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«Messer im Herz» – der erste penis-freie Film über Schwulenpornos?

In Deutschland läuft «Messer im Herz» ab 18. Juli im Kino

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Plötzlich hat es jedoch ein maskierter Serienmörder auf die Darsteller abgesehen. (Bild: Salzgeber)

Mit viel Liebe zum Detail lässt «Messer im Herz» die goldenen Siebzigerjahre und Blütezeit der Schwulenpornos wieder aufleben. Die Mannschaft sprach mit Regisseur Yann Gonzalez.

Yann, dein Film «Messer im Herz» spielt im Milieu des Schwulenpornos und ist eine ziemlich schräge Angelegenheit. Dafür ist deine Hauptdarstellerin erstaunlich prominent. Kanntest du Vanessa Paradis schon vorher persönlich?
Oh nein, kein bisschen. Nur als Star, als Sängerin und Schauspielerin. Ich war schon nach ihrem ersten Film «Weisse Hochzeit» ein Fan von ihr – damals war sie noch ein Teenager und hatte mit dem Song «Joe le taxi» ihren ersten Nummer-eins-Hit. Deswegen hatte ich auch ziemlichen Bammel, ihr die Rolle überhaupt anzubieten. Wir trafen uns zum Mittagessen, und für mich war es das erste Mal, dass ich einen echten Star kennen lernte. Jemanden, den ich wirklich bewundere. Ich war also noch schüchterner als sonst sowieso – und zitterte richtig!

Hast du überhaupt einen Satz herausgebracht?
Anfangs kaum. Lustigerweise ist Vanessa aber auch ein unglaublich schüchterner Mensch, und irgendwie machte das die Sache einfacher. Denn als ich nach zwei Minuten zaghafter Konversation realisierte, dass sie mir gar nicht so unähnlich und vor allem unglaublich reizend und liebevoll ist, habe ich mich ein wenig beruhigt. Trotzdem fühlte ich mich wie ein aufgeregter Fan mit einem Geschenk für seinen Star, als ich irgendwann das Drehbuch aus meiner Tasche zog und ihr mitgab. Sie flog am nächsten Tag nach Los Angeles und las es auf dem Flug. Zwei Stunden nach der Landung schrieb sie mir schon eine wunderbare Email und meinte, sie habe sich in dieses Projekt verliebt. Ich war vollkommen überwältigt!

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Ihre Rolle als Pornoproduzentin ist nicht ohne. Wie weit war Paradis bereit zu gehen?
Ich will nicht sagen, dass sie alles für die Rolle getan hätte. Aber sie war definitiv bereit für eine Erfahrung der besonderen Art. Sie wollte sich auf ein Abenteuer einlassen, denn als Schauspielerin ist sie unglaublich leidenschaftlich und risikofreudig. Diese Rolle war also wie für sie gemacht.

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Vanessa Paradis spielt in «Messer im Herz» die Produzentin Anne, die gemeinsam mit ihrer Freundin Schwulenpornos dreht. (Bild: Salzgeber)

Hast du ihr zur Vorbereitung ein paar Schwulenpornos empfohlen?
Oh Gott, das hätte ich mich nicht getraut (lacht).

À propos Porno: «Messer im Herz» dürfte der erste Film über Schwulenpornos sein, in dem es keinen einzigen Penis zu sehen gibt . . .
Das stimmt vermutlich. Aber das war gar keine bewusste Entscheidung. Als Cristiano Mangione und ich das Drehbuch schrieben, war ich mir sicher, dass es in unserem Film nur so wimmeln würde vor Schwänzen (lacht). Aber wie ich schon gesagt habe: Ich bin ein wahnsinnig schüchterner Mensch. Und irgendwie habe ich immer die Sorge, von meinen Schauspielern etwas zu verlangen, was ihnen vielleicht unangenehm sein könnte. Das wichtigste war mir immer, dass sich alle wohl und entspannt fühlen vor der Kamera. Sich vor einer ganzen Crew aus grösstenteils fremden Leuten nackt vor der Kamera zu zeigen, trägt dazu nicht unbedingt bei. Allerdings ist es nicht so, dass wir keinen Penis gefilmt hätten. Doch den, der es vor die Kamera geschafft hat, musste ich am Ende rausschneiden. Er war für unsere Zwecke einfach zu klein (lacht).

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Könnte man sagen, dass der Sex trotz des gezeigten Milieus für dich hier eigentlich Nebensache war?
Das würde ich sofort unterschreiben. Worum es mir ging, war Freundschaft. Die verschworene Gemeinschaft, diese eigene, kleine Welt dieses Grüppchens queerer Menschen, die ihr Leben und ihre Arbeit miteinander teilen. Und um den Spass und die Melancholie gleichermassen, die den Alltag dieser Sexarbeiter ausmachen. Mir ging es nicht darum, die Zuschauer anzutörnen, sondern Empathie für meine Figuren zu wecken. Mit ihnen zu lachen und zu leiden, erschien mir emotional einfach sehr viel stärker, als ihnen beim Vögeln zuzusehen. Trotzdem habe ich im Hinterkopf auch noch den Traum, eines Tages mal einen echten Porno zu drehen, der die magische und romantische Seite von Hardcoresex zeigt. Aber das ist ein ganz eigenes Projekt, das mit «Messer im Herz» rein gar nichts zu tun hat.

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Der 42-jährige Yann Gonzalez gilt als Hoffnung des europäischen Queer Cinemas. (Pressefoto: Festival de Film Cannes)

Bleiben wir trotzdem noch ein bisschen bei den Pornos. Die Filme der Siebzigerjahre, vor allem so wie du sie zeigst, haben nicht viel zu tun mit dem, was heute so produziert wird, oder?
Ich habe wirklich versucht, mich formell und stilistisch so eng wie möglich an den Schwulenpornos zu orientieren, die Ende der Siebziger in Frankreich gedreht wurden. Die Inszenierung und die Kulissen mussten diese besondere Naivität haben, ganz unironisch. Aber eben nicht, um mich darüber lustig zu machen, sondern weil ich meinen Tribut zollen wollte. Das waren damals Pornopioniere, und ihre Filme sind meilenweit entfernt von der seelenlosen Massenware, die heute produziert wird. Das war in gewisser Weise wirklich Undergroundkunst. Die Filme, die von damals noch existieren, zeugen auf unvergleichliche Weise von einer schwulen Szene zwischen Saunas, Toiletten und Sexkinos, die es heute so nicht mehr gibt.

Probleme wie Ausbeutung oder Missbrauch in der Pornobranche muss es doch schon damals gegeben haben!
Natürlich, auch damals ging es bisweilen brutal zu, das war nicht alles eitel Sonnenschein. Aber insgesamt waren die Szenen und vor allem die Filme, die entstanden, doch deutlich naiver und liebevoller als alles, was es heute gibt. Damals hatten viele Pornos fast etwas Poetisches, immer wieder sah man Darsteller mit melancholischen Gesichtern. Heute sind das meistens nur noch schnöde Wichsvorlagen.

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Moderne Pornos interessieren dich also gar nicht?
Doch, es gibt schon ein paar spannende Entwicklungen in der Branche, sowohl bei Schwulen- als auch bei Heteropornos. Dass es zum Beispiel mehr und mehr weibliche Produzent*innen und Regisseur*innen gibt, finde ich super. Feminismus im Porno finde ich spannend und wichtig. Ausserdem gibt es gerade in der Queerszene eine interessante Tendenz der Annäherung von Kunst und Porno. Da werden gerade viele Barrieren und Grenzen eingerissen, die es lange gab, und es werden frische Perspektiven aufgemacht. Neue Stimmen verschaffen sich Gehör. Ich bin also weit davon entfernt, alle modernen Pornos zu verdammen.

In Deutschland ist «Messer im Herz» ab 18. Juli 2019 im Kino zu sehen. In der Schweiz lief der Film unter dem Originaltitel «Un Couteau dans le Coeur» bereits am LGBTIQ-Filmfestival Pink Apple.

Das ausführliche Interview ist in der Juni-Ausgabe der MANNSCHAFT erschienen. Hier geht es zum Abo für die Schweiz oder für Deutschland.

Yann Gonzalez

So schrill, wild, sexy, schräg und knallig wie «Messer im Herz» ist schon lange kein Film mehr gewesen, schon gar nicht aus Frankreich. Der Mann, der für diese mörderisch-­mystische Geschichte aus der Welt der Schwulen­pornos der späten Siebzigerjahre verantwortlich ist, erweist sich beim Interviewtermin während des Filmfestivals in Cannes allerdings als das komplette Gegenteil. Yann Gonzalez ist schüchtern und still, bescheiden und sensibel. Schon vor fünf Jahren etablierte er sich mit seinem irrwitzigen Debüt «Begegnungen nach Mitternacht» als neue Hoffnung des europäischen Queer Cinemas, nun festigt er mit «Messer im Herz» (zu dem sein Bruder Anthony mit seiner Elektroband M83 die Musik beisteuert) diesen Ruf.

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