte für dieses Überleben aber lebenslang einen sehr hohen Preis: Denn nur eine gegen seinen erklärten Willen zwangsweise im KZ Auschwitz vorgenommene Kastration ermöglichte die Entlassung aus Auschwitz und damit das Überleben.

Die Tatsache der vollzogenen Kastration und die Weigerung von Kurt Brüssow, der sogenannten «freiwilligen Entmannung (Kastration)» zuzustimmen, sind in den Auschwitz-Dokumenten belegt. Der SS-Obersturmführer, Lagerarzt Friedrich Entress, legte Brüssow eine vorgefertigte Einverständniserklärung mit Datum vom 16. April 1942 vor, auf der aber die Unterschrift von Brüssow fehlt. Dafür findet sich am unteren Rand des maschinengeschriebenen Schriftstückes der handschriftliche Vermerk des Lagerarztes: «Will die Erklärung nicht unterschreiben, da er der Überzeugung ist, durch den KL-Aufenthalt gebessert zu sein.»

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Die Kastration mit Entfernung der Hoden ist ein sehr schwerwiegender Eingriff in die körperliche und seelische Unversehrtheit – auch August Kaiser wurde derart verstümmelt, der Ende 2019 in Krefeld mit einem Stolperstein geehrt wurde (MANNSCHAFT berichtete).

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Erfolgt die Kastration nach der Pubertät, hat sie beim erwachsenen Mann viele mögliche körperliche und psychische Folgen und hinterlässt Schädigungen, u.a: Antriebsarmut, Verlust der Körperbehaarung, Abnahme der Libido oder sogar Impotenz, tiefgreifende Persönlichkeitsveränderungen, psychische Erkrankung bis hin zu schweren Depressionen, wie in der Biographie mit dem Titel «Was bleibt, wenn der Vorhang fällt?» des Bochumer Forschers Jürgen Wenke aus Bochum online hier nachzulesen ist, die rechtzeitig zum 110ten Geburtstag veröffentlicht wird. Wenke hat zahlreiche Biographie schwuler NS-Opfer recherchiert (MANNSCHAFT berichtete).

Nach Auschwitz versuchte er, als Künstler wieder Fuss zu fassen, kehrte an das Greifswalder Theater zurück, und war kurzzeitig Leiter am Theater in Putbus auf Rügen. Er hatte seinen Lebensmittelpunkt ab 1947 in Bayern: zunächst in München, ab Mitte der 1960er Jahren in Seeshaupt am Starnberger See. Er starb 1988 im bayerischen Penzberg.

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Welche mutigen Positionen seine Eltern einnahmen, wie sie ihrem Sohn das Überleben ermöglichten, welche wichtigen Rollen später eine Kriegerwitwe und zwei kleinen Jungen spielten, welche unsäglichen, vordemokratischen Positionen die Bundesrepublik Deutschland in Bezug auf schwule Männer insgesamt nach 1945 und im Falle Brüssow festschrieb, beschreibt Wenkes dokumentarische Biographie.

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Am Mittwoch, den 9. Dezember wird um 15 Uhr in Greifswald vor dem Stadtheater ein Stolperstein zur Würdigung von Kurt Brüssow verlegt. Die Initiative zu der Ehrung stammt von dem auf Rügen geborenen Lars Kramer. Die Stadt Greifswald und die Evangelische Studentengemeinde Greifswald (ESG) haben die Planung und Ausführung der Stolpersteinverlegung übernommen.

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