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Einsatz gegen Corona: «Ich hoffe, dass die Dankbarkeit bleibt»

Noch ist das Sonnenhofspital in Bern mehrheitlich leer

einsatz gegen corona
In der Notfallaufnahme leistet Charly Bühlmann erste Hilfe. (Bild: zvg)

Die Deutschschweiz rüstet sich für den ersten Höhepunkt der Corona-Welle. Im Sonnenhofspital in Bern steht Charly Bühlmann an vorderster Front.

Charly Bühlmann arbeitet in der Notfallaufnahme des Sonnenhofspitals in Bern und empfängt als erster verletzte oder kranke Personen. In Sekundenschnelle muss er die Lage beurteilen und gegebenenfalls erste Hilfe leisten, bevor er den leitenden Arzt oder die leitende Ärztin alarmiert. Er ist einer der unzähligen Fachkräfte weltweit, die in der Corona-Krise an der vordersten Front stehen.

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Das Sonnenhofspital ist ein mittelgrosses Krankenhaus und gehört zur Lindenhofgruppe, die nach der Inselgruppe am meisten Notfälle der Stadt Bern aufnimmt. Zurzeit sind in der Lindenhofgruppe zehn Corona-Patient*innen in Behandlung, zwei davon auf der Intensivstation. Noch sind im Sonnenhofspital viele Betten frei, nichtdringliche Operationen wurden verschoben. Man bereitet sich auf den grossen Ansturm vor, der gemäss Bühlmann jeden Moment einsetzen kann.

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«Wir haben unsere Auslastung heruntergefahren, viele Stationen sind leer damit wir Platz haben für Corona-Patient*innen», sagt er im Telefoninterview mit MANNSCHAFT. Im Rahmen der Vorbereitungsarbeiten habe man auch Katastrophenpläne mit verschiedenen Phasen erstellt. Die grösste Veränderung stellt der diplomierte Pflegefachmann jedoch bei der Stimmung beim Personal fest. «Es ist angespannt. Wir warten darauf, dass es los geht. Unangenehm ist, dass wir aufgrund der Erwartungshaltung fast weniger zu tun haben als sonst.»

Die Masken sind ständig angezogen

Auch der Umgang gegenüber Patient*innen hat sich gemäss Bühlmann verändert: «Wir verpacken uns, wenn wir uns um sie kümmern und achten auf die Hygiene – noch viel mehr als vorher. Wir tragen ständig Masken und desinfizieren die Hände doppelt so häufig.»

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Wie in vielen anderen Krankenhäusern kann man auch im Sonnenhofspital nicht mehr einfach so in die Notfallaufnahme hereinspazieren. Die Türen sind verschlossen, über eine Sprechanlage klärt Bühlmann die Symptome ankommender Besucher*innen ab. «Die Atmosphäre ist schon eigenartig», sagt er. «Erst gestern bemerkte eine Kollegin, dass sie sich wie in einem Hochsicherheitsgefängnis fühle.»

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Bei der Notfallaufnahme klingeln auch immer wieder Personen, die sich testen lassen wollen. «Die Leute haben Angst, es sind auch viele Junge dabei», sagt Bühlmann. Viele von ihnen muss er abweisen, selbst wenn sie Symptome einer Corona-Erkrankung zeigen. «Wir schicken sie nach Hause in die Quarantäne. Wir testen nur diejenigen, die zur Risikogruppe gehören und Symptome haben.»

Nicht die Krankheit ist gefährlich, sondern die Symptome

Dem Pflegefachmann zufolge ist es nicht nur das Alter, das bei der Einschätzung von Corona-Erkrankten eine ausschlaggebende Rolle spielt. «Es sind viele Faktoren, die wir berücksichtigen müssen», erklärt er. «Ist die Person immungeschwächt oder zuckerkrank, leidet sie unter Bluthochdruck? Liegt eine Krebserkrankung vor? Es ist die Kombination, die das Risiko ausmacht. Bei der Beurteilung des Patienten oder der Patientin gehen wir vom Allgemeinzustand vor Beginn der Corona-Symptome aus.» So schätze man beispielsweise das Risiko weniger gross ein, wenn eine Person ihren Bluthochdruck mit Medikamenten über Jahre hinweg stabil halten konnte.

Im Krankenhaus kommen diejenigen, deren Symptome nicht zuhause behandelt werden können. «Man kann das Coronavirus nur auskurieren. Wir lindern lediglich die Symptome der Krankheit», erklärt Bühlmann. Das Gefährliche seien vor allem die Auswirkungen auf den Körper. «Das Virus greift das Lungengewebe an. Dadurch kann nicht genügend Sauerstoff für die Organe umgesetzt werden. Die Folge ist Organversagen.»

Patient*innen mit akuter Atemnot werden stationär beatmet. Schwer Erkrankte, die rund um die Uhr überwacht werden müssen, kommen auf die Intensivstation.

Gute Noten für den Bundesrat

Schulen und Geschäfte, die nicht lebensnotwenige Waren oder Dienstleistungen anbieten, müssen in der Schweiz bis zum 19. April geschlossen bleiben. Viele Firmen haben den Geschäftsbetrieb ins Homeoffice verlegt. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern besteht in der Schweiz keine Ausgangssperre, seit dem 20. März ist jedoch ein Versammlungsverbot von mehr als fünf Personen im öffentlichen Raum in Kraft. Die Regierung weist die Bevölkerung an, zuhause zu bleiben.

«Ich bin sehr zufrieden, wie der Bundesrat handelt», sagt Bühlmann. Er sei besonders beeindruckt, wie man sich um das wirtschaftliche Wohl des Landes kümmere. «Ich sehe das bei meinem Partner, der eine Kita betreibt. Die Anmeldung für Kurzarbeit geht einfach und schnell vonstatten.»

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Die in den Medien verlautete Kritik über mangelnde Tests kann er nur bedingt nachvollziehen. «Tests verfügen über keinen grossen Nutzen für die Behandlung. Man weiss höchstens, dass man zehn Tage zuhause bleiben muss, aber das müssen jetzt sowieso alle», sagt er. «Wenn ein Labor Kapazitäten für lediglich 2000 Tests hat, dann bringt es auch nichts, das zu kritisieren.»

Auf die «leichte Schulter» genommen

Bühlmann gibt zu, dass er die Lage rund um das Coronavirus lange unterschätzt habe: «Ich habe die Geschichte auf die leichte Schulter genommen und mir gedacht, dass das schon bald wieder vorbeigehe.»

Vor Antritt seines Nachtdienstes diese Woche hatte er ein mulmiges Gefühl. «Ich stellte mir vor, was passieren würde, wenn plötzlich mehrere Menschen auf einmal in die Notfallaufnahme kommen», sagt er. Anspannung und Zweifel plagten ihn. Ob er sich um alle gleichzeitig kümmern kann? Ist genügend Personal vor Ort? «Aber es war auch Hoffnung da. Hoffnung, dass nicht alles so schlimm wird, wie man es sich ausmalt.»

Die Nacht verlief schliesslich ruhig. Es ist aber auch der Nervenkitzel und das Adrenalin, die für Bühlmann die Arbeit in der Notfallaufnahme interessant machen. «Es gibt mir ein gutes Gefühl, schnell und richtig zu handeln und dabei Menschen zu helfen», sagt er. Lachend fügt er hinzu: «Aber ich hätte mir niemals ausgemalt, dass ein solcher Pandemie-Fall eintritt!»

Die angespannte Lage hat auch die Stimmung bei den Patient*innen und Besucher*innen beeinflusst. Es sei erstaunlich, wie viel Verständnis man dem Gesundheitspersonal in dieser Zeit entgegenbringe. «Normalerweise sind die Menschen schnell unzufrieden und gereizt, wenn es mal länger geht», sagt er. «Heute spüre ich Dankbarkeit, die Leute sind viel ruhiger und geduldiger. ‹Ihr habt jetzt bestimmt Wichtigeres zu tun›, höre ich oft.»

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Bühlmann hofft, dass diese Dankbarkeit auch nach der Corona-Krise vorhanden ist. «Ich wünsche mir, dass die Leute sich daran erinnern, welche Berufe wirklich notwendig sind», sagt er. «Dass die Arbeit der Gesundheits- und Lebensmittelbranche in den Köpfen bleibt, wenn es um Schichtarbeit und um eine bessere Entlöhnung geht. Das fände ich schön.»

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