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«Carolin Emcke, das bessere Leben ist mit dir möglicher geworden»

Bei MANNSCHAFT ist die Laudatio von Jan Feddersen nachzulesen

Carolin Emcke
Carolin Emcke (Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa)

Der Preis Rosa Courage geht an Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise für die Belange von LGBTIQ-Menschen eingesetzt haben und sich immer noch stark machen. Zudem hoffen wir, durch die jährlich stattfindenden Veranstaltungen die Akzeptanz zu fördern und Gay in May einem breiteren Publikum bekannter zu machen. Am Dienstag wurde Carolin Emcke geehrt.

Die Verleihung des Rosa-Courage-Preises 2021 fand am Dienstagabend im Friedenssaal des Historischen Rathauses zu Osnabrück statt. Die Laudatio hielt MANNSCHAFT-Kolumnist Jan Feddersen:

Liebe «Gay in May»-Menschen, lieber Frank Mayer, liebe Diana Haes, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Griesert, vor allem: liebe Preisträgerin! Über sie heisst es in der Pressemitteilung zu unserem Anlass, zur Verleihung des Rosa-Courage-Preises 2021, ich darf zitieren: «Ihre Offenheit, ihre Klarheit und ihreBeständigkeit beim Einsatz für sexuelle und geschlechtliche Minderheiten sind es, die beim Rosa-Courage-Kuratorium imponieren.» Und Frank Mayer, der 1. Vorsitzende von Gay in May in Osnabrück, sagt darüber hinaus: «Sie macht Diskriminierungen deutlich, stellt Gewohnheiten in Frage und klär Missstände auf!»

Ich finde, das sind schon sehr gute Charakterisierungen dessen, was diese Preisträgerin auszeichnet – und deshalb wird ihr dieser Preis völlig zurecht zuerkannt. Ja, ich darf mich sogar wundern, warum dieses öffentliche, ja Lob nicht schon eher in dieser Weise formuliert worden ist. Sei’s drum: Besser jetzt als später – herzlichen Glückwunsch, liebe Carolin, liebe Carolin Emcke, hier in Osnabrück im schönen Historischen Rathaus dieser Stadt.Zugleich, ich vermute, das erwarten Sie von mir, möchte ich zur Auszuzeichnenden noch etwas genauer werden, ich will es jedenfalls versuchen.


Carolin Emckes Beliebtheit, ja, Popularität der geliebten Weise, verdankt sich auf gewisse Weise, so vermute ich, einer souveränen Person. Vor jeder Notiznahme dessen, was sie zu sagen hat, was uns, ich bitte für diese kleine Ironie um Verzeihung, umdreht, anders zu sehen verführt, eine andere Perspektive einzunehmen im besten Sinne anregt, vor jeder genauen Lektüre ihrer Texte fällt ihr Blick auf, ihre Körperlichkeit, ihre, wie man heutzutage auch sagen kann: Performance.

Sie geht gerade, sie hat den Gang einer ungebeugten Person, sie guckt interessiert, von ihr ist eine Beäugung in passiver Weise nicht zu haben. Ich darf das aus professionellen Gründen schon sagen, wir haben mehrfach, auch für Interviews, das sie meiner Zeitung gab, miteinander gesprochen. Das ist mir unauslöschlich in Erinnerung geblieben: Dass sie, die Preisträgerin, selbstvertraut, also ohne jede Selbstverleugnung guckt – und so nimmt sich auch ihre Körpersprache aus.

Sie mögen sagen: Ach, das ist hier ein Preis für das geschriebene Wort, für ihre Texte, ihre Interventionen und Kritiken – was hat denn hier etwas zu suchen, das nicht von geistiger Art ist? Das möchte ich ihnen sagen: Für einen schwulen Mann,für eine lesbische Frau wie Carolin Emcke markiert die Frage des öffentlichen, ja, aufrechten Gangs eine, in der es ums Ganze geht. Wie gebeugt, vorsichtig, ängstlich tastend, Gefahren rasch witternd geht einer, bewegt sich eine?


Ich verrate kein Geheimnis entre nous, wenn ich hier sage, dass die Empfindsamkeit von homosexuellen Personen, ihre Sensibilität keineswegs ihren guten Charakteren entspricht – das mag auch in vielen Fällen zutreffen, aber das, was wir als sensibel an einer anderen Person wahrnehmen, ist mehr als das üblich Gemeinte selbst, sondern auch die erlernte, ja die erzwungen gelernte Fähigkeit, die Umwelt für einen nie für selbstverständlich zu nehmen.

Wer seinen, wer ihren Radar nicht eingeschaltet, übersieht womöglich Gefahr. Angegangen zu werden als schwule, als lesbische Person – sei es in sprachlicher, sei es direkt körperattackierender Form – da muss eine und einer gewappnet sein, das ist schoneine Frage der Realitätstüchtigkeit für unsereins.Carolin Emcke ist auch in dieser Hinsicht ein Idol, was nichts anderes heisst als dasssie uns zeigt, wie das geht – nicht gänzlich dem ja noch immer nicht überwundenen Hass auf das sexuell Andere zu begegnen, ihn für kein Verhängnis zu halten, sich verletzlich zu bewahren – und doch körperlich anzuzeigen, dass es kein leichtes Spiel ist, sich mit einer solchen Person anzulegen. Wie mit einer wie ihr!

In ihren Texten, sei es im Spiegel, in der Zeit oder seit langem als Kolumnistin in der Süddeutschen Zeitung ist sie eine öffentliche Stimme, die die Verhältnisse,so möchte ich es nennen, der klassischen Robustheit umkehrt. Sie sagt nie: Stell dich nicht so an. Das ist das, was objektiv Schwächeren nahegelegt wird. Menschen, die zu uns flüchten wollen und es nur schwer schaffen; Männern und Frauen, die mit Worten herabgewürdigt werden, etwa immer wieder Sinti*zze undRoma*nja, die sich doch nicht so haben sollen, sagt da jemand das berüchtigte Z-Wort.

Carolin Emcke ist eine Sprechende für die Herabgewürdigten – eine, die sehr wohl als lesbische Frau weiss, wie sehr es schmerzen kann, diese falsche Hartlaibigkeit aushalten zu müssen – zumal wenn da gesagt wird, sei nicht so empfindlich. Doch, so beharrt sie, aller Realitätstüchtigkeit von Menschen zum Trotz – ein*r jede*r muss aushalten, was noch viel zu oft auszuhalten ist -, auf diese Verletzungen: Und dass es nicht zum Grundrecht von gefühlten oder tatsächlichen Mehrheiten gehört, sie zu äussern.

Vor knapp zehn Jahren, da hatte sie schon eine formidablen Ruf als Journalistin und Autorin, erschien ihr Buch «Wie wir begehren». Es ist, man darf es so formulieren, ein aus der queeren Welt unwahrscheinlicher Essay geworden – auch biographisch darüber zu sprechen, wie Antihomosexuelles im eigenen Werdegang verankert worden ist. Mehr noch: Es ist eine Auseinandersetzungen mit den gängigen Behauptungen zu Homosexualität.Sie schreibt: „Gewiss, es mag für dieses Begehren genetische Konditionierungen geben, ich bezweifle nicht, dass es natürliche Disposition zur Homosexualität geben kann.

Aber: Ich bin nicht nur homosexuell, weil die Natur das so bestimmt hat, weil ich nicht anders sein kann. Ich bin auch homosexuell, weil es mich glücklich macht, weil ich mich in Frauen hineinliebe möchte, weil sich meine Lust und mein Leben so richtig anfühlen, und weil ich mich für diese Art zu lieben entschieden habe, damals als ich zum ersten Mal eine Frau sah, als ich sie wollte, ihren Körper, ihre Lust, und ich merkte, dass ich davon nicht genug bekommen kann.“Ich las diese Passage, selbst damals schon in den Fünfzigern, immer noch – wie eine Offenbarung. Eine Aussage in eigener Sache von lakonischer Unentblösstheit, eine Skizze in Würde und Verständlichkeit. Eine Form der Empathie, nichts anderes. Guck dir das, was dir wie die Wirklichkeit scheint, mal mit den Augen eines Gegenübers ein!

Ihre Aussagen wären vor einem halben Jahrhundert zu äussern ganz undenkbar gewesen: Um Homosexuelle wusste jeder und jede, und dies war, zumal familiär das Allerabträglichste, das Allerunwünschbarste für das eigene Kind. Lesben und Schwule sollten nicht sichtbar sein – sie waren wie Schemen, über die wie schamdurchwirkt nicht explizit gesprochen werden sollte. Das haben Schwule und Lesben in den siebziger Jahren durchbrochen – und Carolin Emcke hat diesen Aufbruch für Sagbarkeit und gegen die Tyrannei der Diskretion wie eine ultrawarmherzige Schwester in der queer Hood als Chronistin beschrieben.

Nebenbei: Kommenden Montag, am 17. Mai, ist der Internationale Tag gegen Homo- und Transphobie. Es ist kein leeres Datum der Mahnung, wir wissen das.Heute, liebe Carolin Emcke, danke ich, danken wir Dir für so vieles – vor allem aberdafür: Unserem Sprechen in den Imaginationen der ‚Anderen‘ das Bizarre genommen zu haben. Das Eigene geschwisterlich leben können, dafür haben wir jetzt, besonders auch durch Dich, Bilder gewinnen können. Das bessere Leben – es ist mit Dir möglicher geworden.

Für ihren Einsatz gegen Hass und Ausgrenzung war die lesbische Autorin Carolin Emcke am Anfang des Monats in Oldenburg mit dem Carl-von-Ossietzky-Preis ausgezeichnet worden (MANNSCHAFT berichtete).


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