Überleben in der Ukraine: «Die Community ist selbstbewusst geworden»
In «The Queer Face of War» zeigt der Fotojournalist J. Lester Feder die erschütternden Erfahrungen queerer Menschen im Krieg in der Ukraine. Er traf Überlebende und hielt ihre Geschichten in eindrücklichen Porträts fest.
Lester, zwischen 2022 und 2024 bist du mehrmals in die Ukraine gereist. War damals schon klar, dass daraus ein Buch werden sollte? Die Idee kam nach und nach. Als Russland die grosse Invasion begann, arbeitete ich für Outright International, eine weltweite Menschenrechtsorganisation für LGBTIQ, mit Fokus auf Konfliktgebiete. Ich reiste in die Ukraine, weil ich verstehen wollte, inwiefern queere Menschen betroffen waren.
Du hast als Historiker angefangen. Wie kamst du zum Fotojournalismus? Ich habe in Musikgeschichte promoviert: über die Verbindung der Countrymusik und die konservative Bewegung in den USA. Mich interessierte, wie Geschichten über die Vergangenheit unsere Politik heute prägen. Nach einer Zeit in der Politik merkte ich, dass meine Stärke im Erzählen liegt. Journalismus wurde für mich der Weg, politisch engagiert zu bleiben und komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen.
J. Lester Feder ist US-amerikanischer Journalist und Fotograf mit ukrainischen Wurzeln. Seit 2013 berichtet er aus und über die Ukraine, mit Fokus auf LGBTIQ-Rechte und Menschenrechte. Er war Senior World Correspondent bei BuzzFeed News und Senior Fellow bei Outright International sowie an der Human Rights and Gender Justice Clinic der City University of New York. Für seinen Essay «Putin Is Showing Us What Homophobia Looks Like as a Weapon of War» in der New York Times erhielt er 2024 den «Excellence in Journalism Award». Seine Arbeiten erscheinen unter anderem in The New Yorker, Rolling Stone und Vanity Fair.
Die queeren Menschen in deinem Buch zeigen sich mit Gesicht und Namen. Woher kommt diese Offenheit? Die queere Community in der Ukraine hat einen langen Weg hinter sich. Ich war 2013 zum ersten Mal dort, als in Kiew die erste Pride unter starkem Polizeischutz stattfand. Damals stand das Land bei LGBTIQ-Rechten weit unten in Europa. Mit der Zeit haben die Annäherung an die EU und die Demokratisierung aber die Zivilgesellschaft und den rechtlichen Schutz gestärkt. Doch die Community machte weiter und wurde durch die Annäherung an die EU zusätzlich gestärkt.
Durch den Krieg wurde der Unterschied zu Russlands Repression noch deutlicher spürbar. Viele Ukrainer*innen wollten zeigen, dass ihre Demokratie anders ist. Eine grosse Rolle spielten auch Menschen wie Viktor Pylypenko, der eine Organisation für queere Soldat*innen gründete. Sie wuchs von 200 Mitgliedern vor der Invasion auf 600 im Jahr 2024. Sichtbarkeit war nicht nur ein Zeichen von Mut, sondern wurde auch zur Aussage darüber, wofür sie kämpfen.
Du schreibst, dass dieser Krieg auch ein Krieg gegen queere Menschen und demokratische Werte ist. Wie haben sich die Einstellungen seit 2013 verändert? Ich habe mich in der Ukraine nie unsicher gefühlt. Beeindruckt hat mich, wie selbstbewusst und sichtbar die Community geworden ist. 2013 war das Organisieren von Events wie einer Pride gefährlich, 2022 zeigten sich viele offen auf Instagram. Als der Krieg begann, haben sich queere Organisationen sofort organisiert. Viele verwandelten ihre Büros in Notunterkünfte. Diese Netzwerke haben Leben gerettet und die Gesellschaft gestärkt.
Hat der Krieg die Menschen also offener für europäische Werte gemacht? Umfragen zeigen: Die Unterstützung für LGBTIQ-Rechte wächst (MANNSCHAFT berichtete). 2022 verabschiedete das Parlament ein Gesetz gegen Hassrede, was für viele Aktivist*innen unerwartet kam. Eine Petition für gleiche Rechte von queeren Soldat*innen bekam 25 000 Unterschriften, jedoch ist das Parlament nicht darauf eingetreten. Nichtsdestotrotz wäre diese Art öffentlicher Unterstützung früher undenkbar gewesen.
Wie hast du die Menschen gefunden, die du porträtiert hast? Meist über ukrainische LGBTIQ-Organisationen und Mund-zu-Mund-Propaganda. Zum Beispiel hörte ich von Oleksii Polukhin, einem Überlebenden von Folter, durch Aktivist*innen in Cherson. Das führte mich zu den Organisationen Insha und Projector in Cherson und Odessa, die Kriegsverbrechen an queeren Menschen dokumentieren. Dort traf ich Diana. Eine Begegnung führte immer zur nächsten.
Wie nah bist du an die Front gekommen? Am nächsten war ich in Cherson – etwa drei Kilometer von den Kämpfen entfernt. Ich blieb nur kurz, mit Sicherheitsbegleitung und allen Vorsichtsmassnahmen. Es war teuer, aber wichtig, die Geschichten direkt zu hören.
In Charkiw heulten ständig die Sirenen. Die Menschen ignorierten sie, um ihrem Alltag nachzugehen – ich machte es wie sie. Dort war der Krieg viel spürbarer als in Kiew.
Gab es eine Geschichte, die dich besonders berührt hat? Viele, aber Dianas Geschichte bleibt unvergesslich. Soldaten fanden bei ihr eine Regenbogenflagge, nahmen sie fest, folterten sie mit Stromschlägen und verlangten, dass sie andere ausspioniert. Später wurde sie erneut verhaftet und traf eine andere lesbische Gefangene. Soldaten versuchten dann, die beiden Frauen unter vorgehaltener Waffe zum Sex zu zwingen. Später wurde Diana mit anderen Gefangenen nach draussen gebracht, wo die Soldaten das Feuer eröffneten und die meisten aus der Gruppe töteten. Die Überlebenden mussten die Leichen beseitigen, bevor sie in ein Gebiet entlassen wurden, das unter aktivem Beschuss stand.
Auch Ledas Geschichte berührt mich. Sie heiratete einen schwulen Freund, damit im Todesfall jemand seinen Körper beanspruchen konnte. Ihr eigener Freund fiel an der Front und sein Körper wurde nie gefunden. Solche Geschichten zeigen, dass die Verweigerung von Rechten allen schadet, nicht nur queeren Menschen.
Diana und Oleksii helfen jetzt, Kriegsverbrechen zu dokumentieren. Weisst du, wie das läuft? Als ich Projector das lezte Mal traf, hatten sie etwa 20 Fälle. Jetzt sind es rund 250. Der Internationale Strafgerichtshof hat inzwischen Taliban-Führer wegen geschlechtsspezifischer Verfolgung angeklagt – auch wegen Verbrechen an LGBTIQ-Personen. Das ist historisch und schafft einen Präzedenzfall, der auch für die Ukraine relevant sein könnte.
Hat Trumps Rückkehr etwas für dich oder deine Arbeit verändert? Ja, viel. Als das Aussenministerium die Finanzierung strich, verlor ich mein Forschungsstipendium an der City University of New York. Wir hatten mit ukrainischen Aktivist*innen eine Ausstellung geplant, die in Kiew starten und durch Europa touren sollte. Mit den geplanten Unterstützungsgeldern können wir jetzt nicht mehr rechnen. Insgesamt leidet die Menschenrechtsarbeit stark unter dem Rückzug der USA und den Kürzungen mehrerer europäischer Regierungen. Und für viele Ukrainer*innen ist die Unsicherheit über die weitere Unterstützung zermürbend.
Im Vorwort schreibst du, dass queere Menschen im Krieg oft unsichtbar sind und danach vergessen werden. Könnte die Ukraine eine Ausnahme sein? Das hängt vom Ausgang des Kriegs ab. Wenn die Ukraine demokratisch bleibt und sich weiter Europa anschliesst, gibt es Hoffnung. Wenn Russland gewinnt, nicht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden homosexuelle Überlebende der NS-Lager noch jahrzehntelang kriminalisiert. Anerkennung kam erst viel später. Sichtbarkeit nach dem Krieg ist also keine Selbstverständlichkeit. Aber in der Ukraine sind queere Soldat*innen sichtbar und laut. Wenn die Demokratie überlebt, wird der Beitrag der LGBTIQ-Community Teil der nationalen Geschichte sein. Das ist einer der Gründe, warum ich The Queer Face of War gemacht habe: Um festzuhalten, wie vielfältig die Erfahrungen queerer Menschen in diesem Krieg sind – und um sicherzustellen, dass sie nicht vergessen oder ausgelöscht werden.
Gibt es schon Veranstaltungen zum Buch? Für nächstes Jahr ist eine Ausstellung in Kiew geplant, in der EU noch keine. Ein Buch allein erreicht zu wenige Menschen – öffentliche Veranstaltungen schaffen Austausch.
Was sollen die Menschen aus dem Buch mitnehmen? Eine Geschichte handelt von Yevheniia, die am CSD in München sprach. Die meisten Leute feierten – nur wenige wollten vom Krieg hören. Für die Community überall ist es wichtig zu verstehen, dass dieser Krieg queere Identität als Waffe benutzt. Der Kreml geht gegen LGBTIQ-Menschen vor, um die Demokratie anzugreifen – nicht nur in der Ukraine, sondern weltweit. Ähnliche Strategien sehen wir auch in den USA und Europa. Diese Kämpfe hängen zusammen. Was queere Ukrainer*innen erleben, ist Teil desselben Kampfes für Menschenrechte und Demokratie überall.
Mehr: Nach dem Aus für Brunos in Berlin: «Es braucht keinen schwulen Laden mehr» (MANNSCHAFT berichtete)
«The Queer Face of War»
Das Buch in englischer Sprache ist im Oktober 2025 im Verlag Kettler erschienen.
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