Die 7 Wahrheiten des transparenten Luca
Luca Frua spricht über seine Schmerzen und Fortschritte, seinen Mut und die Unsicherheit
Ein Unterarm, eine Narbe, eine Triggerwarnung. Luca Frua zeigt auf Instagram seine Transition in einer Transparenz, die berührt und provoziert. Dies sind sieben seiner Wahrheiten.
Was Luca auf Instagram teilt, geht nicht spurlos an allen vorbei. Deshalb steht vor einem seiner Posts eine Triggerwarnung. Dahinter: ein Foto seines Unterarms, von dem bei der zwölfstündigen Phalloplastik-OP eine grosse Hautfläche entnommen wurde.
Luca ist nicht der einzige trans Mann, der seine Transition auf Youtube, Instagram oder Tiktok dokumentiert. Doch er tut es auf erfrischend leichte Weise und mit einem feinen Bewusstsein für die Verantwortung, die er trägt. Als Medienpädagoge weiss er, wie wichtig das ist. Seine Transparenz macht ihn zu einem Vorbild für viele trans Menschen. Für deren Eltern ist er ein Wissensvermittler, und für Menschen, die dem Thema fern sind, öffnet er eine Tür.
Wer Luca folgt, bekommt Einblicke, die über Selfies hinausgehen. Seine Posts erzählen von Schmerzen und Fortschritten, von Mut und Müdigkeit. Zwischen Operationsberichten und Momenten der Erleichterung entsteht das ehrliche Bild eines Menschen, der zeigt, wie er ist.
Woher nimmt Luca den Mut, sein Innerstes zu zeigen? Das wollte ich in einem Onlinegespräch mit ihm herausfinden. Dabei zeichneten sich sieben Wahrheiten ab, die von seinem Weg erzählen.
1. Über Transparenz
«Ich möchte nicht verstecken, dass ich eine komplette Geschlechtsangleichung gemacht habe.»
Luca
Bis vor Kurzem hiess Lucas Instagram-Account noch itslucaftm. So war er zwar sichtbar, aber nicht unter seinem echten Namen. Erst als er sich in Luca Frua umbenannte, legte er die letzte Anonymität ab – Frua ist sein echter Nachname. Ein Schritt, der Luca Überwindung kostete, aber auch zu ihm passt.
Luca wuchs in einem kleinen Ort bei München auf in einem Mädchenkörper. Vater italienisch, Mutter deutsch, zwei Kulturen und ein Körper, der sich falsch anfühlte. Schon vor der Einschulung wusste er, was er wollte: kurze Haare, Jungssachen, Fussball.
Im Kindergarten sagte er: «Ich möchte ein Junge sein.»
In der Grundschule: «Ich will einfach so sein, wie ich bin.»
Mit elf kam dieser Satz dazu: «Ich will normal sein.»
Normal bedeutete: so sein wie die anderen.
Also liess er sich die Haare wachsen, shoppte in der Mädchenabteilung, übte zu funktionieren. «Mama, ich möchte aufs Mädchengymnasium. Ich muss lernen, ein Mädchen zu sein.»
Zwei Jahre lang spielte er diese Rolle. Lächelte, passte sich an, bis es nicht mehr ging. «Eine Rolle, die man nicht ist, hält man nicht lange aus», sagt Luca heute.
Er wechselte die Schule, zog wieder Caps an, Jeans, Sportpullis. Eine erste Rückkehr. Mit fünfzehn, beim Sex mit seiner ersten Freundin, spürte er, dass etwas nicht stimmte.
«Ich glaube, ich bin einfach kein Mädchen.»
Er wusste, dass es Menschen gibt, die ihr Geschlecht anpassen, doch eigene Worte fand er erst später. Bis zu dem Abend, als ihn seine zweite feste Freundin fragte: «Wenn du trans wärst, wie würdest du heissen wollen?» Luca zögerte keine Sekunde. «Luca.»
Als sie ihn «Luca» nannte, flutete Euphorie seinen Körper. Das war sein Moment der Erkenntnis: «Ja, so bin ich.»
Mit 16 outete er sich, mit 17 begann er, seinen Körper dem eines Mannes anzugleichen, und entschied sich schliesslich, diesen Weg auf Social Media zu teilen – auch direkt aus dem Krankenhausbett nach seiner zwölfstündigen Phalloplastik-Operation. Luca zeigt sich offen, mit allem, was dazugehört. «Ich will zu allem stehen», sagt er. «Das gehört zu mir. Das ist Teil meines Lebens, und das möchte ich nicht verstecken.»
2. Über sein Warum
«Was ich erlebe, ist wertvoll für andere.»
Luca
Mit diesem Gedanken begann Luca, in die Kamera zu sprechen. Er war neunzehn, mitten in seiner Transition. «Ich habe angefangen, über alles zu sprechen, was ich durchgemacht hatte.» Er suchte einen Weg zu sortieren und zu verstehen, was in ihm vorging. Schnell merkte er, dass seine Worte auch anderen etwas bedeuteten: jenen, die sich selbst fragten, wer sie sind, oder wissen wollten, wie es sich anfühlt, trans zu sein.
Er zeigt sich offen, auch wenn es unbequem wird. Zweifel, Komplikationen, Schmerzen gehören genauso dazu wie Momente der Erleichterung. «Ich versuche zu zeigen, dass nicht alles easy ist, sondern auch schwierig. Eine Operation möchte ich nie beschönigen.»
Aufklärung, wo nichts verborgen bleibt. Etwa nach einer anspruchsvollen Operation, deren Heilungsprozess er im Krankenbett dokumentierte, auch das, was nicht nach Plan lief. Nicht, um Angst zu machen, sondern um ehrlich zu sein. «Ich versuche verantwortungsbewusst damit umzugehen.» Niemand soll seine Erfahrungen kopieren. Klinikempfehlungen oder Abkürzungen gibt er nicht. Stattdessen rät er: Informiere dich gründlich, führe Gespräche, treffe eigene Entscheidungen. Für Luca ist das Teil der Selbstachtung, Verantwortung für den eigenen Körper und die eigenen Schritte zu übernehmen.
Luca ist zum Sprachrohr für Menschen geworden, die sich nicht zeigen können oder nach eigenen Worten suchen. Er will ihnen Mut machen und allen, auch jenen ohne Berührungspunkte, zeigen: «Ich bin Luca, ich bin trans, und ich lebe ein ganz normales Leben, wie alle anderen auch.» Deshalb stellt er sich vor die Kamera.
3. Über Grenzen
«Ich habe eine rote Linie.»
Luca
Luca zieht die Augenbrauen zusammen, als würde er die Grenze vor sich sehen. In seinen Videos teilt er vieles, aber manches behält er für sich. «Alles, was ich öffentlich zeige, sind Dinge, mit denen ich im Reinen bin.»
Bei Fragen oder Kommentaren zu seiner Transition ist an seiner Schlafzimmertür Schluss. Ja, er spricht über intime Erfahrungen. Aber nie so, dass seine Privatsphäre leidet. Bei der Phalloplastik erklärt er, wie sie funktioniert – und dass man dabei etwas spürt. Doch was er spürt, wie er und seine Freundin Sex haben, bleibt Tabu. Persönlichkeitsschutz für sich und seine Freundin.
4. Über Mut
«Mutig sein muss ich immer wieder.»
Luca
Mut ist kein Paukenschlag, eher ein Lied auf Repeat, immer wieder braucht er Anlauf. Schon im Kindergarten wusste Luca, was er wollte. «Ich möchte ein Junge sein», posaunte er in die Welt. Das ist mutig, auch für ein Kind.
Diese natürliche Offenheit ist eine Eigenschaft, die an Luca sofort auffällt. In seinen offenen, freundlichen Augen. Meist fühlt er sich stark, entschlossen. Doch an manchen Tagen zweifelt er. «Gezögert habe ich schon oft, ob ich etwas teilen soll oder nicht. Aber bereut? Nein, noch nicht.»
Auf die Frage, wie viel Kritik er ausgesetzt ist, antwortet er schlicht: «Schon viel.» Hasskommentare wie «Heul doch» sind Alltag. Doch die Überzahl der positiven Rückmeldungen tragen ihn über die Kotz-Emojis hinweg. «Ich erinnere mich an meinen allerersten Youtube-Kommentar: Krass, du hast mir echt geholfen. Das war für mich die Bestätigung, dass es richtig ist, das zu teilen.» Oder er schaut auf die Accounts anderer Trans-Creators. Deren Mut nährt auch seinen Mut. Ein Kreislauf.
Mitunter fordert er sich selbst heraus, mutig zu sein, etwa als er entschied, seinen Nachnamen Frua in seinen Account zu integrieren. Zu allem zu stehen, was ihn ausmacht. Das ist eine Aufgabe fürs Leben. «Wenn ich zwischendurch zweifle und zögere, dann sind es die Unsicherheiten, die aus mir sprechen.»
5. Über Unsicherheit
«Nackt traue ich mich in die Sauna, aber mit meiner Körpergrösse hadere ich noch.»
Luca
Luca trainiert viel – das sieht man seinem Bizeps an, seinem Kreuz, seinen Oberschenkeln. Sport begleitet ihn, seit er denken kann. Heute sind es Kraftübungen und das Surfbrett, die in seinem Insta-Feed auffallen. Hierbei zieht auch die Männlichkeit ihre Fäden durchs Selbstbild.
Luca hat gelernt, dass sich selbst zu akzeptieren nicht etwas ist, was man einmal schafft, sondern immer wieder aufs Neue machen muss. «Mittlerweile fühle ich mich sehr, sehr wohl in meinem Körper», sagt er. Früher traute er sich nicht, nackt zu sein. Mittlerweile geht er entspannt in die Sauna. Selbst die grosse Narbe an seinem Unterarm hat er akzeptiert.
«Aber mit meiner Körpergrösse hadere ich noch», gesteht Luca. Neben grösseren Männern fühlt er sich manchmal kleiner, als er ist. «Daran muss ich einfach weiterarbeiten.» Seine Freundin erinnert ihn dann: «Du bist genau richtig, so wie du bist.» Und wenn Luca um sich blickt, sieht er auch andere Männer, die kleiner sind, und merkt, dass Normalität breiter ist, als sie scheint.
6. Über die Gefahr
«Trans Menschen sind keine Gefahr – sie sind in Gefahr.»
Luca
Das Wichtigste für Luca ist heute, seine Botschaft zu verbreiten und zu zeigen, dass trans Menschen keine Gefahr sind. In Medien und Debatten kursieren Falschinformationen, etwa dass trans Personen in Toiletten oder Umkleiden andere bedrohen könnten oder Kinder «trans machen» wollten. «Solche Unwahrheiten catchen die Leute, weil sie polarisieren und mit Angst spielen», sagt er.
«Eigentlich ist es genau andersrum: Wenn jemand in Gefahr ist, dann wir trans und queeren Menschen.» Vor jeder Reise prüft Luca, ob trans Personen im Zielland sicher sind. «Das ist meine Lebensrealität.»
Das Verständnis in der Gesellschaft habe sich seit seiner Schulzeit zwar verändert, weil queere Themen heute mehr Platz in Schulen hätten. «Gleichzeitig merke ich aber auch, dass viele Menschen gegen mich sind, was angesichts der politischen Entwicklungen total Angst macht.» Die Situation etwa in den USA zeige, wie fragil Fortschritt sein könne. Für die Zukunft wünscht er sich «eine Politik, in der es wieder darum geht, wie wir queere und trans Menschen schützen».
7. Über Geduld
«Sei geduldig. Du musst niemandem gefallen ausser dir selbst.»
Luca
Wenn Luca auf seinen Weg zurückblickt, fallen zwei Worte häufig. Das erste Wort: Geduld. Seinem jüngeren Ich wünscht er, sich mehr Freiraum und Zeit gegeben zu haben, ohne Druck von aussen. «Du musst nicht alles von jetzt auf gleich entscheiden. Hör in dich rein.» Wirklich zuhören und erst handeln, wenn der Moment reif ist.
Das zweite Wort: Selbsttreue. Denn Luca weiss, wie leicht man sich im Aussen verliert – in Meinungen, Kommentaren, Vorbildern. «All das, was du gerade machst, tust du für dich, damit du dich wohlfühlst und nicht, um andere zufriedenzustellen.» Umso wichtiger sind die richtigen Menschen. «Umgib dich mit Menschen, die dir guttun und die dich so akzeptieren, wie du bist», sagt er. «Für alles andere bist du zu wertvoll.»
Der Weg zur eigenen Identität ist kein Wettlauf, sondern ein Wachsen, manchmal ein mühsames. Geduld, sagt Luca, heisse, der eigenen Zeit zu vertrauen. Wo am Anfang eine Narbe war, bleibt am Ende ein Mensch, der zu sich findet – Schritt für Schritt, Wahrheit für Wahrheit. Und darin steckt womöglich eine Wirklichkeit, die für alle Menschen gilt, ob trans oder nicht.
Mit seiner Freundin Luisa Gaffga schrieb Luca das Kinderbuch «Alle sind anders, alle gehören dazu!» über Selbstvertrauen, Toleranz und den Mut, zu sich selbst zu stehen. Bo, ein junger Krebs, verlässt seine Familie und begibt sich auf eine Reise durch die weite Meereswelt. Dabei lernt er viele verschiedene Tiere kennen und entdeckt, dass Anderssein nichts Falsches ist. Eine Geschichte darüber, dass jede*r genau richtig ist, so wie sie*er ist.
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