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«Scheisse, jetzt gehöre ich zu einer weiteren Minderheit»

Stefan hat seine Corona-Infektion überstanden und fühlt sich, als hätte er eine geheime Superkraft

Coronavirus
Foto: Andreas Arnold/dpa

Die Infektionszahlen steigen und steigen, das ist in Deutschland nicht anders als in der Schweiz oder in Österreich. Auch unser Autor hat sich mit dem Coronavirus angesteckt. Wie ihn die Quarantäne auf Fragen der eigenen Identität zurückgeworfen hat, schreibt er im Samstagskommentar*.

Scheisse, jetzt gehöre ich zu einer Minderheit. Zu noch einer, besser gesagt. Einer ziemlichen kleinen Minderheit sogar. Ich hatte COVID-19. Letzte Woche bin ich an der Berliner Charité positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden. Nachdem ich mich die Woche über bei 39 Grad Fieber an den Homeoffice-Schreibtisch gequält hatte. An einem Tag hab ich 16 Stunden lang schlafen vor lauter Erschöpfung. Dazu: Kopfschmerzen, Husten, Schnupfen, Gliederschmerzen, allgemeine Mattigkeit. Die volle Palette. Mittlerweile geht’s mir wieder gut, soweit ich das beurteilen kann. Mein Freund und einer meiner besten Freunde sind aber nach wie vor in Quarantäne – weil sie Kontaktpersonen der Kategorie 1 von mir waren: Wir hatten uns getroffen, kurz bevor meine Symptome anfingen. Dummer Zufall.

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Woher ich selbst Corona bekam, weiss ich nicht. Ich hab nur von zu Hause aus gearbeitet im fraglichen Zeitraum. Ich war auf keinen Partys. Ich hab fast keine Leute getroffen, abgesehen von der Supermarktkasse. Seit ein paar Tagen darf ich wieder raus. Ich erinnere mich daran, dass ich als Kind mal im Krankenhaus war und die Luft draussen beim ersten Spaziergang danach nach Milch geschmeckt hat (mein Lieblingsgetränk damals.) So geht es mir jetzt noch mal unter der magischen Novembersonne. Wenn ich nun unterwegs bin, denke ich über mein Geheimwissen nach.


«Ich gehöre zu einer Minderheit, und niemand von euch da draussen weiss es. Wenn ihr es wüsstet, würdet ihr mir ausweichen? Hättet ihr Angst, euch bei mir anzustecken? Würde die Mutter zum Kind sagen: Halt Abstand von dem, der ist krank.» Aber ich trage die Maske, wie alle anderen auch, obwohl ich zurzeit wohl immun bin und sie nicht so dringend bräuchte. Ich trage die Maske, die mich mit anderen verbindet, denen ich gewissermassen nicht mehr gleiche.

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Dass ich ein schwuler Mann bin, ist ein wichtiger Teil meiner Identität. Heteros sagen: «Warum ist dir das wichtig? Ist doch nichts Besonderes mehr.» Leider doch. Ich bin so aufgewachsen, dass ich meine Liebe immer wieder verstecken musste. Mein Coming-out als Teenager auf dem Dorfe, das war vor Anne Will, Wowereit und Westerwelle. Nicht so einfach. Es wird immer ein wichtiger Teil meiner Identität sein, dass ich queer bin. Zu dieser anderen, sehr viel kleineren Minderheit, den (Ex-)Covid-Patient*innen zu gehören, erscheint mir im direkten Vergleich unbedeutend. Aber, wer weiss, vielleicht ändert sich das mit Langzeitfolgen. Vielleicht werden irgendwann Ex-Covid-Kranke anders behandelt als «Gesunde». Vielleicht wird es dann ein Teil meiner Identität, der Bedeutung gewinnt.

Gerade fühle ich mich so als hätte ich eine geheime Superkraft. Ich bin immun gegen das Virus. Erstmal zumindest. Soweit man weiss. Ich muss an die Verfilmung der Graphic Novel «I Am Not Okay With This» denken, die im Februar auf Netflix anlief: Syd Novak, ein 17-jähriges Mädchen, entdeckt, dass sie übersinnliche, telekinetische Superkräfte hat. Und sozusagen «nebenbei» hat Syd sich in ihre beste Freundin Dina verknallt. Zwei Superkräfte: Sie ist lesbisch und auch eine Superheldin. Jackpot! Insgesamt muss sie aber lernen, mit sich selbstbewusst klarzukommen – der lesbische Crush ist nur ein Teil davon. Wahrscheinlich, dass die Superkräfte, wie schon bei den «X-Men»-Comics, auch Chiffre für gesellschaftlich verachtetes Anderssein darstellen: Dort haben die jungen Mutant*innen diverse Superkräfte, bedingt durch ihre Gene, für die sie von der Gesellschaft verachtet und verfolgt werden.


Ich bin Stefan und ich bin schwul. Ich bin Stefan und ich hatte Corona. Der erste Satz fühlt sich ganz selbstverständlich an inzwischen. Der zweite noch nicht. Mir läuft ein Schauder über den Rücken. Jetzt weiss ich, wie sich das anfühlen kann, das zu haben, was niemand will, und so zu sein, wie niemand sein will. Und doch tun sich auch Solidaritäten auf: Mein Ex-Freund hat mir einen grossen Einkauf gemacht, mit Lebensmitteln für eine Woche, samt viel Obst und auch etwas Schokolade. Obwohl wir uns seit Monaten nicht sehen konnten. Als ich die Tür aufgemacht habe, nachdem er gegangen war, als ich also die Tür aufgemacht habe, mit meiner Maske an, musste ich weinen.

Wie man in Zeiten von Corona mit einem Buddy-Bot gegen die Einsamkeit kämpft, hat Stefan Hochgesand beim letzten Mal beschrieben.

*Die Meinung der Autor*innen von Kolumnen, Kommentaren oder Gastbeiträgen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.


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