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Ist dem THW sein Ruf wichtiger als der Kampf gegen Homophobie?

Ein 30-Jähriger, der auch LGBTIQ-Beauftragter bei der Höhensicherung Nordhessen ist, wurde entlassen

THW
Fabian P. klagt über homofeindliches Mobbing beim THW (Foto: THW)

Er engagiert sich in seiner Freizeit u.a. beim Technischen Hilfswerk (THW): Doch Fabian P. beklagte dort Vorfälle von homofeindlichem Mobbing. Nun wurde er entlassen. Der 30-Jährige versteht die Welt nicht mehr.

Fabian P. ist 30 Jahre alt, offen schwul, verlobt. Er lebt mit seinem Partner in Neu-Eichenberg, einer kleinen Gemeinde im östlichen Nordhessen (Werra Meißner Kreis), und ist selbständig als Software-Entwickler und Webdesigner tätig, u.a. betreibt auch eine Tankstelle. Nebenbei engagiert sich Fabian noch ehrenamtlich beim Technischen Hilfswerk Witzenhausen. «Ich liebe, was ich tue», sagt er über sein Ehrenamt. So ist er Unterführer beim THW in Witzenhausen, Oberfeuerwehrmann bei der Feuerwehr in Neu-Eichenberg und Vizepräsident, sowie LGBTIQ- und Antidiskriminierungsbeauftragter bei der Höhensicherung Nordhessen. Fabian setzt sich privat für andere ein, wo er kann, und ist ehrenamtlich sehr aktiv.

Doch von der früheren Begeisterung ist nicht mehr viel übrig, da er seit einiger Zeit u.a. homofeindlichen Angriffen, im THW ausgesetzt ist, von denen er sagt: «Sie haben für mich Dimensionen angenommen, die nicht mehr händelbar sind», sagt Fabian P. im Gespräch mit MANNSCHAFT: Mehr noch: «Diese Behörde kostet mich Freude am Leben und Mut zu kämpfen.»

Nach und nach haben ihn sogar Freunde und Wegbegleiter fallen gelassen, die anfangs sogar noch Unterstützung zugesichert hatten. Er versteht das auch, denn: «Es ist eine harte Zeit gewesen und man kämpft stehts gegen Windmühlen.» Nur ist er jetzt mehr oder weniger allein. Immerhin, da ist noch sein Mann Johannes, auch er ist beim THW.


Es begann alles im Frühjahr 2021. In seinem Ortsverband bemerkte er wiederholt Missstände, teils homophober Natur, gepaart mit persönlichen Angriffen; aber auch explizite, unangemessenen Aussagen des Ortsbeauftragten Andre G. gegenüber einem 16-jährigen Mädchen in einem WhatsApp-Chat. Fabian ist selbst Missbrauchsopfer. Er konnte nicht anders, sagt er, als diese Vorfälle zu melden.


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Andre G. fragte die Minderjährige, die damals mit einem anderen Mitglied des Ortsverbandes liiert war, in dem Chat zunächst: «Liest jemand mit?», «Kann ich dir etwas sagen, was unter uns bleibt?» und dann: «Hast du es dir schonmal selbst gemacht…?» Es geht um Selbstbefriedigung.


Das Mädchen tätigte bei der Polizei eine Aussage. Die Sache wurde aber nicht weiterverfolgt, weil es nach aktueller Rechtsprechung, sich nicht um sexuelle Belästigung Minderjähriger gehandelt habe, wie anfangs die Anzeige aber erstattet wurde. Mit 16 gilt das Mädchen nicht mehr als minderjährig. Das THW sagt, es sei daher «nicht justiziabel» und daher «konnten die Vorwürfe entkräftet werden».

Fabian sagt: «Mag sein, dass diese Sache nicht justiziabel ist, aber egal aus welchem Winkel, gehört sich ein solches Verhalten nicht für einen Ortsbeauftragten, sowie für andere im THW und widerstrebt auch dem Kinderschutzkonzept.» Mit diesem Konzept will das THW ausdrücklich sicherstellen, dass Kinder und Jugendliche von 6 bis 17 Jahren sicher und geschützt sind.

Als man im Ortsverband Wind von der Sache bekam, kam es plötzlich zu immer stärkeren Angriffen gegen Fabian und seine damaligen Wegbegleiter. Der Ortsbeauftragte und einzelne andere setzten, so beschreibt es Fabian, alle Wege und Mittel in Bewegung, ihn zu kompromittieren.

Da kommt die neue Popofreundin von Fabian!

Seit März 2021 meldet er regelmässig schwere Angriffe und Missstände in der Hoffnung auf Unterstützung. «Das THW bestärkte mich darin, die Missstände zu melden – und zu verschriftlichen», sagt er heute. «Dabei unterstützten mich eine Vielzahl von Helfern und Kameraden, da diese Dinge auch bereits vielen anderen aufgefallen waren, nach und nach lichteten sich dann aber die Reihen, weil es ihnen zu heiss wurde.» Thomas K., Zugführer beim THW Ortsverband Witzenhausen, hat eine ausführliche, polizeiliche Zeugenaussage abgegeben, die MANNSCHAFT vorliegt. Demnach wurde er im Ortsverband als «neue Popofreundin von Fabian» verunglimpft.

Monatelang sei von Seiten des THW allerdings nicht viel passiert. Dann kam ein Einsatz der Feuerwehr am 22. August 2021, in Hebenshausen. Fabian wurde dort von THW-Kameraden bespuckt und homophob beleidigt. «Solche Kameradenschweine brauchen wir hier nicht» und «Schwuchtel!» bekam er zu hören, was sein Mann Johannes auch mitbekam. Noch dazu gab es homophobe Angriffe und Aussagen in der THW-Umkleide, «weit unter der Gürtellinie», sagt Fabian. Diese Vorfälle setzten dem 30-Jährigen so zu, dass ihn ein Arzt für dienstuntauglich erklärte. Seine Kameraden der Feuerwehr standen Fabian bei. Auch einen Eintrag im Einsatztagebuch, gab es zu dem Vorfall. Später sagte das THW aber dazu nur «der Sachverhalt ist nicht aufklärbar und nicht nachvollziehbar».

Der Vorfall spricht sich herum, und endlich reagiert das THW, erstmals seit März 2021. Aber anders, als Fabian es erwartet hätte. Der Referendarleiter des Landesverbandes Jörg Eger erklärte, er müssen «als Vertreter der Bundesanstalt dafür sorgen, dass der Laden sauber bleibt und nicht der Eindruck entsteht, dass der Ruf beschädigt wird, weil sich Kameraden gegenseitig angreifen». Man wolle den Eindruck vermeiden, «dass wir hier schräg unterwegs wären», man wolle das «gute Einvernehmen» mit den Feuerwehren nicht gefährden.

Eger soll Fabian gegenüber gesagt haben: «Warum sind Sie noch im THW, wenn Sie hier nicht gewünscht sind und angegangen werden?» Man liess ihn wissen: «Nur weil Sie schwul sind, haben Sie keine Rechte .. äh.. Entschuldigung, Sonderrechte». An diesen Wortlaut erinnert sich Daniela M., eine Freundin und Wegbegleiterin von Fabian P. Sie war als Zeugin bei den Gesprächen vor Ort mit dabei. Dort habe man ihm auch vorgeworfen, er sei bloss auf Führungspositionen aus.

«Fabian wird nicht ernst genommen und wurde nicht nur in dem Einsatz angegriffen. Ich selbst habe mitbekommen, wie man mit ihm und der Sache umgeht. Das da nichts passiert und man den Ortsbeauftragten im Amt lässt und Fabian aber rausschmeissen will, zeigt doch wie verdreht die Organisation handelt», erklärt Daniela M. gegenüber MANNSCHAFT.

Fabian versteht die Welt nicht mehr. Der Ruf des THW wird höher und wichtiger bewertet als die Tatsache, dass er als ehrenamtlicher Helfer angegriffen wurde und sich schweren homophoben Angriffen in einer Bundesbehörde ausgesetzt sieht.

«Ich bin fassungslos, dass mein Engagement und meine Mithilfe jetzt mit Füssen getreten werden. Ich kann nicht mehr. Ich bin der Meinung, dass in einer Bundesanstalt wie dem THW, die sexuelle Gesinnung, das Recht aller und die Freiheit aller – an erster Stelle vor dem Ruf stehen sollte. Das THW hat einen Auftrag, den sie ja auch so nach aussen kommunizieren – nämlich: Dass es eine Einheit, eine Organisation und eine rechtschaffende und ehrliche Behörde ist!»

Das THW wurde am 22. August 1950 gegründet und ist seit 1953 eine nicht rechtsfähige Bundesanstalt des öffentlichen Rechts mit eigenem Verwaltungsunterbau. Die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk ist damit eine Bundesoberbehörde.

THW-Leitsatz: Wir bekennen uns zur Demokratie und dulden keine Diskriminierung.

Für das THW wurden Leitsätze formuliert, die jeden ehren- und hauptamtlichen Mitwirkenden in ihrem Verständnis, Verhalten und der Identifikation prägen sollen – so heisst es auf der Seite thw.de.
Drei dieser Leitsätze heissen: «Wir respektieren einander und verhalten uns vorbildlich; unsere Führungskräfte haben eine herausgehobene Verantwortung» und «Wir bekennen uns zur Demokratie und dulden keine Diskriminierung.» Und «Wir setzen uns für die Vielfalt unserer Gesellschaft auch im THW ein.»

Bei einem Gespräch, zu dem das THW geladen hatte, fühlte sich Fabian völlig in die Ecke gedrängt. Eger habe zwar erklärt, er sei gegen Homophobie und radikales Denken in der Behörde, doch er zweifelte laut Fabian dessen Schilderungen an.

In den zurückliegenden 18 Monaten hat sich eine riesige Akte bei Fabian angesammelt, mit den Versuchen der Klärung, mit Beweisen, Aussagen, Bildern. «Dass man beim THW auf den guten, feinen Ruf setzt, gibt mir das Gefühl, dass ich als Mensch nichts mehr wert bin.»

Fabian ist körperlich angeschlagen. Er leidet an einer schweren Nierenerkrankung, musste während den Angriffen eine Chemotherapie durchlaufen. «Dafür kann das THW nichts», sagt er, «aber es hilft mir nicht mehr dabei, gesund zu werden und zu bleiben.»

Der 30-Jährige hat wegen der Verhaltens des THW die Antidiskriminierungsstelle des Bundes verständigt. Dort teilte man ihm mit, er habe «möglicherweise Ansprüche auf Schadenersatz und Entschädigung».

Bürgermeister Jens Wilhelm hatte Fabian 1. September 2021 versichert, er setze sich dafür ein, dass so etwas nicht wieder passiert, und sicherte ihm Unterstützung des Gemeindevorstands zu. Doch Wilhelm ist mittlerweile nicht mehr im Amt.

Auch den offen schwulen Bundestagsabgeordneten Michael Roth (SPD) hat Fabian
angeschrieben; der hat den Landesverband dazu aufgerufen, sich um den Sachverhalt ordnungsgemäss zu kümmern und sich der schwerwiegenden Vorwürfe wie Homophobie und sexueller Belästigung Minderjähriger anzunehmen. Das THW antwortete im November 2021, man sehe «keinen Raum für Homophobie».

Am 11. August dieses Jahres erhielt Fabian, vom Landesbeauftragten, Marcus Hantsche, per Brief die Kündigung seiner Mitgliedschaft. Dies wurde begründet mit der Konfliktsituation im Ortsverband Witzenhausen, Fabian habe sich auf einzelne Führungskräfte «eingeschossen», heisst es u.a. in dem Brief. Aus dem Brief geht hervor, dass es für das THW nicht nachvollziehbar oder justiziabel sei, was da passiert ist und man daher, «im Rahmen der Verhältnismässigkeiten», sein Mitwirken im THW kündigen würde. Aber auch die Ansprache beim Bundestagsabgeordneten Roth gefiel dem THW offenbar nicht. Hantsche schreibt: «Er sehe ein Muster in diesem Verhalten» und zudem haben sich eine Vielzahl der Helfer, gegen das Mitwirken von Fabian, im THW ausgesprochen.

Fabian legte am 2. September Widerspruch ein. Sein juristischer Vertreter erklärte in seinem Brief an das THW, ein Mobbingopfer habe mehr als nur das Recht sich über jeden Angriff gegen sich zu beschweren. Es sei nicht mit dem Grundgesetz vereinbar, «ein Mobbingopfer deswegen auszuschliessen, weil es die Mehrheit nicht mehr mag bzw. diskriminiert».

Auch Fabians Mann Johannes wird seit den Vorfällen ebenfalls im THW ausgegrenzt und erhält, so wie auch andere Wegbegleiter von Fabian, keinerlei Informationen, wird nicht zu Dienstabenden eingeladen oder gar zu den Vorgängen befragt. Angehörige des THW nutzen den internen Messenger-Dienst Hermine. Hier sieht Johannes immer wieder, dass die Daumen der anderen nach oben, offenbar gab es Verabredungen oder Informationen, die Johannes nicht sehen sollte, so seine Vermutung. Er steht aber weiterhin hinter Fabian.


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Am 31. Oktober reagierte das THW und schickte einen Brief an den juristische Vertreter von Fabian. Darin gewährte man ihm Akteneinsicht – im über 200 km entfernten Mainz. Nachdem Fabians‘ rechtlicher Beistand Einspruch erhob, erklärte man sich Ende vergangener Woche bereit, die Akte ins nähere Homberg zu schicken. Inhaltlich ging man in dem Brief erneut nicht auf die Vorwürfe ein.

Auch MANNSCHAFT hat das THW kontaktiert. Der Pressesprecher des Landesverbandes Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland, Michael Walsdorf, teilte uns mit, man befinde sich gegenwärtig «in einem schwebenden Verfahren. Die zugehörigen Abwägungen/Bearbeitungen wurden noch nicht abschlägig durchgeführt.»

Man versichert uns aber, «dass wir die Vorwürfe von Herrn P. sehr ernst genommen haben». In den Schilderungen von Fabian P. selber klingt das ganz anders.


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