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Ich hatte Affenpocken: «Wie ein heisser Lockenstab im Hintern»

Cristiano verbrachte 12 Tage im Krankenhaus in Quarantäne

Affenpocken
Cristiano verbrachte 12 Tage im Krankenhaus in Isolation (Bilder: zvg)

Der Portugiese Cristiano steckte sich im Juli mit den Affenpocken an. Risikogruppen müssten schleunigst geimpft werden, findet er.

Cristiano (Name geändert), wann hast du festgestellt, dass du dich mit den Affenpocken angesteckt hast?
Erste Vermutungen machte ich am Montag, 4. Juli, nachdem ich am Wochenende leichtes Fieber hatte und einige Pickel auf meinem Gesicht auftauchten. Ich liess einige Tage verstreichen, weil ich es nicht wahrhaben wollte, dass es Affenpocken waren. Am folgenden Wochenende waren die Pusteln grösser geworden und hatten sich auf meinem ganzen Körper ausgebreitet: meine Brust, Arme, Beine, Genitalien sowie im Innern und Äussern meines Anus. Sie juckten sehr und schmerzten, je grösser sie wurden, vor allem diejenigen auf meinen Händen. Zudem hatte ich eine Proktitis, also eine Enddarmentzündung (tritt häufig mit Affenpocken auf, Anm. d. Red), die unglaublich schmerzhaft war und eine Verstopfung verursachte. Zuerst ging der Schmerz mit Ibuprofen weg, aber nach einer Weile hörte er nicht mehr auf. Es war ein brennender Schmerz, als hätte ich einen heissen Lockenstab in meinem Hintern gehabt. Ich habe schon gehört, dass das Virus bei einigen Leuten den Hals, bei anderen den Analbereich befallen hat.

Wann hast du ärztliche Hilfe aufgesucht?
Als die Schmerzen nicht nachliessen, suchte ich die Notaufnahme auf, wo man mich in den isolierten Bereich brachte. Nach einer Weile kamen ein paar Ärzte und eine Krankenschwester mit Schutzanzügen, Masken und Brillen. Sie nahmen mir Blut ab und entnahmen Proben von meinem Hals und meinen Pusteln zur Analyse. Zu diesem Zeitpunkt war es mehr als offensichtlich, dass ich Affenpocken hatte. Die Bestätigung dauerte danach etwa drei Tage.

Weisst du, von wem du es bekommen hast?
Leider bin ich mir nicht sicher. Im Monat vor den Symptomen hatte ich drei Sexkontakte – keiner von ihnen hatte oder hat die Affenpocken. Ich weiss, dass ich mit jemandem zusammen war, der anderthalb Monate zuvor positiv getestet wurde, aber soweit ich weiss, dauert es 21 Tage, bis Symptome auftreten.


Du hast 12 Tage im Krankenhaus in Quarantäne verbracht. Wie war das für dich?
Obwohl ich meine Familie und Freund*innen anrufen und netflixen konnte, fühlte ich mich ein bisschen einsam und gelangweilt, weil ich das Zimmer nicht verlassen durfte. Das Krankenhausessen hat auch nicht geholfen. Die ersten zwei Tage wurde ich wegen der Schmerzen an den Tropf gehängt und bekam eine Creme für die Pusteln sowie Abführmittel, damit ich auf Toilette konnte.

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Die Pusteln an den Händen waren für Cristiano besonders schmerzhaft. (Bilder: zvg)

Was war das Schlimmste an der ganzen Sache?
Die Pusteln waren schlimm, aber ich glaube, der höllische Schmerz in meinem Anus war das Schlimmste. Nachdem diese Schmerzen verschwunden waren, war es die Isolation, die mich erdrückte.

Hängt die Proktitis mit Analsex zusammen?
Ich glaube, es könnte eine Ursache sein, doch die Ärzt*innen waren sich da nicht sicher. Ich habe gehört, dass man nach Oralsex eine wirklich schlimme Halsentzündung bekommen kann. Ich kenne jemanden, der nicht einmal essen konnte und ebenfalls ins Krankenhaus eingeliefert wurde.


Du lebst in Portugal. Wie geht das Land mit dem Ausbruch der Krankheit um?
Ich denke man sollte die Risikogruppen sofort impfen. Jetzt werden nur diejenigen geimpft, die engen Kontakt mit einem positiven Fall hatte.


Am 25. genehmigte die EU-Kommission den Impfstoff Imvanex gegen Affenpocken zugelassen. Zuvor gab es schon nationale Ausnahmeregelungen.


Dir geht es mittlerweile besser, die Schorfe sind abgefallen. Wie lange sind die Stellen der Pusteln noch sichtbar? 
Ja, mir geht es jetzt viel besser. Ich benutze eine reparierende Creme, die antibakteriell wirkt und den natürlichen Regenerationsprozess der Haut unterstützt. Mein Arzt empfahl sie mir.

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In Portugal können nur Personen geimpft werden, die Kontakt mit einem positiven Fall hatten. (Bilder: zvg)

Wie denkst du über die Massenmedien und ihre Berichterstattung über die Affenpocken?
Sie lassen es so aussehen, als wäre es eine Schwulenkrankheit, aber es ist eine Krankheit, die schon vor vielen Jahren hier war, vor allem in Afrika. Ich behaupte nicht, dass es sich um eine afrikanische Krankheit handelt, sondern um eine weltweite Krankheit, die sich von Zeit zu Zeit auf verschiedene Orte und/oder Gruppen von Menschen ausbreitet. Leider stigmatisiert sie derzeit unsere Community, so wie es HIV/AIDS in den Achtzigerjahren tat, aber nicht in grossem Ausmaß, weil sie nicht tödlich ist.

Viele in der Community behaupten, es sei stigmatisierend, die Affenpocken mit schwulen Männern in Verbindung zu bringen.
Es ist leider so, dass die meisten Fälle derzeit Männer betreffen, die Sex mit Männern haben. Wir wissen, dass es sich nicht um eine Schwulenkrankheit handelt, aber schwule Männer sind exponentiell davon betroffen.

Die Gesundheitssysteme haben Angst, ein Stigma zu schaffen, und arbeiten daher nicht zu 100% effizient. Aussagen wie «alle können es bekommen» oder «die meisten Fälle sind mild» sind für niemanden hilfreich. Gegenwärtig betreffen über 90% der Fälle schwule Männer – die Krankheit ist schmerzhaft und hässlich. Wir müssen innerhalb unserer Community unser Bestes tun, indem wir die Menschen aufklären, uns impfen lassen und eine Zeit lang abstinent leben.

 

 



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