in

«Sleep-Over. Take-Over»: Eine schwule Lovestory mit 11-Jährigen?

Simon James Green beschreibt in seinen neuen Roman erstmals die Gefühlswelten zwischen präpubertären Jungs

«Sleep-Over. Take-Over»
Simon James Greens Roman «Sleep-Over. Take-Over» spielt auf einer 11. Geburtstagsparty (Symbolfoto: Jon Tyson / Unsplash)

Auf dem englischsprachigen Markt kann man seit Jahren einen Boom im Bereich Young-Adult-Romane mit LGBTIQ-Schwerpunkt erleben (MANNSCHAFT berichtete). Oftmals werden die Titel von grossen Verlagen einer sehr breiten jungen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Als Hilfe beim Coming-out und beim Navigieren von Schulalltag und Selbstfindung.

Dabei wird ein bemerkenswertes Spektrum an Themen angesprochen, die weit über erste Liebes- und Sexerfahrungen hinausgehen. Es werden Depression und Einsamkeit behandelt, rassistische Ausgrenzung oder Probleme mit strenger Religiosität in der Familie usw.. Die geradezu explodierende Zahl von stets neuen Titeln in dem Segment deutet darauf hin, dass es für solche YA-Bücher eine substantielle Leser*innenschaft gibt. Die nur deutsche Verlage – besonders auch jene im Schulbuchbereich – noch nicht so recht für sich entdeckt haben. Über das Warum, lohnt es nachzudenken.

Einer der erfolgreichsten und quasi non-stop schreibenden Autoren auf dem YA-Markt ist der Brite Simon James Green. Nach etlichen auch für Erwachsene höchst unterhaltsamen Titeln wie «Heartbreak Boys», «Alex in Wonderland» oder (besonders empfehlenswert) «You’re the One That I Want», hat Green jetzt etwas Neues ausprobiert. Das aufmerken lässt.

«Sleep-Over. Take-Over»
Der neue Roman «Sleep-Over. Take-Over» von Simon James Green (Foto: Scholastic)

Vertrautheit, Freundschaft & Eifersucht
Denn während in seinen bisherigen Büchern die Protagonist*innen immer zwischen 16 und 19 waren, also um die Grenze zur Volljährigkeit und stark von sexueller Neugierde getrieben, ist Otis in Greens neuestem Roman «Sleep-Over. Take-Over» ein 11-jähriger Junge, der sich auf der Geburtstagsparty eines anderen 11-Jährigen mit seinen Gefühlen für seinen besten Freund Jagger (ebenfalls 11) auseinandersetzen muss. Und versucht zu verstehen, was genau seine Vertrautheit, Freundschaft und Eifersucht mit bzw. für Jagger bedeuten. Und wie das Geburtstagskind Rocco dazwischen passt, zu dem Otis ebenfalls während einer Übernachtungsparty zum Geburtstag unverhoffte Emotionen entdeckt.


Während Tim Federle vor Jahren im YA-Roman «Better Nate Than Ever» die Geschichte des 13-jährigen Nate erzählte, der musicalbegeistert ist und immerzu gefragt wird, ob er «schwul» sei – worauf er antwortet, dass er dies mit 13 noch nicht wisse und sich das Recht herausnehme, das noch für sich selbst herauszufinden (wobei er in inneren Monologen durchaus zugibt, dass er «sehr wahrscheinlich schwul» sei und sexuelle Gefühle für mehrere Männer und Jungs in seinem Umfeld verspüre) –, kommt bei Green in «Sleep-Over. Take-Over» absolut nichts Sexuelles vor. Als wüssten Otis, Rocco und Jagger noch nicht, was Sexualität sei.

Tim Federles Roman «Better Nate Than Ever» über einen musicalbegeisterten Teenager, der nach New York aufbricht

In einem Instagram-Kommentar sagte Green, er hoffe, er habe «gerade genug» Sex reingepackt, um eine «Ahnung» davon zu vermitteln, was «einigen dieser Jungs bevorsteht, wenn sie ein bisschen älter sein werden». Er habe sich bemüht «nicht-stereotype Jungs» zu zeigen, die das erlebten, was man «den ersten Anflug einer Verliebtheit» nennen würde. (Mit «nicht-stereotyp» sind hier Jungs gemeint, die nicht dem heteronormativen Männlichkeitsideal im Schulkontext entsprechen.)

Slapstick-Momente
Dieser erste Anflug ist im Gegensatz zu «Better Nate Than Ever» nichts, was Otis & Co. in Worte fassen können. Auch nicht in innere Monologe. So dass das Buch sich wie eine lange Folge von recht durchgeknallten Slapstick-Momenten liest, an denen vielleicht Pre-Teen-LGBTIQ-Leser*innen Freunde haben werden.


Dass diese als Zielgruppe von einem so grossen Schulbuchverlag wie Scholastic ins Visier genommen werden, im englischsprachigen Bereich, ist bemerkenswert. Derweil ist «Better Nate Than Ever» bei Disney in Produktion für eine Verfilmung mit Joshua Bassett (aus «High School Musical: The Musical: The Series» bekannt) und mit Lisa Kudrow als verständnisvoller Tante, die einen attraktiven schwulen Mitbewohner hat, der Nate vor Augen führt, wie sein künftiges LGBTIQ-Leben einmal aussehen könnte.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Joshua Bassett (@joshuatbassett)

Die Frage nach dem ersten sexuellen Erwachen bei Pre-Teens hat bisher eigentlich nur die US-Serie «The Fosters» ausführlich und nuanciert behandelt am Beispiel des jungen Jude (gespielt von Hayden Byerly), der sich in seinen Mitschüler Connor (gespielt von Gavin MacIntosh) verliebt. Und damit seine eigenen Adoptiveltern – die Polizistin Stef und Schulleiterin Lena (gespielt von Teri Polo und Christin Marquitan) – als auch Connors Eltern entsetzt. Die dann im Laufe der Serie ziemlich unterschiedlich damit umgehen, dass die Jungs auch körperlich ausprobieren wollen, wie sich eine entsprechende Beziehung anfühlen könnte.

Vorwurf der Frühsexualisierung
Natürlich ist man bei dieser Thematik schnell bei Aspekten, die in der Gesellschaft stark umstritten sind: von Pädophilie bis zum Vorwurf der Frühsexualisierung. Weswegen viele Autor*innen und Filmemacher*innen lieber die Finger davonlassen. Weswegen sich auch Simon James Green scheinbar entschieden hat, Sex in «Sleep-Over. Take-Over» gerade einmal andeutungsweise – als Ahnung des Kommenden – einfliessen zu lassen.

Das ändert nichts daran, dass dies eine wichtige Diskussion ist. Von der wünschenswert wäre, dass sie auch irgendwann auf dem deutschsprachigen Büchermarkt ankommen würde. Wo immerhin einige Einzeltitel von Simon James Green schon zu finden sind.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Simon James Green (@simonjamesgreen)

Während Disney «Better Nate Than Ever» aktuell filmisch weiterverwertet, ist bei Disney+ neuerdings «The Fosters» mit allen fünf Staffel zu finden. Eine Serie, die nicht nur wegen Jude und Connor bzw. Lena und Stef ein LGBTIQ-Meilenstein ist. Sondern dank Peter Paige und Brad Bredeweg als Ideengebern durchweg queere Themen beleuchtet, die andere Familienserien eher weglassen (MANNSCHAFT berichtete).

Derweil bekommt die von Tim Federle entwickelte Disney-Serie «High School Musical: The Musical: The Series» 2022 eine dritten Staffel – mit Joshua Bassett, der sich in der Zwischenzeit geoutet hat und genau wie Nate für sich das Recht einfordert, seine Sexualität erst noch erkunden zu wollen, ohne gleich in Schubladen gesteckt zu werden.

YouTube video


Irak

Frankfurt: Ein «Safe House» für queere Geflüchtete

Betty White

100 Jahre Betty White – «Thank you for being a friend»