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Diskriminierung am Arbeitsplatz – beim Jahresgehalt von LGBTIQ?

Eine neue Studie aus Großbritannien zeigt, dass nicht-heterosexuelle Angestellte deutlich weniger verdienen als ihre Hetero-Kollegen. Besonders dramatisch ist die Situation für Queers of Color und Transmenschen

Für Queers of Color ist die Situation am Arbeitsplatz deutlich dramatischer, als für ihre weißen LGBTIQ-Kollegen (Foto: rawpixel.com / Pexels)

Wo fängt Diskriminierung an? Zum Beispiel dort, wo LGBTIQ-Angestellte im Schnitt 16 Prozent weniger verdienen als ihre Hetero-Kollegen.

Das ergab eine Studie von LinkedIn und YouGov, die am Dienstag in Grossbritannien veröffentlicht wurde und über die ein britisches LGBTIQ-Nachrichtenportal berichtet. Verglichen wurden für die Studie die Gehaltsabrechnungen von 4.0000 britischen LGBTIQ und Nicht-LGBTIQ. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen war deutlich. Um genau zu sein: Die Differenz beträgt £ 6.703 (7.491 Euro) im Jahr. Das widerspricht früheren Studien, die das genaue Gegenteil behauptet hatten, dass nämlich LGBTIQ mehr verdienen als ihre Hetero-Kollegen.

Und die Diskriminierung geht weiter: Etwa 38 Prozent der sich selbst als heterosexuell identifizierenden Briten glauben, dass LGBTIQ nur dann offen zu ihrer Sexualität stehen sollten, wenn dies «angemessen» im konkreten Arbeitsumfeld sei.

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Das passt zu einem weiteren Punkt der Studie: Einer von vier LGBTIQ-Angestellten hat sich am Arbeitsplatz nicht geoutet. In der Umfrage gab ein Viertel der Teilnehmenden an, dass dafür Angst von den Reaktionen der Kollegen der Hauptgrund sei.

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Homophobe Sprüche
Die Sorge kommt nicht von ungefähr: 35 Prozent der Befragten gaben an, am Arbeitsplatz schon homophobe Bemerkungen gehört oder selbst abbekommen zu haben. 21 Prozent bestätigten, Formen von verbaler Gewalt erlebt zu haben. Diesen Zahlen stehen die Angaben der Heteros gegenüber, von denen nur 8 Prozent meinten, jemals erlebt zu haben, dass ein LGBTIQ-Kollege diskriminiert oder «anders» behandelt worden sei.

35 Prozent der befragten LGBTIQ gaben an, am Arbeitsplatz mit homophoben Bemerkungen konfronitert gewesen zu sein (Foto: rawpixel.com)

Die älteren Studien widersprechenden neuen Zahlen könnten darauf zurückzuführen sein, dass inzwischen mehr Menschen sich zum LGBTIQ-Spektrum zählen und entsprechend nicht mehr nur Schwule und Lesben im Fokus standen.

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Situation von Transpersonen
Ein besonderer Aspekt der Untersuchung war deshalb auch die Situation von Transmenschen am Arbeitsplatz. Da ist der Gehaltsunterschied besonders hoch und beeinflusst die Statistik entsprechend. Transangestellte verdienen 14 Prozent weniger als ihre Cis-Kollegen, das entspricht £ 5.340 (5.968 Euro). Etwa die Hälfte (!) aller Befragten gab ab, von Kollegen schon abwertende Kommentare gehört zu haben.

Die Studie empfiehlt Firmen, dieses Problem besonders anzugehen und mehr zu tun in Bezug auf Diversity- und Inklusivitätsweiterbildung von Mitarbeitern. Denn: 68 Prozent der Transangestellten wünschen sich ein unterstützenderes Arbeitsplatzklima.

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Insgesamt kann man beobachten, dass LGBTIQ überrepräsentiert sind in den Berufszweigen Psychologie, Rechtswesen und Sozialarbeit, wie eine Studie der London School of Economics ergab. Einige Soziologen erklären dies damit, dass man als Massagetherapeut oder Psychologe nicht so sehr von Mitarbeitern abhängig sei. Weswegen es einfacher sei, seine sexuelle Orientierung zu verbergen.

Lastwagenfahrerinnen und Flugbegleiter
In Berufszweigen, wo besonders viele Frauen arbeiten, ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dass Lesben als Psychologen und Schwule als Flugbegleiter tätig sind. In überwiegend von Männern dominierten Berufszweigen sind nicht-heterosexuelle Frauen vor allem als Bus- und Lastwagenfahrerinnen beschäftigt, schwule Männer als Schauspieler.

Die neuen Zahlen von LinkedIn und YouGov entsprechen grob der Situation in anderen westlichen Ländern, speziell den USA. In Australien verdienen nicht-heterosexuelle Frauen sogar ein Viertel weniger als nicht-heterosexuelle Männer.

In einem taz-Interview hatte Birgit Bosold, Vorstand im Schwulen Museum, erst letzte Woche auf diese grundsätzliche Frauenbenachteiligung hingewiesen: «Denn bis du mal diskriminiert wirst als Lesbe, bist du schon tausendmal diskriminiert als Frau.» Für Bosold folgt daraus, dass «queere Politik feministische Anliegen» und den Kampf gegen Sexismus und Misogynie «selbstverständlich und zentral» auf der Agenda haben sollte.

Queers of Color
Obwohl viele Fortschritte im Bereich von Politik und Gesetzgebung zu beobachten sind, ist Diskriminierung nach wie vor Grundbestandteil der meisten Gesellschaften. Und die Arbeitswelt spiegelt dies; laut Bosold spiegelt sich dies auch in der LGBTIQ-Welt selbst. In einem Statement zur neuen Studie sagte Phyll Opoku-Gyimah, Direktorin der britischen Organisation Black Pride, dass es sogar einen noch grösseren Gehaltsunterschied gibt, wenn man die Lage von Queers of Color betrachte. Opoku-Gyimah meint: «Auch wenn es grossartig ist, dass solche Studien wie die von LinkedIn und YouGov die Diskussion anheizen und Punkte hervorheben, an denen wir arbeiten müssen, ist es wichtig, dass es im alltäglichen Arbeitsablauf und Arbeitsklima von Firmen einen Wandel gibt bzgl. LGBTIQ-Angestellten. Man muss ihnen helfen, sich zwischen ihren Kollegen wohl zu fühlen, und das schliesst People of Color ein, die noch ganz andere Formen von Diskriminierung und Rassismus erleben.»

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