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Yavuz Kurtulmus ist Queero-Gewinner 2021 für Österreich

2009 gründete er den in Wien ansässigen Verein MiGaY

Yavuz Kurtulmus
Foto: Zoe Opratko

Yavuz Kurtulmus hat das 2. Queeros-Voting in Österreich für sich entschieden (MANNSCHAFT berichtete). Ihn stellen wir nun nach dem Deutschland-Gewinner vor, den CSD Magdeburg.

Seit dem Beginn der Corona-Pandemiezeit ist es oft Schwerarbeit in der Kunst- und Kulturbranche existenziell als Künstler*innen mit ihren Kunstprojekten zu (über-)leben. Umso mehr ist Yavuz Kurtulmus besonders erfreut, mit dem Preis für den Queeros 2021 wieder öffentliche Anerkennung und Lob für sich und seine queeren Filmfestivalprojekte zu bekommen. Schliesslich habe er als Künstler, Kurator, Filmemacher und Leiter von Österreichs einzigem queeren Filmhappening mit dem Fokus auf Gender Diversity und queere Migration, trotz des Lockdowns ehrenamtlich weitergearbeitet.

Es sei eines seiner schwierigsten Planungsphasen gewesen, auch wenn er für seine beiden Filmfestivalprojekte, das Transition Queer Minorities Filmfestival sowie das Porn-Filmfestival finanzielle Fördermittel von der Kulturabteilung der Stadt Wien und vom österreichischen Bundesministerium für Kunst und Kultur erhalten hat. Aber diese Planungsphase sei für den Künstler und Festivalleiter enorm herausfordernd gewesen. So musste er im ersten Jahr der Corona Pandemie das Programm zur Gänze neu konzipieren, um es online umzusetzen. Auch beim Umgang mit den COVID19-Gesundheitsschutzmassnahmen habe er dabei eine Menge daraus gelernt, sagt der Künstler.

Es geht immer irgendwie weiter.

Im zweiten Jahr dieser Pandemiezeit organisierte er schliesslich mehr Hybridveranstaltungen, die teils online zu sehen waren. «Es geht immer irgendwie weiter, und es findet sich immer ein Weg, um das erwünschte Ziel zu erreichen», sagt er. Jedoch in der politischen Kulturarbeit in Österreich sei es immer noch schwierig als Künstler*in finanzielle Fördermittel zu bekommen. Was die queere Kulturarbeit betreffe, habe sich politisch in den letzten Jahren schon etwas getan in Österreich. Dennoch fehle es dafür in den politischen Reihen noch mehr konkrete Umsetzung, um queere Kulturarbeit besser zu fördern und queere Minderheiten stärker sichtbarer zu repräsentieren.


Gelegentlich gebe es bei Yavuz Kurtulmus auch eine Phase, um sich zurückzuziehen, in eine der hintersten Kinoreihen, um sich zu entspannen und sich die Frage zu stellen, ob und wie er es weitermache und wie sinnvoll ein neuer Filmfestival sei. Schliesslich bedarf es viel Motivation und Qualitätsarbeit, wie auch sein Wissen und berufliche Erfahrungen im Bereich des Marketings, was er von seinen früheren Arbeiten in der Versicherungsbranche erworben hat.

Yavuz Kurtulmus wurde im Jahr 1980 in der Türkei geboren. Sein Vater hat eine Arbeit in Österreich bekommen, während seine Mutter anfangs zwischen den beiden Ländern Österreich und Türkei hin und her gependelt ist. Schliesslich ist Kurtulmus als typisches Gastarbeiterkind im Alter von sieben Jahren mit seinen Eltern und vier Geschwistern nach Österreich gezogen. Nach der Hauptschule hat er eine Lehre als Versicherungs- und Bürokaufmann in einer privaten Berufsschule für Versicherungsleute in Wien erfolgreich absolviert. Etwas mehr als ein Jahrzehnt hat er als gelernter Versicherungskaufmann in der Branche der Unfall- und Lebensversicherungen gearbeitet, was ihn zum Glück gut finanziell gefestigt hat, sagt er. Jedoch als künstlerischer Leiter des Porn Filmfestivals Vienna und des Transition Queer Minorities Filmfestivals arbeitet er weiterhin ehrenamtlich als politischer queerer Aktivist.

Sein erstes Coming-out hatte der homosexuelle muslimische Künstler Yavuz Kurtulmus mit etwa 21 Jahren, vor knapp 20 Jahren. Männer haben ihn schon immer sehr fasziniert, er fühlt sich von ihnen sexuell angezogen, sagt er. Schliesslich sei er begeistert von romantischen Hochzeiten im sogenannten Kitsch-Flair und habe bereits fünf Jahre mit einem Mann in einer Eingetragenen Partnerschaft gelebt. Auch seine Familie, Eltern wie Geschwister, akzeptieren ihn mit seiner homosexuellen Identität. Inzwischen lebt er seit über einem Jahr mit seiner neuen Liebe, ebenfalls ein gebürtiger Türke, zusammen. Jedoch wenn er mit seinen schwarzen Haaren heute noch, nach 33 Jahren Leben und Aufwachsen in Wien, in manche Wiener Szenelokale reingehen will, habe er nicht als Homosexueller Probleme, sondern weil er Türke ist. Jedoch mit seinen kulturellen Filmprojekten konnte er politisch schon viel in der Gesellschaft bewegen. Er lebe nach dem Motto, seinen eigenen Weg zu gehen, dafür brauche er auch keine Vorbilder, sagt er.


Im Jahr 2009 gründete er den in Wien ansässigen Verein MiGaY, der auf queere Menschen mit migrantischem Hintergrund verschiedener Nationalitäten aufmerksam macht. Dadurch hat er angestrebt, Gleichgesinnte zusammenzubringen, um diese als queere, migrantische Menschen nicht alleine zu lassen. Er macht dort Aufklärungsarbeit und leitet verschiedene themenspezifische Workshops. Aus dem entstandenen Netzwerk des Vereins MiGaY entwickelte er das sogenannte Transition International Queer and Minorities Filmfestival, das als erste europäische Filmveranstaltung ihren Themenschwerpunkt auf Sexualität und Diversität von Randgruppen unterschiedlicher nationaler Herkunft fokussiert.

Der künstlerische Festivalleiter arbeitet gerne mit den Menschen in nationalen und internationalen Netzwerken zusammen. Auf sein queeres Projekt, Transition International Queer and Minorities Filmfestival, sei er besonders stolz, weil es europaweit das erste Filmfestival von und für queere Minderheiten ist. Dieses Jahr findet es anlässlich des zehnjährigen Jahresjubiläums in weiteren queeren Filmfestivalstationen quer durch Europa statt. Dafür gelte sein queeres Filmfestivalprojekt als Vorzeigebeispiel. Er kuratierte Filmprogramme, die in verschiedenen europäischen Städten wie in Oslo, Amsterdam und Budapest gezeigt wurden und kooperiert bei seinem ersten Filmfestival mit der Stadt Berlin. Dabei habe er Kooperationsveranstaltungen mit dem Teddy Award der Berlinale, mit dem Oslo/Fusion-Festival und mit dem Wien-Museum gefördert, sagt Jasmin Hagendorfer, die den Festivalleiter Yazuz Kurtulmus für die Queeros 2021 nominiert hat. Schliesslich habe er zahlreiche internationale Filmveranstaltungen und Vorführungen organisiert und hält Vorträge und Workshops über queeren muslimischen Aktivismus.

Yavuz Kurtulmus
Foto: Yavuz Kurtulmus

Acht Jahre nach der Premiere seines ersten queeren Filmfestivals, im Jahr 2018, gründete er in Wien sein zweites Festival, das Porn-Filmfestival mit feministischem Schwerpunkt zum Thema Gender und Sexismus. Sich feministisch, also für Frauenrechte und Gleichberechtigung in der Gesellschaftskultur einzusetzen, darüber Bewusstseinsbildung zu schaffen, sei dem Künstler wichtig. Da er selbst nicht alle diese Themen inhaltlich gleich gut abdecken kann, sei er über die Zusammenarbeit mit der Mitgründerin des Festivals Jasmin Hagendorfer erfreut, um genderqueere Theorie, Kunst und Pornografie besser feministisch zusammenzuführen, sagt der 42-jährige Festivalleiter. Dennoch müsse er sich bei der Organisation des Porn-Filmfestivals in Wien oft erklären, warum ein schwuler muslimischer türkischer Künstler ein Porn-Filmfestival veranstaltet. Daher sei es wichtig, weiterhin Aufklärungsarbeit zu machen, um das Pornofilmschauen in Österreich zu enttabuisieren.

In die Türkei reist Yazuz Kurtulmus auch gerne regelmässig, um seine dort lebenden Verwandten zu besuchen, aber auch um für seine Filmprojekte ein politisches Netzwerk aufzubauen, sagt er. Trotz der aktuellen schwierigen politischen Situation als Homosexueller in der Türkei offen gleichberechtigt akzeptiert zu sein, verheimlicht er seine Homosexualität auch dort nicht. In Kooperation mit anderen queeren jungen Künstler*innen plant er für Mai auch in Istanbul, sein Porn-Filmfestival aufzuführen. Aus rechtlicher Sicht sei jedoch einiges noch zu klären, damit das Projekt als Kunst-, statt als Pornoprojekt, beschlossen werde, da in der Türkei dafür sonst ein Gefängnisaufenthalt von bis zu drei Jahren bedeutet, was er natürlich vermeiden möchte.

Auch mit anderen Filmfestivals in Wien wie zum Beispiel mit den Betreiber*innen der Filmfestivals FrauenFilmTage und Humanrights arbeitet er regelmässig zusammen. Dabei forciert er seine guten Kooperationen und tauscht sich gerne untereinander österreichweit aus.

Aktuell bereitet er sich auf die bevorstehende Fünf-Jahres-Feier des Porn-Filmfestivals vom 20. bis 24. April in Wien vor und orientiert sich konkret auf Netzwerke zwischen queeren und muslimischen Gruppen und Konferenzen. Schliesslich sei es wichtig, queere Minderheiten in der Kulturarbeit weiter zu stärken und sich interkulturell sowie intergeschlechtlich auszutauschen und zu respektieren, so Kurtulmus.


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