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Die Gay Pride unpolitisch? Was für ein Unsinn!

Der Christopher Street Day als politische Demonstration ist und bleibt wichtig, schreibt Kriss Rudolph in seinem Samstagskommentar

CSD Berlin
CSD Berlin 2018 (Foto: Kriss Rudolph)
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Hatten viele nicht schon orakelt, dass es nach der Öffnung der Ehe 2017, einer Kernforderung der schwul-lesbischen Bewegung, bergab ginge mit dem CSD und der Mobilisierbarkeit der Community? Der Christopher Street Day als politische Demonstration ist und bleibt wichtig, so der Tenor unseres Samstagskommentars*.

Jedes Jahr dieselbe Diskussion: Der CSD ist zu kommerziell, die Veranstaltung zu unpolitisch geworden. Was die Kommerzialisierung angeht – die ist nicht zu übersehen, wenn Trucks der Deutschen Bank oder des Springer Verlages teilnehmen, was selbstverständlich Teil ihrer Selbstvermarktung ist. In anderen europäischen Städten wie Ljubljana sieht das ganz anders aus: Dort ist es Firmen untersagt, teilzunehmen und zu werben. Machte man das in Berlin, es wäre eine deutlich kleinere CSD-Parade. Nicht automatisch eine schlechtere, aber die Sichtbarkeit wäre nicht dieselbe.

CSD Berlin
Der CSD Berlin 2018 (Foto: Kriss Rudolph)

CSD Berlin erwartet eine Million Menschen
Mit der Sichtbarkeit kommt auch die politische Komponente. Dass sich alle Mitglieder der LGBTIQ-Familie beim CSD zeigen können und dass so viele Unterstützer*innen mitlaufen – in der Hauptstadt werden bis zu eine Million Menschen erwartet, es sind 98 Fahrzeuge und 41 Fußgruppen unterwegs –, ist ein Wert an sich. Hatten viele nicht schon orakelt, dass es nach der Öffnung der Ehe 2017, einer Kernforderung der schwul-lesbischen Bewegung, bergab ginge mit dem CSD und der Mobilisierbarkeit der Community?

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Das Gegenteil ist offenbar der Fall. Mag sein, dass sie der Party-Charakter der Parade anzieht, die Musik, die laut von den Trucks schallt. Von mir aus. Wer sagt denn aber, dass Demonstrieren nicht auch Spaß machen darf? Im übrigen: Jeder, der eine politische Botschaft für den CSD hat, kann sich ein Transparent basteln und damit durch die Stadt laufen. Man darf nicht immer darauf warten, dass es andere für einen richten.

Tinder warnt Reisende in homophoben Ländern

In vielen anderen Ländern, und das ist ein wichtiger Teil meiner Motivation, beim CSD mitzulaufen, ist das nicht möglich. In Istanbul wurde die Pride in diesem Jahr mal wieder verboten, queere Demonstrant*innen gingen trotzdem auf die Strasse und wurden von der Polizei mit Gummiknüppel, Tränengas und Wasserwerfer bekämpft. In Russland wurde gerade eine Aktivistin ermordet, die immer wieder bedroht worden war und sich vor Gericht verantworten musste, weil sie LGBTIQ-Demonstrationen organisiert hatte. Die Polizei hatte nichts unternommen, um Jelena Grigorjewa zu schützen. Diese Liste könnte man beliebig fortführen und die Lage in Brasilien nennen oder auch nur in unser Nachbarland Polen schauen, wo kürzlich nicht nur eine Pride von Hooligans gestört und bekämpft wurde, sondern wo zudem noch ein rechtes Magazin LBGTIQ-feindliche Aufkleber verteilt hat, um den Hass zu befeuern – was am Donnerstag von einem Gericht untersagt wurde.

In Deutschland, in Österreich, in der Schweiz und den meisten Ländern Europas sind CSD-Umzüge nicht nur erlaubt, sie werden auch von zahlreichen straight allies unterstützt. Das ist ein Wert an sich, für den eine ältere Generation von LGBTIQ gekämpft hat und für dessen Erhalt wir weiter auf die Strasse gehen müssen. Es ist keineswegs gesichert – ohne Panik verbreiten zu wollen -, dass dies in 20 oder 30 Jahren auch noch geht.

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Am 1. September wird in zwei östlichen Bundesländern gewählt – und sollte die AfD dort an die Macht kommen, werden mit grosser Wahrscheinlichkeit zunächst mal LGBTIQ-Projekten wie dem Verein Gerede, der sich mit Beratung und Bildungsangeboten für LGBTIQ-Vielfalt einsetzt, die Gelder gestrichen. Es wäre vermutlich nur ein Anfang.

Mahnmale sollten besser geschützt und überwacht werden

Ich war in dieser Woche in Sachsen und habe mit einigen Aktivisten gesprochen. «Unsere Klienten haben Angst», sagte man mir dort, «dass wir unsere Arbeit nicht fortsetzen können.» Wenn ich also heute auf die Strasse gehe, denke ich nicht nur die LGBTIQ-Community in Brasilien oder Polen mit, sondern auch die in Sachsen und in Brandenburg.

Wobei es auch in Berlin noch viel zu tun gibt: Es vergeht keine Woche, manchmal nicht mal ein Tag, ohne dass irgendwo in dieser Stadt jemand beleidigt oder geschlagen wird, weil er oder sie schwul, lesbisch oder trans ist. Laut Maneo, dem schwulen Anti-Gewalt-Projekt in Berlin, sind die Fälle angezeigter Gewalt gegen LGBTIQ gegenüber 2017 um fast ein Drittel gestiegen. Erst am Freitag wurden in einer Tram weibliche Fahrgäste homophob beleidigt und geschubst. Weil eine erhöhte LGBTIQ-Sichtbarkeit offenbar auch zu einer erhöhten Aggression und Gewaltbereitschaft führt, hält Maneo das Überfalltelefon am Samstag bis Mitternacht besetzt.

Was unsere Community in diesen Zeiten braucht, ist Sichtbarkeit, Kampfbereitschaft und vor allem: Einigkeit. Wir müssen unseren Gegnern zeigen, dass man uns nicht spalten kann. Vollkommen kontraproduktiv ist die Tatsache, dass es auch in diesem Jahr einen alternativen CSD geben soll, den Radical Queer March, der sich um 18 Uhr am Mariannenplatz Richtung Friedrichshain in Bewegung setzt.

CSD BerlinEs wäre mir lieber, die Initiator*innen hätten sich dem grossen CSD angeschlossen, meinetwegen als radikale, laute Fussgruppe. Aber dass Berlin hier – mal wieder – nach aussen signalisiert, dass sich die Community nicht mal auf einen Gesamt-CSD einigen kann, halte ich für fatal.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

Kriss Rudolph

Geschrieben von

Kriss Rudolph lebt mit seinem Hund Mompa in Berlin. Bei MANNSCHAFT ist er als Online-CvD und als Chefredakteur der deutschen Print-Ausgabe tätig.

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