Achtung Klischees! Wir spielen damit, wie wir wollen

Von Dragqueens, Don Giovannas und der Lust am Überzeichnen

Dragqueen und MANNSCHAFT-Kolumnistin Mona Gamie moderiert beim «Verzaubert» am 7. Mai in Zürich
Mona Gamie liebt Klischees. (Bild: Bea Will)

Manche Witze sind plump, manche überzeichnen alte Rollenbilder. Doch gerade diese Klischees eröffnen uns die Möglichkeit, Identität spielerisch auszuleben und erinnern uns daran, dass niemand in eine Schablone passt. Dragqueen Mona Gamie schreibt in ihrem Kommentar*, wie Humor und Selbstbestimmung Hand in Hand gehen.

Kennen Sie diesen Witz, geschätzte Leser*innen? Was bringt eine Lesbe zum zweiten Date? – Den Umzugswagen. Was bringt ein Schwuler zum zweiten Date? – Welches zweite Date . . . ?

Vielleicht rollen Sie nun mit den Augen: Natürlich, das ist ein plumper Schenkelklopfer. Da gebe ich Ihnen recht. Aber es sind Scherze in genau dieser Art, die mir eine diebische Freude bereiten. Und das, obwohl sie auf einem plumpen Klischee beruhen. Oder vielleicht gerade deswegen?

Als Dragqueen wird man oft mit Klischees konfrontiert – weil man selbst ein wandelndes Klischee ist. Ein tuntiger, schwuler Mann, der sich abends gerne in Frauenkleider schmeisst und dramatische Diven mimt? Klischee-­Alarm! Aber ich liebe Klischees. Denn statt, dass ich mich von ihnen eingeschränkt fühle, schenken sie mir etwas ganz Besonderes: nämlich Zugehörigkeit.

In unserer queeren Community wimmelt es von Klischees. Es bleibt uns überlassen, ob wir einem Klischee entsprechen wollen, ob wir es ablehnen oder ob wir es vielleicht sogar überzeichnen möchten. Nur eines können wir nicht: sie ignorieren. Und gerade deswegen lobʼ ich mir den scherzhaften Umgang, den ich aus meiner Community damit kenne: Wir können mit ihnen spielen.

Das Wort Klischee ist ja eigentlich ein technischer Begriff und kommt aus der Drucktechnik. Dort ist es eine Druckform, von der tausendfach immer und immer wieder ein Abbild gemacht werden kann. Doch jeder Druck ist für sich ja wiederum einzigartig. Ein Klischee mag eine Schablone sein, doch was wir daraus drucken, ist jedes Mal ein Original. Welche Farben, welches Papier: Das lässt jedes Mal aufs Neue entscheiden.

Und genau so ist es mit den Klischees in der Community: Für mich sind sie Steigbügelhalter der Vielfalt. Wir können damit machen, was wir wollen. Und genau, weil sie stimmen und gleichzeitig nicht stimmen, weil sie ernst gemeint oder nur scherzhaft sind – genau deswegen habe ich so meine Freude damit. Sie geben mir Orientierung und lehren mich gleichzeitig, nicht immer alles so ernst zu nehmen – weil ich weiss, dass sowieso niemand voll und ganz einem Klischee entsprechen kann.

Dann wird es eigentlich erst besonders lustig: Wenn sie nicht stimmen. Was mich zum Witz vom Anfang zurückbringt: Ich kenne nämlich genug Don Giovannas und Casanovas unter meinen lesbischen Freundinnen – und wiederum genug Schwule, die nichts mehr lieben, als mit ihrem Freund, den sie vorgestern kennengelernt haben, den Abend auf dem Sofa zu verbringen. Sei nur gehofft, dass sie sich dabei wenigstens ein Musical anschauen.

Mona Gamie

Mann, Frau Mona!

Mona Gamie: Dragqueen mit popkulturellem Schalk und nostalgischem Charme. Diven-Expertin, Chansonnière und queere Aktivistin.

[email protected] Illustration: Sascha Düvel

Weitere Beiträge von Mona gibt's in der Kolumne «Mann, Frau Mona!»

*Die Meinung der Autor*innen von Kolumnen, Kommentaren oder Gastbeiträgen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

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