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Britisches Parlament verliert laute Stimme für LGBTIQ-Rechte

John Bercow verlässt seinen Thron im Unterhaus – die britische LGBTIQ-Community wird ihn vermissen

John Bercow
John Bercow wird seinen Thron bald verlassen. (Foto: Twitter/Commons Press Office)

Ausserhalb des Vereinigten Königreichs wurde er vor allem durch seine lauten Aufrufe zur Ordnung berühmt. John Bercow erhob seine Stimme aber nicht nur, um Parlamentarier*innen zu schulmeistern, sondern auch für LGBTIQ-Rechte. Nun gab der langjährige Sprecher des Unterhauses überraschend seinen Rücktritt bekannt.

Die eloquenten Ermahnungen von John Bercow und die lauten «Order»-Rufe durch das britische Unterhaus wurden Anfang Jahr zum Youtube-Hit. Der etwas kauzige und strenge Sprecher passte wunderbar in das House of Commons mit seinen altertümlichen Gepflogenheiten und Regeln.

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Am Montag gab Bercow nach über zehn Jahren im Amt seinen Rücktritt bekannt. Dies wohl unter anderem auf Druck der Tories – dabei war John Bercow bis zu seinem Amtsantritt selbst Mitglied der konservativen Partei. Doch der 56-Jährige wagte es schon früh, von der Parteilinie abzuweichen und sich dabei auch für LGBTIQ-Rechte einzusetzen.

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Zweifel an Parteiparolen
Ein erstes Mal tat er dies bereits 1999, als er noch nicht Sprecher, sondern Abgeordneter des Unterhauses war. So stimmte Bercow zunächst wie seine Partei dafür, dass es für Homosexuelle ein anderes Schutzalter geben soll als für Heterosexuelle. Weil er sich jedoch nicht sicher gewesen sei, ob dies richtig war, habe er beschlossen, zuerst mit Homosexuellen, Kirchenführern und Eltern zu sprechen, wie er gegenüber BBC-News sagte.

«Ich kam zu dem Ergebnis, dass es keinen Grund für diese Unterscheidung in der Gesetzgebung gab, und ich sagte im Unterhaus, dass ich meine Meinung geändert hatte.»

Als 2002 die Konservativen verhindern wollten, dass unverheiratete und gleichgeschlechtliche Paare das Recht zur Adoption von Kindern erhalten, machte Bercow erneut nicht mit. Aus Protest verliess er damals das Schattenkabinett des Oppositionsführers.

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Gegen Mobbing und Kriminalisierung
Auch wenn Bercow als Unterhaussprecher politisch unabhängig und neutral agieren musste, engagierte er sich nach seiner Wahl in das Amt 2009 noch intensiver für die LGBTIQ-Community: So unterstützte er 2011 beispielsweise Charity-Projekte gegen homophobes Mobbing an Schulen und für LGBTIQ-Menschen im Ausland.

Anlässlich der Commonwealth Games 2014 kritisierte er die «beschämende Kriminalisierung» von Homosexuellen in den teilnehmenden Staaten. Sein offizielles Wappen als Sprecher gestaltete Bercow mit Regenbogenfarben, rosa Dreiecken und dem Satz «All are equal».

Kritik aus eigenen Reihen
Als Speaker hatte Bercow durchaus eine gewisse Macht – und diese wusste er zu nutzen. Er bestimmte etwa, welche Änderungsanträge zur Abstimmung kommen durften und bescherte so der Regierung einige Niederlagen.

Dies war nicht zuletzt beim Chaos um den Brexit von Wichtigkeit. Die Tories warfen dem Sprecher vor, er würde sich viele Freiheiten nehmen und sich aktiv gegen den Austritt aus der EU einsetzen. So kam es, dass die eigene Partei angekündigt hatte, eine Gegenkandidatur zu lancieren. Dem ist Bercow nun vor der von Premierminister Johnson auferlegten Zwangspause für das Parlament zuvorgekommen.

Brexit als Gefahr für Grundrechte
Einer der Gründe, weshalb Bercow den Brexit von Anfang an ablehnte, dürfte auch die Tatsache sein, dass die britische LGBTIQ-Community vor einer unsicheren Zukunft stehen würde. Ihr Schutz und viele ihrer dazugewonnenen Rechte kamen nicht zuletzt dank der EU zustande (MANNSCHAFT berichtete).

Wenn mit dem Brexit die EU-Charta der Grundrechte und der Schutz durch den Europäischen Gerichtshof ausser Kraft treten, könnte die Regierung auf einen Ersatz dafür verzichten. Es besteht also die Gefahr, dass Politiker wie Boris Johnson den Brexit auch dafür nutzen werden, den LGBTIQ-Menschen in Grossbritannien zu schaden.

LGBTIQ-Gleichstellung auf Schottisch

Was der abtretende Speaker John Bercow von solchen politischen Manövern halten würde, ist kein Geheimnis. Als ihm 2017 der «Pink News Award» verliehen wurde, sagte er: «Die Rechte der LGBT-Menschen in diesem Land und rund um den Globus sind Menschenrechte und müssen als solche anerkannt werden.»

Silvan Hess

Geschrieben von

Silvan Hess (*1992) lebt in der Nähe von Zürich, hat an der Uni Zürich Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft im Hauptfach und Filmwissenschaft und Philosophie in den Nebenfächern studiert und arbeitet seit 2012 als freischaffender Journalist.

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