David Bertani ist die erste LGBTIQ-Ansprechperson bei der Polizei
«Nur 15% der LGBTIQ-Betroffenen zeigen Hass und Gewalt an»
Schweizer Premiere: Die Stadtpolizei Zürich schafft eine Teilzeitstelle als Kontaktmöglichkeit für die queere Community. David Bertani will Betroffene von Queerfeindlichkeit ermutigen, Vorfälle zur Anzeige zu bringen.
David, du bist schweizweit die erste LGBTIQ-Ansprechperson bei einer Polizei. Wie waren deine ersten Monate? Sehr intensiv. Da es die erste Stelle dieser Art ist, musste ich von null anfangen: ein Konzept erarbeiten, intern Aufklärungsarbeit leisten und aufzeigen, welches Ziel diese Stelle verfolgt. Gemeinsam mit engagierten Mitarbeitenden haben wir ein E-Learning zum Thema LGBTIQ entwickelt, das für die Mitarbeitenden der Stadtpolizei verpflichtend ist. Es gab also sehr viel Hintergrundarbeit.
Was gab den Anstoss zur Schaffung dieser Stelle? Hinter der Stelle stand ein klarer politischer Wille des Stadtrats: queere Menschen besser zu unterstützen. In Deutschland gibt es solche Stellen zum Teil seit rund 30 Jahren, etwa in Berlin. Da hinkt die Schweiz hinterher und holt nun auf. Intern höre ich manchmal: «Die Community hat doch gar keine Probleme.» Aber die Vergangenheit wirkt nach. Bis Ende der 1970er-Jahre gab es in Zürich ein Schwulenregister, und das ist bei vielen Menschen noch präsent. Dazu kommen Erfahrungen von Menschen aus Ländern, in denen die Polizei nicht als Ally, sondern als Teil des Problems wahrgenommen wird.
Gab es einen Austausch mit Deutschland? Ich war in Lübeck und an einem Seminar des Verbands lesbischer und schwuler Polizeibediensteter (Vels Pol). In Berlin habe ich meine dortigen Ansprechpersonen besucht – sie haben zwei Vollzeitstellen – und viele Ideen mitgenommen: Was können wir übernehmen, was anpassen, was neu denken? Zudem habe ich an einer zweitägigen Fachtagung des Bundeskriminalamts für LGBTIQ-Ansprechpersonen teilgenommen mit Abgeordneten des Deutschen Bundestags und Gleichstellungsbeauftragten. Das war sehr spannend, auch für mich als Schweizer.
Was hat dich persönlich motiviert, diese Position zu übernehmen? Gleichberechtigung und Offenheit haben meine Kindheit geprägt, so bin ich aufgewachsen. Als die Stelle geschaffen wurde, war für mich klar: Dafür will ich einstehen. Dabei geht es nicht um meine eigene queere Identität, sondern um den Menschen.
Du hast ein E-Learning erwähnt. Worum geht es dabei? Es richtet sich an alle Mitarbeitenden der Stadtpolizei, auch an zivile Angestellte, und ist für jede Person bei der Stadtpolizei obligatorisch. Es erklärt die einzelnen Buchstaben hinter LGBTIQ und zeigt die Gesichter dahinter – etwa Lea, die lesbisch ist, oder Interviews mit trans Frauen. Das Ganze ist interaktiv, für Aspirant*innen wie auch neue Mitarbeitende ist es Pflicht, das Learning zu absolvieren. Das ist eine sehr gute Sache und ich habe schon viel positives Feedback bekommen, vor allem auch von cis-heterosexuellen Kollegen.
Welche Art von Anfragen aus der Bevölkerung erhältst du? Schon vor der Schaffung dieser Stelle gab es Anfragen aus der Bevölkerung. Diese werden durch das Feedbackmanagement der Stadtpolizei Zürich gefiltert und an mich weitergeleitet. Viele Anliegen betreffen trans Themen. Bedauerlicherweise gibt es hier in der Bevölkerung noch sehr viele Vorurteile. Viele Betroffene haben belastende Alltagserfahrungen gemacht und reagieren deshalb sensibel auf staatliche Stellen. Emotionen kochen hoch, etwa beim Thema Misgendern oder falscher Ansprache.
Falls es einmal unbedachte Aussagen durch die Polizei geben würde, vermittle ich und kläre auf. Ich erkläre aber auch den Betroffenen die polizeiliche Arbeit und warum etwas in einer konkreten Situation gerade so gehandhabt wurde. Die Polizei arbeitet oft unter Zeitdruck, schwierigen Bedingungen und an Kapazitätsgrenzen, wir können leider nicht überall gleichzeitig präsent sein.
«Für die Polizei steht im Notfall die Notfallsituation im Vordergrund. Da ist nicht immer Raum, sofort zu 100 Prozent politisch korrekt zu handeln.»
David Bertani
Wirken die Schulungen denn nicht? Doch unsere Schulungen wirken und ich bin sehr stolz darauf. Gleichzeitig muss man verstehen: Für die Polizei steht im Notfall die Notfallsituation im Vordergrund. Da ist nicht immer Raum, sofort zu 100 Prozent politisch korrekt zu handeln. Wir versuchen es, aber zuerst geht es darum, die Situation zu beruhigen. Dieses Verständnis braucht es von beiden Seiten.
Gab es Begegnungen mit der Community, die dich berührt haben? Manchmal kann man mit wenig Aufwand viel bewirken, zum Beispiel schon nur beim Zuhören: «Das habe ich nicht gewusst.» oder «Jetzt habe ich ein Gesicht bei der Polizei, bei dem ich mich melden kann.» Ich erhalte viele dankbare Nachrichten, die mich sehr freuen. Eine Person kam persönlich in die Giacomettihalle und hat sich bedankt, froh darüber, dass es jemanden wie mich gibt. Das zeigt mir: Es ist schade, dass es diese Stelle braucht, aber sie ist wichtig.
Du bist ein queerer cis Mann. Wie gehst du mit Anliegen zum Thema Geschlechtsidentität um? Für mich ist jedes Anliegen relevant, unabhängig von Identität oder sexueller Orientierung. Für das E-Learning haben wir mit Transgender Network Switzerland (TGNS) zusammengearbeitet und auch ich musste mich weiterbilden. Als queerer Mann habe ich mich intensiv eingelesen und dazugelernt. Wenn jemand nicht mit mir als weisser Cis-Mann sprechen möchte, kann ich an Kolleginnen weitervermitteln.
Welche Möglichkeiten siehst du, die Sensibilität innerhalb der Polizei weiter zu fördern? Das gesellschaftliche Klima in der Schweiz ist rauer geworden. Hasskommentare nehmen zu, viele haben das Gefühl, sie könnten alles sagen und queere Themen abwerten. Seit über zehn Jahren gibt es bei der Stadtpolizei bereits in der Grundausbildung Schulungen zum Thema LGBTIQ, unter anderem in Zusammenarbeit mit der Zürcher Polizeischule ZHPS und Pink Cop, dem Verein für LGBTIQ-Mitarbeitende der Polizei und Justizbehörden. Als Polizist und ehemaliger Präsident von Pink Cop hat Peter Sahli hier grosse Vorarbeit geleistet.
Ich sehe weiterhin Potenzial in der Ausbildung von Aspirant*innen und der Weiterbildung von Mitarbeitenden, die ich selbst durchführe. Ich besuche Konferenzen, vor allem in Deutschland, und absolviere einen CAS im Bereich Diversity. Dieses Wissen fliesst kontinuierlich in meine Arbeit ein.
Wie arbeitest du mit anderen Organisationen oder Community-Gruppen zusammen? Für 2026 plane ich zahlreiche Besuche bei Organisationen und Gruppen. Ich besuche queere Clubs in Zürich wie Heaven, Cranberry oder den Checkpoint, um Flyer zu verteilen. An der Zurich Pride wird die Stadtpolizei erstmals präsent sein, gemeinsam mit der Präventionsabteilung der Stadtpolizei Zürich und der Stadt Zürich. Mein Stellenanteil von 20 Prozent setzt Grenzen, aber ich versuche das Beste herauszuholen.
Die Polizei sorgte bei der Zurich Pride in den letzten Jahren für Kritik aus der linken Ecke. Ich bedaure es sehr, wenn es innerhalb der Community zu Gegensätzen kommt. Vielen ist nicht bewusst, wie vielfältig sie ist – von links bis konservativ. Wir wollen auf alle zugehen und sind offen für Kritik. Mir ist wichtig zu betonen, dass wir bei der Pride nicht im Fokus stehen wollen. Schlussendlich sind wir für die Sicherheit da. Ich bin offen für einen Austausch und freue mich auf eine gute Pride.
«Nur etwa 15% der LGBTIQ-Personen, denen Hass oder Gewalt widerfährt, sind bereit, dies zur Anzeige zu bringen.»
David Bertani, Stadtpolizei Zürich
Was ist dein Ziel für 2026 als LGBTIQ-Ansprechperson der Stadtpolizei Zürich? Ein zentrales Ziel ist die Erhöhung der Anzeigenbereitschaft. Nur etwa 15% der LGBTIQ-Personen, denen Hass oder Gewalt widerfährt, sind bereit, dies zur Anzeige zu bringen. Zum einen steckt oft Angst vor der Polizei dahinter – in diesem Fall kann man mich direkt kontaktieren. Zum anderen denken viele Betroffene: «Eine Anzeige bringt nichts.» Doch, sie bringt immer etwas, auch wenn man die andere Person nicht kennt! Wer andere beschimpft, wird es wieder tun. Wenn wir wissen, wo das passiert, erkennen wir Muster und können Problemzonen identifizieren.
Welche langfristigen Veränderungen erhoffst du dir für die Stadtpolizei Zürich durch diese Position? Unabhängig von politischen Strömungen wünsche ich mir, dass die Stadtpolizei ihre wertschätzende und offene Haltung beibehält. Keine Rückschritte, sondern weitere Fortschritte.
Wie sieht für dich ein «guter Tag» in deinem Job aus? Ein guter Tag endet damit, dass alle meine Kolleg*innen gesund nach Hause kommen und ich helfen konnte. Dann bestätigt sich der Sinn meiner Stelle.
Gibt es etwas, das du der queeren Community in Zürich mit auf den Weg geben möchtest? Steht für eure Rechte und Werte ein, zeigt Hass und Gewalt an und lasst euch nicht einschüchtern. Nur durch Rückmeldungen entsteht Vertrauen und eine gemeinsame, wertschätzende Zukunft.
Neben meiner Funktion als LGBTIQ-Ansprechperson begegnet man mir auch im regulären Dienst auf der Strasse. Als Erkennungszeichen trage ich einen Kugelschreiber mit sichtbarer Regenbogenfahne in der Brusttasche. Man darf mich sehr gerne ansprechen und ich würde mich darauf freuen!
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