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Mehr Community für junge Queers in der Schweiz

Der Verein sozialwerk.LGBT+ bietet Unterstützung an – benötigt sie aber auch selbst

Jugendzentrumn für Queers
Das Jugendzentrum für junge Queers in Chur (Foto: zvg)

Im queeren Jugendzentrum in Chur stehen die ausgebildeten Mitarbeiter*innen jungen LGBTIQ Menschen zur Seite in den unterschiedlichsten Situationen und Phasen. Der Bedarf ist gross, das Schweizer Angebot mancherorts jedoch zu klein.

Gian ist 15 Jahre alt. Er lebt im Grossraum Chur im Bündnerland. Mit 12 Jahren merkte er, dass bei ihm etwas anders ist als bei seinen Klassenkamerad*innen. Doch es dauerte noch einige Zeit, bis Gian verstand, was mit ihm los ist. Gian ist bisexuell. In seinem Dorf kennt er niemanden, mit dem er drüber reden kann. Also macht Gian sich auf, im Internet, auf Instagram und Co. nach Menschen zu suchen, die genauso fühlen wir er. Aber Menschen in seinem Alter findet Gian kaum. Gibt es für Gian keinen Ort, an dem sich junge queere Menschen treffen? Gian fühlt sich einsam – alleine!

Für Holger Niggemann eine typische Geschichte. «Viele Jugendliche, die das erste Mal zu uns kommen, erzählen, dass sie sich vorher allein gefühlt haben.» Holger ist Leiter des treff.LGBT+ queeres Jugendzentrum Chur – und dem ersten professionell begleiteten queeren Jugendangebot der Schweiz (MANNSCHAFT berichtete). Elia Deplazes, «Viktoriya Schiefer und Holger Niggemann stehen den Jugendlichen als professionelle Jugendarbeiter*innen zu Seite. Sie begleiten sie bei Themen wie Coming-out, erste Liebe, etc.. Viele Jugendliche, die zu uns kommen, haben entweder bereits Demütigung-, Aggressions- und/oder Gewalterfahrungen erlebt, oder erfahren diese aktuell und oft sogar seit einer langen Zeit».

«Unabhängig davon, wo, von wem und auf welche Weise Jugendliche solch einem toxischen Verhalten ausgeliefert sind, sehen wir es als unsere primäre Pflicht, junge Menschen in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken, neue Räume für ihre persönliche Entwicklung zu eröffnen und ihnen einen Ort bieten, wo sie einfach sein können.» Daher seien die jungen Leute oft sehr dankbar, dass sie im Zentrum einfach sein können, wer sie sein wollen. Ob schwul, bi, lesbisch, trans, non-binär, questioning, ace oder hetero – alle Jugendliche sind willkommen.


Im Januar 2021 eröffnete der Verein sozialwerk.LGBT+ das erste professionell begleitete queere Jugendangebot der Schweiz. Während der Öffnungszeiten ist immer ein Ansprechpartner für die Jugendlichen anwesend. Holger Niggemann hat soziale Arbeit studiert, Viktoriya Schiefer ist Quereinsteigerin mit gestalterischem Hintergrund und persönlichem Interesse zu queerem Kontext und Elia Deplazes ist in der Ausbildung zur Sozialbegleiter*in. Das einzige queere Jugendzentrum der Schweiz öffnet aktuell zweimal pro Woche die Türen – mittwochs 16-19 Uhr und samstags 16-21 Uhr.

«Mittlerweile werden wir fast schon überlaufen. Dabei ist der Grossteil unserer Besucher*innen minderjährig,» erzählt Elia Deplazes. «Aktuell stehen wir mit ca. 50 Jugendlichen in regelmässigem Kontakt. Neben den klassischen Jugendthemen sind Coming-outs, die möglichen Reaktionen der Eltern und Kolleg*innen, erste Dates und der gesellschaftliche Ausschluss, ein grosses Thema. Junge Queers fühlen sich in der Schule nicht repräsentiert, in Jugendräumen unsichtbar oder als Sonderlinge und nicht willkommen. Öffentlich sichtbare queere Jugendliche machen schneller Gewalterfahrungen – von Beleidigung über sexuelle Belästigung bis zur körperlichen Gewalt.»

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Die Mitarbeiter*innen des Vereins sammeln Infomaterial für ihre Queers (Foto:zvg)

«Regenbogen steht für bunt und divers und er ist schön, stimmt ihr mir zu?! Doch das Bunte scheint nicht jedem Menschen zu gefallen. Deutliche Hinweise auf Diversität des menschlichen Miteinanderseins, particularly durch LGBTIQ Kultur, kann manch starre Bilder und Vorstellungen erschüttern und Angst verursachen», ergänzt Viktoriya Schiefer. «Es ist keine einfache Aufgabe für uns, einen Dialog mit den Jugendlichen zu führen, warum z. B. so eine grosse Toleranz für Pro-Cannabis Aufkleber in unserer Gesellschaft herrscht, während die Regenbogensymbolik teilweise aggressiv und vehement abgelehnt wird».


Cyril, 14 Jahre und Transmann, fühlt sich im Jugendraum seines Dorfes unwohl. Viele in seinem Dorf nennen ihn noch bei seinem weiblichen Geburtsnamen. Auch im treff.LGBT+ hat er sich daher zuerst noch als junge Frau vorgestellt. «Bei uns wird eine jugendliche Person so genannt, wie sie genannt werden will. Die Jugendlichen bestimmen die Themen. Wir verstehen uns als Wissensvermittlung. Gibt es Fragen zu medizinischen oder rechtlichen Aspekten, holen wir die Informationen in unseren Netzwerken ein und geben diese an die Jugendlichen weiter,» erklärt Holger Niggemann. «Als Jugendarbeitende ist uns der individuelle Mensch wichtig mit seinen Lebensbewältigungsaufgaben. Daher legen wir viel Wert darauf, wie sich ein Mensch selbst definiert und was seine Identität ist. Egal ob trans oder cis, hetero oder homo.» Im treff.LGBT+ queeres Jugendzentrum Chur ist jeder junge Mensch bis 27 Jahre willkommen.

«Viele junge Queers verlassen den Kanton und ziehen in Städte, welche eine grössere Community bieten. Sie hoffen dort besser geschützt zu sein. So verliert Graubünden jedoch seine queeren Menschen, welche hier eine Community aufbauen könnten,» meint Vorstand Gianni Rust vom sozialwerk.LGBT+, dem Trägerverein des treff.LGBT+ queeres Jugendzentrum Chur. «Unser Verein ist auf Spenden angewiesen, damit wir den treff.LGBT+ und unsere offene Kinder- & Jugendarbeit mit dem Schwerpunkt LGBTIQ finanzieren können,» erklärt der Sozialpädagoge i.A. weiter. «Bisher erhalten wir leider keine Dauerförderung vom Kanton oder der Stadt Chur.»

Der Verein hat sich daher das Ziel gesetzt, innerhalb von drei Jahren die Öffentlichkeit von der Förderwürdigkeit des treff.LGBT+ zu überzeugen. «Als gemeinnütziger Verein stecken wir gerade jeden Rappen in dieses Projekt, denn die Jugend ist unsere Zukunft! Und diese Jugendlichen sind die Zukunft eines ganzen Kantons. Es wäre schade, wenn Graubünden queere Generationen an die LGBTIQ-freundlicheren Ballungszentren verlieren würde,» so Gianni Rust weiter. «Offene Kinder- und Jugendarbeit mit LGBTIQ Schwerpunkt ist jedoch nur einer unserer Schwerpunkte.» Neben dem Jugendangebot unterhält das sozialwerk.LGBT+ verschiedene Austauschangebote in Buchs SG und Chur GR, engagiert sich stark für queere Sichtbarkeit an Aktionstagen.

Die Jugendlichen finden hier nicht nur einen Rückzugsort, sondern auch Antworten (Foto: zvg)

«Die Community-Nachfrage in Graubünden und der Ostschweiz ist gross», sagt Gianni Rust, «doch nur wenige trauen sich dann auch wirklich in die Öffentlichkeit. Zu gross ist die Sorge, dass man erkannt werden könnte – Angst vor Repressionen.» Daher arbeitet das sozialwerk.LGBT+ daran, einen Raum für queeres Leben im St. Galler Rheintal zu ermöglichen. «Die Region Liechtenstein, das St. Galler Rheintal, Region Werdenberg und Teile des Toggenburg sind, was Beratungs- und Communityangebote angeht, unterversorgt. Mit einem queeren Raum in der Region Werdenberg/Sargans könnte diese Lücke geschlossen werden», ist sich Cécile Weber, Vorstand sozialwerk.LGBT+, sicher.


Über sozialwerk.LGBT+

Der Verein setzt sich für die Belange von LGBTIQA+ Menschen, ihren Angehörigen und Freunden in der gesamten Ostschweiz ein. Insbesondere bietet das sozialwerk.LGBT+ mit dem neuen treff.LGBT+ professionelle Beratungs-, Bildungs-, Vernetzungs-, Kommunikations- und Kulturangebote speziell für queere Jugendliche an. Der Verein setzt sich für Chancengleichheit des queeren Lebens in allen Belangen ein und strebt die Zusammenarbeit mit anderen gleichgerichteten Organisationen an.

Mehr Informationen finden Sie unter www.sozialwerk.lgbt. Medienanfragen bitte an Björn Niggemann, Vorstand sozialwerk.LGBT+, bjoern@sozialwerk.lgbt, 076 434 46 55



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