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US-Homoheiler verlässt Frau und lebt jetzt schwul

David Matheson hat sich für «substantielle Änderungen» in seinem Leben entschieden – und bringt die «Ex-Gay»-Industrie weiter in Verruf

David Matheson, Autor von «Becoming a Whole Man», auf seinem Facebook-Profilbild von 2015 (Foto: Facebook / David Matheson)

Falls David Matheson bislang nur einer der «bekanntesten Homoheiler der USA» war, dann ist er es seit dieser Woche global: seit sich der überzeugte Mormone als schwul outete, seine Frau verliess und sich für «substantielle Änderungen» in seinem Leben entschied. Der entsprechende Social-Media-Post erregte grösstes Aufsehen in LGBTIQ-Nachrichtenportalen und wirft auch die Frage nach krankmachenden «Männlichkeitsidealen» neu auf.

David Matheson stammt aus Utah, wurde an einer mormonischen Universität ausgebildet zum Partnerschaftsberater und war in den 1990er-Jahren der sogenannten «Ex-Gay»-Bewegung beigetreten, die versucht, Homosexuelle zu «heilen». Er ist auch Autor des Buches «Becoming a Whole Man», in dem er Schwulen vorwirft, keine richtigen Männer zu sein. Er will das ändern!

Bislang führte Matheson eine Praxis in New Jersey mit zirka 50 Klienten. Um sie zu «konvertieren» bot er Kurse an, bei denen seine «Patienten» lernen sollten, wie sie sich besonders «männlich» verhalten können, zum Beispiel indem sie Holzfällen. Die Botschaft dieses offiziell als «Journey into Manhood» betitelten Programs (das Matheson mitentwickelt hat) ist: Wenn man genügend Bäume umhaut ist man* anschließend auf wundersame Weise hetero und nur so ein «richtiger» und «vollwertiger» Mann.

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Cover des Buchs «Becoming a Whole Man» von David Matheson

Der Chef ebendieser «Journey into Manhood»-Organisation, Rich Wyler, äusserte kürzlich in einer privaten Facebook-Gruppe: «David sagt (…) ein abstinentes Leben als Single komme für ihn nicht in Frage, er sucht also einen männlichen Partner. (…) Er hat sich von bisexuell zu ausschliesslich schwul entwickelt.»

Die Wahrheit siegt
Dieses Bemerkung geriet in die Hände der LGBTIQ-Aktivistengruppe «Truth Wins Out» (was man übersetzen kann als «Die Wahrheit siegt»). TWO kontaktierte daraufhin Matheson, der tatsächlich ein Statement zur Verfügung stellte, das überraschenderweise ohne Reue bezüglich seiner früheren Tätigkeit als «Homo-Heiler» ist und keine Entschuldigung für das anbietet, was er seinen vielen Patienten angetan hat.

Meine Zeit in einer heterosexuellen Ehe und in der Ex-Gay-Welt war authentisch und ehrlich

Stattdessen heisst es: «Meine Zeit in einer heterosexuellen Ehe und in der Ex-Gay-Welt war authentisch und ehrlich, sie war ein reicher Segen für mich. Ich erinnere mich daran mit Liebe zurück und bin dankbar für die Freude und das Wachsen, das sie mir und anderen möglich gemacht hat. Aber ich hatte aufgehört zu wachsen und angefangen zu sterben. Also habe ich einen neuen lebensgebenden Weg eingeschlagen, der bereits einen ganz neuen Wachstumsprozess ermöglicht hatte. Ich habe all die Jahre nichts fingiert. Ich verurteile auch nicht meine frühere Arbeit und meinen Glauben. Ebenso verurteile ich keine gemischt-orientierten Ehen. Ich werde weiterhin das Recht von Individuen unterstützen, dass sie sich entscheiden können, wie se auf ihre sexuellen Begierden und Identität reagieren wollen. Mit dieser Freiheit entscheide ich mich jetzt, ein Leben als schwuler Mann zu führen.»

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Das neue Profilbild von David Matheson vom 18. Januar 2019 (Foto: Facebook / David Matheson)

Kurz zuvor hatte Matheson sein Facebook-Profilbild verändert, von einem eher «seriösen» Business-Look (siehe oben) zu einer sportiven DILF-Optik mit dezenten Holzfälleranklängen.

Auf Facebook veröffentlichte Matheson dann ebenfalls ein Statement.

Der Beginn des Facebook-Statements von David Matheson (Foto: Facebook / Screenshot)

Während die Nachricht die ohnehin schon unter Beschuss geratene «Ex-Gay»-Industrie weiter in Verruf bringt, haben etliche Menschen, die vom «Journey into Manhood»-Programm und Matheson geschädigt wurden, die Neuigkeiten mit gemischten Gefühlen aufgenommen.

Missstände beheben und Schaden wiedergutmachen

Chaim Levin sagt beispielsweise: «Während ich mich freue, dass Herr Matheson einen zukunftsweisenden Weg für sein Leben gefunden hat, muss ich doch an hunderte – vielleicht sogar tausende – Menschen denken, die immer noch ungeoutet und versteckt leben, in einem Zwangsversteck, das Leute wie Herr Matheson geschaffen haben. Ich hoffe, Herr Matheson wird alles tun, um diesen Missstand zu beheben und den Schaden wiedergutzumachen, den er so vielen in der LGBTIQ Community zugefügt hat, inklusive mir.»

Menschen leben in einem Zwangsversteck, das Leute wie Herr Matheson geschaffen haben

Chaim Levin erlitt psychologische Schäden durch die «Journey into Manhood»-Seminare, an denen er teilnahm. Er war später einer der Hauptkläger im bahnbrechenden «Southern Poverty Law Center»-Gerichtsverfahren, als dessen Folge die Organisation «Jews Offering New Alternatives to Homosexuality» (JONAH) geschlossen wurde.

David Matheson hatte enge Bindungen zu JONAH.

Wer hat meinen Vater umgebracht?

Die Ideale, die in solchen Programmen gepredigt werden, beschreibt Matheson in seinem Buch «Becoming a Whole Man», wo er sich auf dem Cover als «Direktor des Zentrums für Gender Wholeness» beschreibt und seinen Lesern erklärt: «Du bist dazu auserkoren, dein männliches Potenzial zu erreichen und dich der Gemeinschaft von anderen [echten] Männern zu erfreuen.»

Mit der Frage, welchen Schaden dieses Streben nach «echter» Männlichkeit anrichtet, beschäftigt sich die aktuelle Debatte um «toxische Männlichkeit», die auch viele neue Bücher speziell aus Frankreich dominiert. In der heutigen «Literarischen Welt» schreibt Tilman Krause über den Bestseller-Roman «Du sollst nicht lügen» von Philippe Besson, wo es um den Umgang mit Homosexualität in der Arbeiterklasse geht – ein Thema, das zuvor auch Didier Eribon und Édouard Louis behandelt hatten.

Er zwang sich in das Korsett von Ehe, Vaterschaft, Heteronormativität und er musste bitter dafür bezahlen

Gerade in Louis‘ neuem Roman «Wer hat meinen Vater umgebracht» wird geschildert, wie das Drama des sozialen Abstiegs seines Erzeugers damit begann, dass er einen lebensverhindernden («toxischen») Begriff von heterosexueller Männlichkeit gerecht zu werden versucht: «Er, der sich als junger Mann in Fummel warf und seine weiblichen Anteile akzeptierte, bis er meinte, Mann werden zu müssen – und scheiterte.»

Bei Besson scheitert der Landarbeiter Thomas an solch einer Situation und damit verbundenen Lebenslügen: «Er zwang sich in das Korsett von Ehe, Vaterschaft, Heteronormativität und er musste bitter dafür bezahlen», schreibt Tilman Krause. Während der intellektuelle und gänzlich unholzfällerartige Philippe im Roman nach Paris aufbricht und ein befreites Lebens als Schwuler beginnt. Das ist nicht ohne Probleme: «Homosexualität ist kein Glücksversprechen, aber sie ist eben das Richtige, das Adäquate; wer als Schwuler seine Homosexualität lebt, ist zumindest mit sich identisch.»

«Hör auf zu lügen» ist eine schwule Offenbarung

Wie der mit-sich-identische David Matheson künftig leben wird und welches Männlichkeitsideal er möglicherweise in die LGBTIQ Community trägt, sollte man kritisch verfolgen.

Praktiken an Minderjährigen verboten

Was die «Schwulenheilungs»-Therapien angeht, so haben die American Medical Association und die American Psychological Association schon lange bestritten, dass diese wirksam seien. Trotzdem werden solche «Therapien» weiterhin durchgeführt, besonders von Mitgliedern konservativer und religiöser Gemeinschaften. In den Vereinigten Staaten haben 15 Staaten die entsprechenden Praktiken an Minderjährigen verboten, zuletzt der Staat New York.

Aber wenn gute Menschen Böses tun – dafür braucht man Religion

Viele ehemalige «Ex-Gay»-Aktivisten haben sich in den letzten Jahren öffentlich entschuldigt. Vor fünfeinhalb Jahren löste sich beispielsweise «Exodus International» auf, die grösste «Homo-Heiler»-Organisation der Welt. Der Chef der Gruppe schrieb einen langen Text mit der Überschrift «I Am Sorry».

Ein solcher Text ist bisher von Matheson oder «Journey into Manhood» nicht veröffentlicht worden.

Von Matheson gab es seit dem öffentlichen Statement keine weiteren Bekanntmachungen auf Facebook. Aber einer seiner Freunde kommentierte den Post mit dem Zitat: «Religion ist eine Beleidigung der menschlichen Würde. Mit ihr oder ohne sie gäbe es gute Menschen, die gute Dinge tun, und böse Menschen, die böse Dinge tun. Aber wenn gute Menschen Böses tun – dafür braucht man Religion.»

Das Cover von Clark Henleys «The Butch Manual: The Current Drag and How to Do It», 1982

Allen, die von einem «echten» Holzfällermännlichkeitsideal in der LGBTIQ-Szene träumen, sollten sich unbedingt Clark Henleys «The Butch Manual» von 1982 anschauen. Darin wird der «current drag» des «Gay Macho»-Clones schon vor Beginn der Aidskrise ironisch auseinandergenommen und ad absurdum geführt. Es lohnt, daran zu erinnern, dass es die Diskussion schon mal gab und dass schon damals gültige Antworten gefunden wurden.

Sie haben sich aber nicht bis zu allen rumgesprochen, wie’s scheint.

Kevin Clarke

Geschrieben von

Dr. Kevin Clarke hat in Berlin und Mailand Musikwissenschaft sowie Literaturgeschichte studiert. Er spezialisierte sich früh auf LGBTIQ-Themen im Kulturbereich. 2007 veröffentlichte er das Buch «Glitter and be Gay: Die authentische Operette und ihre schwulen Verehrer», ab 2010 kuratierte er im Schwulen Museum verschiedene Ausstellungen, u. a. «Porn That Way» und «Superqueeroes». Von ihm gibt es mehrere international erfolgreiche Bücher, z. B. «Beards: An Unshaved History» und eine Biografie von Charles Leslie («The Art of Looking»). Clarke lebt mit seiner Familie in Berlin. Er unterrichtet an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland.

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