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Schluss mit Hass und Hetze – Facebook stoppen!

Sacha Baron Cohen hat eine der besten und wichtigsten Reden des Jahres gehalten

Facebook stoppen
Werbung mit küssenden Männern lässt Facebook erst auf öffentlichen Druck hin zu (Foto: Screenshot/Checkpoint)

Werbung mit Männern, die einander küssen, will Facebook nicht. Gewalt verherrlichen, Lügen verbreiten, etwa über den Holocaust – das geht aber in Ordnung. Sacha Baron Cohen hat eine Idee: Facebook stoppen, den «grössten Propagandaapparat der Geschichte»! Kriss Rudolph würdigt in seinem Samstagskommentar* Cohens Rede vor der Anti-Defamation-League.

Sacha Baron Cohen ist bekannt als Schauspieler («The Spy») und Komiker, besonders für die durch ihn verkörperten Kunstfiguren Ali G,  der in Madonnas «Music»-Video mitspielt, als Borat oder Brüno. Am 21. November hat er bei der amerikanischen Anti-Defamation League, die gegen Diskriminierung und Diffamierung von Juden eintritt, eine unglaubliche smarte, gute und wichtige Rede gehalten, die man sich von einem Politiker oder eine Politikerin wünschte – von jemandem, der in der Position ist, wirklich etwas zu tun gegen diesen «Propagandaapparat» Facebook, der nicht entschieden gegen Judenfeindlichkeit, Rassismus oder Homophobie vorgeht und diese Formen von Hass damit noch befördert.

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Facebook – das sind die, die zwar zulassen, dass User*innen den Holocaust leugnen, bei dem über sechs Millionen von den Nazis umgebracht worden -, die es aber verbieten, Werbung zu schalten, die zwei Männer zeigen, die sich küssen. Das war ein Teil des Videos, das der Checkpoint Zürich, ein Gesundheitszentrum für queere Menschen, kürzlich bewerben wollte. Doch das wurde abgelehnt, zweimal (MANNSCHAFT berichtete).

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Die Begründung lautete: Das Video beinhalte «sexuelle oder anzügliche Bilder, Nacktheit und Menschen in anzüglichen Posen oder bei sexuell provokanten Handlungen.».

«Es ist bei Facebook und Instagram extrem schwierig geworden, für unser Anliegen Werbung zu kaufen, weil zwei küssende Männer oder auch schlichte Präventionsarbeit zu HIV und anderen STI für die Social Media Plattformen immer schnell zu heikel seien, die vielen Fakenews, Gewaltvideos oder Hassaufrufe, die unbeirrt im Facebook-Kosmos herumschwirren, sie aber nicht zu stören scheinen», erklärte Bastian Baumann, Leiter des Checkpoints Zürich.

Das ist genau der Knackpunkt. Wenn es um Liebe geht, sind die Zensoren knallhart. Wird Hass verbreitet, gehetzt oder Gewalt propagiert, werden oft beiden Augen zudrückt. Bereits im Herbst 2018 berichtete die Washington Post von enttäuschten LGBTIQ-Personen, deren Werbeposts von Facebook abgelehnt worden sei – mal ein Komiker mit einem queeren Märchenabend, mal eine Non-Profit-Organisation, die altersfreundliche Wohnungen vermittelt.

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Dagegen wird Facebook gegen Geld jede beliebige «politische» Anzeige schalten, auch eine Lüge, sagt Cohen. Facebook werde sogar helfen, diese Lügen durch Mikro-Targeting an den User zu bringen, damit sie ihre maximale Wirkung entfalten. «Gemäss dieser verqueren Logik hätte Facebook in den 1930er-Jahren Hitler erlaubt, 30-Sekunden-Werbeclips über seine «Lösung des Judenproblems» zu schalten», so Cohen.

Als guten Standard und gute Richtlinien empfiehlt er dem Online-Giganten: Den Wahrheitsgehalt von Werbung überprüfen, bevor man sie schaltet, mit dem Micro-Targeting von Lügen aufzuhören, und wenn die Werbung aus Lügen bestehe: «Gebt den Leuten ihr Geld zurück und veröffentlicht sie nicht.»

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Aber so funktioniert Facebook eben nicht. Cohen zitiert Zuckerbergs Plädoyer für eine «Diversität der Ideen». Klingt gut, aber was bedeutet das?

Posts, in denen der Holocaust geleugnet wird, seien für Facebook-Gründer Zuckerberg zwar «zutiefst beleidigend», doch sollte Facebook sie nicht entfernen, weil «verschiedene Menschen nunmal verschiedene Dinge falsch sehen». Zurzeit gebe es immer noch Holocaustleugner auf Facebook, und via Google komme man mit einem Click zu den widerlichsten Holocaustleugner-Webseiten, so der 48-jährige Schauspieler. Einer der Google-Chefs habe ihm einmal gesagt, solche Webseiten zeigten lediglich «beide Seiten der Frage». Cohen: «Das ist Wahnsinn.»

Cohen zitiert in dem Video, das bereits über eineinhalb Millionen Mal angesehen wurde, den US-Journalisten Edward R. Morrow, Träger der bedeutenden Presidential Medal of Freedom: Man «dürfe nicht akzeptieren, dass es bei jeder Geschichte zwei gleichwertige und logische Seiten gebe». Dabei gebe es Millionen Beweise für den Holocaust. «Er ist eine geschichtliche Tatsache. Und Holocaustleugnung ist nicht eine beliebige Meinung. Wer den Holocaust leugnet, will einen zweiten.»

Zwar sind Facebook und andere soziale Netzwerke nicht für von den Nutzer*innen veröffentlichte Postings verantwortlich und auch nicht verpflichtet, aktiv nach Verstössen zu suchen. Wenn sie jedoch auf eine Rechtswidrigkeit hingewiesen werden, müssen sie handeln. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat am 3. Oktober dieses Jahres nach einem Fall in Österreich entschieden, dass Facebook Hasskommentare weltweit zu löschen hat.

Hasskommentare sind eine Sache, Lügen eine andere. Schon im Jahr 2016 hat Facebook Personen des öffentlichen Lebens erlaubt, auf ihrer Plattform zu lügen, sofern die Falschbehauptungen einen «Nachrichtenwert» hätten und das öffentliche Interesse die mögliche Gefahr von schädlichen Folgen aufwöge.

Diese Gebaren kritisiert Cohen: «Menschen sollen entscheiden, was glaubhaft ist, nicht Tech-Unternehmen. Aber wenn zwei Drittel aller Millennials sagen, sie hätten nie von Auschwitz gehört, wie sollen sie wissen, was glaubhaft ist? Wie sollen sie wissen, dass eine Lüge eine Lüge ist?»

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Zuckerberg, so Cohen, wolle «die weitestmögliche Definition der Meinungsfreiheit verteidigen». Aber unsere Freiheiten sind laut Cohen nicht nur ein Zweck an und für sich, sie sind auch ein Mittel zu anderen Zwecken – das Recht auf Leben, Freiheit und die Suche nach dem Glück. Diese Rechte würden aber mittlerweile durch Hass, Verschwörungstheorien und Lügen bedroht.

Das Ziel sollte sein, dass niemand angegriffen, gemobbt oder ermordet wird, egal wer man ist, wo man herkommt, wen man liebt oder wie man betet.

Cohen schlägt als Ziel für unsere Gesellschaft vor: «dass niemand angegriffen, gemobbt oder ermordet wird, egal wer man ist, wo man herkommt, wen man liebt oder wie man betet.»

Toleranz vor Vorurteil
Wenn man sich das vornähme, so Cohen am Ende seiner verdammt guten Rede, – wenn wir die Wahrheit der Lüge vorziehen, die Toleranz dem Vorurteil, das Mitgefühl der Gleichgültigkeit, die Experten den Unwissenden – , dann können wir vielleicht – vielleicht – den grössten Propagandaapparat der Geschichte stoppen, die Demokratie retten, einen Ort haben für freie Rede und freie Gedanken.

Und noch einen Rat hat Cohen: «Entschleunigt euch!» Nicht jeder Post müsse sofort online gehen. «Ist es wirklich notwendig, jeden noch so rassistischen, kriminellen oder mörderischen Gedanken sofort online zu posten? Natürlich nicht!»

Warren will Facebook stoppen
Es gibt übrigens tatsächlich Politiker*innen, die einen Plan haben, um Facebook zu stoppen. Die aussichtsreiche Kandidatin für die US-Präsidentschaft Elizabeth Warren hat sich immer wieder öffentlich für eine potenzielle Zerschlagung von Tech-Riesen wie Facebook ausgesprochen. Sie seien zu mächtig geworden, ausserdem kritisiert Warren die fehlenden Faktenchecks. Die 70-jährige Kandidatin (das ist ihre Wahlkampf-Seite) wird vom schwulen Facebook-Mitgründer Chris Hughes und dessen Mann unterstützt (MANNSCHAFT berichtete).

Und noch etwas: Nachdem zahlreiche Medien wie MANNSCHAFT über die Verweigerung von Facebook berichtet hatten, das Video mit den küssenden Männern zu bewerben, und der öffentliche Druck immer grösser wurde, wurde es plötzlich in der Nacht von Montag auf Dienstag doch noch genehmigt.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

Kriss Rudolph

Geschrieben von

Kriss Rudolph lebt mit seinem Hund Mompa in Berlin. Bei MANNSCHAFT ist er als Online-CvD und als Chefredakteur der deutschen Print-Ausgabe tätig.

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