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«Eine Aktion wie #Actout wäre auch in der Schweiz nötig»

Der Schweizer Schauspieler Jan Hutter hätte sich in seiner Kindheit mehr schwule Vorbilder gewünscht.

Jan Hutter
Der Schweizer Schauspieler Jan Hutter lebt seit mehreren Jahren in Österreich. (Bild: Max Selim)

185 Schauspieler*innen setzten letzte Woche ein Zeichen für mehr LGBTIQ-Vielfalt in Film und Fernsehen. Der Schweizer Schauspieler Jan Hutter ist einer von ihnen.

Ein Aufschrei mit Signalwirkung: In Deutschland bekannten 185 Schauspieler*innen Farbe und outeten sich auf dem Cover des Magazins der Süddeutschen Zeitung als schwul, lesbisch, bisexuell, nicht-binär und trans (MANNSCHAFT berichtete). Mit dem Hashtag #ActOut fordern sie mehr Sichtbarkeit im deutschsprachigen Filmschaffen. Mit dabei sind auch vier Schweizer Schauspieler*innen, darunter Jan Hutter.

Der gebürtige Walliser studierte Schauspiel in Wien und wirkte in diversen Theater- und Musicalproduktionen mit. Sein Debüt auf der grossen Leinwand feierte er im Antikriegsfilm «Merry Christmas», 2014 folgte eine Rolle in der US-amerikanischen Fantasyserie «The Quest». Jan Hutter lebt in Wien und Saarbrücken, wo er seit der Spielzeit 2020/21 ein festes Ensemblemitglied am Saarländischen Staatstheater ist.


Jan, warst du vor der ActOut-Aktion schon geoutet?
Ich habe nie ein grosses Geheimnis daraus gemacht. Meist hatte ich Glück, aber ich habe auch erlebt, dass man mir unter der Hand gesagt hat, bei welchen Castingbüros, ich mein Schwulsein, besser für mich behalte.

Eine frühere Agentin von mir hat mich bei einem Setbesuch in Berlin mal dezidiert zur Seite genommen und meinte, sie würde mir davon abraten «die Sache» an die grosse Glocke zu hängen. Ich spielt damals jemanden, der potenziell als Mädchenschwarm gelten sollte.

Schauspielverband unterstützt queeres Manifest #Actout

 

Weshalb hast du bei der ActOut-Aktion mitgemacht?
Weil ich mich als junger Mensch gefreut hätte, Leute wie mich offen in den Medien repräsentiert zu sehen. Ich bin jetzt 36 – als ich Kind war, waren die einzigen Schwulen in den Medien entweder schwer gezeichnete HIV-Patienten oder Dirk Bach. Was nicht heisst, dass ich meinen queeren Vorfahren heute nicht sehr dankbar wäre! In der Vergangenheit wurde viel gekämpft und erreicht. Ich lebe heute besser als jene mutigen Menschen damals – eben gerade, weil sie für ihre Rechte auf die Strasse gegangen sind. Aber noch ist der Weg nicht zu Ende gegangen.


Welche Reaktionen auf das Massen-Coming-out haben dich erreicht?
Die Reaktionen sind überwältigend. Nicht nur aus der Schweiz – ich habe Interviewanfragen aus aus vielen Ecken der Welt bekommen, unter anderem aus China. Der Hollywood Reporter hat diese Woche über uns berichtet. Am meisten bedeuten mir aber die Facebook- und Instagram-Nachrichten von Fremden aus dem In- und Ausland – wildfremde LGBTIQ Menschen, jung und alt, die mir schreiben, wie viel ihnen unsere Aktion bedeutet. Auch aus Russland, dort wäre unsere Aktion ja auch heute noch zum Teil lebensgefährlich.

Diese Art von Zuspruch hilft auch gegen zynische Bemerkungen von Journalist*innen wie Sandra Kegel, die in der FAZ schreibt, dass die sinnbildlich geschlossen Türen, die wir in unserem Manifest beschreiben, doch «bereits sperrangelweit offen» seien. Solche Aussagen von Aussenstehenden machen mich ehrlich gesagt ratlos.

Jan Hutter
Jan Hutter freute sich besonders an den persönlichen Nachrichten, die er nach der #ActOut-Aktion in den sozialen Medien bekam. (Bild: Holger Kiefer)

Ist eine solche Aktion auch in der Schweizer Film- und Kunstlandschaft nötig?
Ja. Konservativ geschätzt identifizieren sich 10% der Schweizer*innen mit der LGBTIQ-Community. Wenn 10% der Filme, der Romane, der Werbung, etc. uns auf eine inklusive Art repräsentieren, dann vielleicht nicht mehr. Gerade die Schweizer Kulturlandschaft muss doch die gelebte Realität der Schweizer*innen widerspiegeln.

Unsere Community hat früh gelernt, sich anzupassen. Schrecklich eigentlich.

Du bist Walliser. Wie leicht fällt dir nach mehreren Jahren in Wien das österreichische Deutsch?
Ich war immer ein Sprach-Chamäleon. Im Wallis rede ich breites Wallisertitsch, in Luzern, wo ich das Gymnasium besucht habe, Innerschweizerdialekt, in Wien werde ich mittlerweile auch vom ORF als Wiener besetzt, und in Saarbrücken schimpfen mich meine Wiener Freund*innen dafür, dass ich mich so «deutsch» anhöre. Vielleicht ist auch das eine Eigenheit unserer queeren Community: Wir haben früh gelernt, uns anzupassen. Schrecklich eigentlich.

Wie fest bist du heute noch mit der Schweiz, beziehungsweise dem Wallis verbunden?
Die Schweiz fühlt sich tatsächlich immer mehr wie Urlaub, als wie Heimat an. Es ist lang her, dass ich hier gelebt habe. Ich habe liebe Menschen dort, die Berge sind wunderbar. Auf die CVP und die SVP könnte ich persöhnlich aber verzichten.


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