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Erneute Reformation der Kirche wäre ein Jahrhundert-Ereignis

Warum der Papst die Vorschläge zum Kirchenrecht Realität werden lassen sollte

Kirche
München: Pfarrvikar Wolfgang Rothe segnet zwei Männer bei einem Katholischen Gottesdienst (Foto: Felix Hörhager/dpa)

Eine Änderung der katholischen Lehre hätte globalen Einfluss auf die Verfolgungssituation von LGBTIQ. Denn sie wird nicht selten auch mit der Lehrmeinung der grössten religiösen Institution der Welt begründet, schreibt unser Autor in seinem Kommentar*.

Es hat Jahrzehnte gedauert bis nicht-heterosexuelle Menschen in Deutschland die gleichen staatlichen Rechte erhalten haben, wie heterosexuelle Menschen. Diese Entwicklung dauerte jeweils Legislaturen und Verfahrensverläufe bis zum Bundesverfassungsgericht. Die Politik handelt in Wahlperioden, die katholische Kirche in Jahrhunderten, hat mir mal ein Priester erklärt. Nun scheint das Jahrhundert-Ereignis nah.

«Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Schlachter selber“, mussten sich Schwule oder Lesben, die sich der katholischen Kirche und dem christlichen Glauben verbunden fühlten, oft anhören. Zu klar waren die Regeln der Verurteilung und Ausgrenzung innerhalb der Kirche. Gelebte Homosexualität (also sexuell aktive) war eine schwere Sünde, und wurden in der Heiligen Schrift als schwere Verirrungen verurteilt und als die traurige Folge einer Zurückweisung Gottes. Als Grundlage dieser Einordnung galt, ob ein Sexualakt «natürlich» oder «unnatürlich» ist. Und Homosexualität war «unnatürlich». Davon konnten auch die vielen Belege von homosexuellen Verhalten in der Natur, wer kennt nicht die Geschichten von den schwulen Pinguinen, die Sitten- und Glaubenswächter nicht abbringen.

Die katholische Definition der «menschlichen Natur» beruht auf der mittelalterlichen Scholastik und damit war Homosexualität «unnatürlich». Immerhin waren Schwule und Lesben mit dieser Einsortierung nach der katholischen Sexualmoral nicht allein. Das grosse katholische Pfui galt ebenso außereheliche Geschlechtsverkehr, Masturbation und Empfängnisverhütung. Selbst ehelicher Sex hatte nur einen Grund: Kinder zu zeugen. Spass sollte das auf keinen Fall machen.


Der Kampf innerhalb der katholischen Kirche war dabei lange Zeit eigentlich unmöglich. Diejenigen, die etwas ändern wollten, bekamen Schwierigkeiten innerhalb der Kirche und ernteten Unverständnis von ausserhalb. Geschützt von einem staatlichen Antidiskriminierungsrecht, das den Kirchen als Tendenzbetrieben eine Sonderstellung einräumte, konnte Ärzten, die sich scheiden liessen, in katholischen Krankenhäusern ebenso rechtmässig gekündigt werden, wie dem schwulen Krankenpfleger oder der lesbischen Krankenpflegerin. Gleiches galt für Schulen und Kindergärten bei denen die katholische Kirche als Träger fungierte. Obwohl weder die Ärzteschaft, Pflegepersonal, Lehrer*innen oder Kindergärtner*innen etwas mit dem „Verkündungsauftrag» oder theologischer Auslegung zu tun hatten, war dabei egal. Die katholische Kirche machte von ihren Sonderrechten gnadenlos Gebrauch.

Und dabei beliess es die katholische Kirche ja nicht. Man brachte sich klar und deutlich in den gesellschaftlichen Diskurs ein. Verurteilte jede Politik, die eine Gleichstellung und Gleichberechtigung vorantrieb oder einer Liberalisierung das Wort redete. Es ging schliesslich um den Erhalt des christlichen Abendlandes, das durch die staatliche Legalisierung von Homosexualität ja dem Untergang entgegen wankte. Da wurde eifrig lobbyiert, Stimmung gemacht und mit aller Macht und Deutlichkeit verurteilt.

Und das alles, obwohl gerade der schwule Anteil unter den katholischen Priestern im Vergleich zum sonstigen gesellschaftlichen Durchschnitt extrem hoch war. Natürlich nutzten viele diese berufliche «Nische», wo man nicht erklären musste, warum man nicht verheiratet war. So entstand wohl auch die berühmte Homolobby im Vatikan, der eine ständige Unterwanderung der katholischen Sexualmoral unterstellt wurde. Nur dass sich an dieser nichts änderte. Das alles war verdeckt, geheim und schon deshalb macht- und erfolglos. Aus dem einzigen Grund: Entdeckung bedeutete das Aus im kirchlichen Dienst. Ich selbst kenne noch die Zeiten, als innerhalb der Organisation Homosexuelle und Kirche (HuK) keine Klarnamen im Mailverkehr benutzt werden durften. Das machte die Zusammenarbeit manchmal schon etwas schwierig.


Die Hoffnung, dass sich im 21. Jahrhundert endlich etwas an der Haltung der katholischen Kirche ändert, bekam spätestens mit Papst Franziskus neue Nahrung. Allerdings waren die Signale, die von ihm ausgesendet wurden, immer widersprüchlich. In seiner Unfehlbarkeit ging auch dieser Pontifex einen Schritt vor und wieder zwei zurück, bei diesem Thema. Zu wahrer Begeisterung unter seiner homosexuellen Anhängerschaft führten seine Aussagen im Jahr 2020: «Homosexuelle Menschen haben das Recht darauf, in einer Familie zu sein. Sie sind Kinder Gottes … Was wir brauchen, ist ein Gesetz zur eingetragenen Partnerschaft; dadurch sind sie rechtlich abgesichert.» Und während er natürlich Widerspruch und Empörung bei den konservativen Katholiken erntete, wurde fleissig interpretiert und gerätselt, was er damit eigentlich genau sagen wollte. Machte der Heilige Vater endlich den Weg frei, für gleichgeschlechtliche kirchliche Hochzeiten? Hatte er sich mit seinem Chef abgestimmt, würde es also Gottes Segen auch für sündige, gleichgeschlechtlich-liebende Menschen geben?

Zwei Jahre später wissen wir, dass er das nicht getan hat. Ganz nach der Aussage seines anderen Chefs Jesus: «Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist». Sollen die staatlichen Stellen Gesetze machen die gleichgeschlechtliche Ehen ermöglichen, aber nicht in der katholischen Kirche. Ein Jahr nach dieser Äusserung stellt er denn auch klar, dass es in der katholischen Kirche selbstverständliche keine Öffnung des Ehesakraments für homosexuelle Paare gibt, um im Nachsatz natürlich davor zu warnen, dass man Homosexuelle nicht diskriminieren darf. Wäre die Echternacher Springprozession nicht schon erfunden, müsste man sie nach diesem Papst benennen.

Nun machen sich aber gerade im Kernland der Reformation neue Töne breit, und zwar von innerhalb des Kirchenkreises. Mit-Auslöser oder Verstärker ist ohne Zweifel das Thema sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche. Neben dem System der jahrzehntelangen Verschleierung, unverantwortlichen Bagatellisierung im Umgang mit den Tätern und ignorierendem Totschweigen der Anliegen der Betroffenen und Opfer, war der fahrlässige Umgang mit der Aufarbeitung der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Mit dem synodalen Weg, der direkt aus der Empörung der Gläubigen daraus entstanden ist, sollte als eines der drei Hauptthemen die Sexualmoral der Kirche auf moderne Erkenntnisse aus Theologie und Humanwissenschaften gebracht werden.

Der seit Mitte 2019 sattfindende Diskurs und Dialog wurde am 24. Januar durch die Initiative «#Out in Church – Für eine Kirche ohne Angst“ aussergewöhnlich vorangetrieben (MANNSCHAFT berichtete). Mit ihrem Manifest, verfasst von hauptamtlichen, ehrenamtlichen, potentiellen und ehemaligen Mitarbeiter*innen der römisch-katholischen Kirche outeten sich 125 Kirchenmitarbeitende als lesbisch, schwul, bi, trans, inter, queer und non-binär. Wurde das Manifest zu seiner Veröffentlichung von 35 katholischen Verbänden, darunter dem Zentralkomitee der Katholiken, unterzeichnet, bis Mitte Februar schlossen sich mehr als 70 Organisationen an. Was vorher noch zu arbeits- und kirchenrechtlichen Konsequenzen geführt hatte, blieb diesmal ohne Sanktionen für die geouteten Menschen. In für die Kirche ungewohnter Schnelligkeit erklärten deutsche Bischöfe, dass man von jeglichen Bestrafungen absehe und vielmehr diese Menschen eine «Bereicherung» für die Kirche seien (MANNSCHAFT berichtete). Und wer sich verwundert die Augen, rieb erlebte Anfang Februar den nächsten Paukenschlag vom synodalen Weg. Mit überwältigender Mehrheit wurde dort beschlossen, dass die Kirche ihre Aussagen zur Homosexualität ändern müsse. Gleichgeschlechtliche Liebe soll zukünftig nicht anders beurteilt werden wie heterosexuelle. Und sogar noch weitergehend sollen zukünftig auch homosexuelle Paare ihre Beziehung in der Kirche segnen lassen können.

Natürlich sind das «nur» Empfehlungen an den Papst, denn nur dieser kann diese Vorschläge kirchenrechtlich Realität werden lassen. Ob und wann er das tut, steht nicht fest, aber Franziskus ist gut beraten sich daran zu erinnern, was passierte, als ein Papst das letzte Mal Forderungen, die an deutsche Kirchentüren genagelt wurden, ignorierte.

Nun werden alle Atheisten und Agnostiker sich fragen, wen es denn heute noch interessiert, was der Papst und die Kirche zum queeren Leben sagen und tun. Ganz einfach: Die queeren Gläubigen interessiert es, weil sie ihren Glauben diskriminierungs- und angstfrei leben wollen, nach Jahrhunderten der Ausgrenzung und Verfolgung. Und natürlich nicht nur queere Gläubige, sondern alle der über 22 Millionen Katholiken in Deutschland und rund 1,3 Milliarden Katholiken in der Welt wird das interessieren. Eine Änderung der katholischen Lehre hätte globalen Einfluss auf die Verfolgungssituation von LGBTIQ, die nicht selten auch mit der Lehrmeinung der grössten religiösen Institution der Welt begründet wird.

Ich jedenfalls wünsche mir, dass diese erneute Reformation aus Deutschland mindestens so viel Erfolg hat wie die Erste. Und an dem Tag, an dem dies Wirklichkeit wird, werde ich mit einer Regenbogenfahne Richtung Himmel winken. Egal ob da einer sitzt, der es sieht oder nicht.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar oder eine Glosse zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.


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