in

Ein solches Frauen- und Lesbenbild hat im «Tatort» nichts zu suchen

Unsere TV-Kritik zum Krimi aus Dortmund

Tatort
Foto: WDR/Zeitsprung pictures/Thomas Kost

War es Eifersucht, enttäuschte Liebe, Rache? Schon früh in der neuen WDR-«Tatort»-Episode aus Dortmund ist zu ahnen, dass der Mörder oder die Mörderin von starken Gefühlen getrieben gewesen sein muss. An dem Krimi gibt es nun heftige Kritik aus der LGBTIQ Community.

Getötet wurde der gut aussehende und auch sonst auf den ersten Blick beliebte und ehrgeizige Polizeihauptmeister Nicolas. Auf seiner Jogging-Runde wurde der 28 Jahre alte Mann in einem Park von einem Auto erfasst. Als er – vom ersten Aufprall offenbar gelähmt – davon kriechen will, wird er gnadenlos ein zweites Mal überfahren.

So weit, so blutig. Bei Twitter regt sich Kritik am Lesbenbild des ARD-Krimis.

Ahima Berlage schreibt, was aus ihrer Sicht am Sonntagabend-Krimi alles nicht stimmte:


Ja, es war schlimm, dieser Dortmunder Tatort am Sonntag. Ein Polizist wird getötet. Er war, so will es uns das angestaubte Drehbuch weismachen, ein Pick-Up-Artist (war das nicht ein Trend vor ein paar Jahren?). Er hat sich also zum Ziel gesetzt, möglichst viele Frauen für einen One-Night-Stand ins Bett zu kriegen. Gleichzeitig erwartet seine Freundin ihr erstes Kind. Ein Männerbild, dass der Höhle kaum entwachsen zu sein scheint. Aber damit nicht genug. Er hat auch alles gefilmt.

Und plötzlich sehen wir mit den Ermittelnden Videos mit Frauen, die in vorhergehenden Folgen dieses Dortmunder Tatortes als durchaus vernünftige berufstätige Frauen (z.B. die Pathologin) gezeigt wurden, als notgeile Frauen, die auf dumme Sprüche hereinfallen und im Bett eines mässig attraktiven Mannes aus den eigenen beruflichen Reihen landen. Wie platt seine Sprüche sind, erfahren Kommissar Faber und Kommissarin Böhnisch bei einem Undercover-Einsatz beim Pick-Up-Guru des ermordeten Polizisten, der von Beruf ausgerechnet Zahnarzt ist. Damit sind wir immer noch auf dem wenig vergnüglichen Level eines normalen Sonntags-Tatortes. Doch dann wird es unterirdisch.

Die Leiterin des Reviers, auf dem der Tote gearbeitet hat, ist bereits nach fünf Sendeminuten so unsympathisch und verdächtig, dass selbst ungeübte Zuschauende sie in Verdacht haben konnten. Sie ist eine böse Karrierefrau, die aus Egoismus ein Mädchen adoptiert hat, das sie so gedrillt hat, dass die junge Frau auch als Polizistin arbeitet – auf ihrem Revier! Diese adoptierte Tochter hat auch mit dem Mordopfer geschlafen und sich dabei filmen lassen. Die Revierleiterin gilt als übergriffiger Kontrollfreak. Sie behindert die Ermittlungen gegen «ihre Leute» und ihre Tochter, wo sie kann.


Trotzdem schläft sie völlig unmotiviert mit dem verdrehten, schmuddeligen Kommissar Faber, der die Ermittlungen leitet. Noch nicht genug? Ja, sie ist die Mörderin, denn sie war eifersüchtig. Ihre adoptierte Tochter war insgeheim ihre Geliebte. Da sie aber ihr Bild von der perfekten Adoptivmutter und Revierleiterin nicht aufgeben wollte, hat sie die Beziehung aufgegeben und ihre Adoptivtochter in die Arme des rücksichtslosen Höhlenmännchen getrieben. Dieses Männerschwein erpresst sie auch noch, will ihr perfektes Bild in die Öffentlichkeit zerren, sie als Lesbe outen. Deshalb hat sie ihn mit seinem eigenen Auto überfahren.

Moralbilder aus den 50er Jahren: Mindestens eine von zwei liebenden Frauen muss ja auch immer sterben.

Ihre Adoptivtochter, die ja eigentlich verliebt in sie ist, aber gleichzeitig mit dem Toten abhauen wollte, erschiesst sich zu allem Überfluss am Ende. Irgendwer hat zwischendurch auch mal die Frauen Lesben genannt. Warum bloss? Wenn, dann waren sie bi – aber irgendwie auch mit Moralbildern aus den 50er Jahren, denn mindestens eine von zwei liebenden Frauen muss ja auch immer sterben. Das klingt für Euch verwirrend? Das war es auch. Und nicht nur das. Es war frauenfeindlich, lesbenfeindlich und schlecht inszeniert. Die Figuren handelten unmotiviert, der Plot war angestaubt.

Ein solches Frauen- und Lesbenbild hat in der Hauptsendezeit nichts zu suchen. Auch das Männerbild vom Frauenhasser, der sich sich seine heulende Maske abreisst (wie unpassend in diesen Zeiten) und den rücksichtslosen Casanova gibt, während seine Freundin ihr gemeinsames Kind austrägt, gehört auf den Müll der Geschichte.

Auch der letzte Zürcher «Tatort» mit einem schwulen Opfer, einer zerstrittenen Familie und etwas Schokolade enttäuschte (MANNSCHAFT berichtete).

Die Öffentlich-Rechtlichen und die Privaten in Deutschland übten kürzlich Selbstkritik: Ihr Programm ist nicht divers genug (MANNSCHAFT berichtete).


Hasskriminalität

Im Streit um Regenbogenfahne geschlagen – wer hat etwas gesehen?

Geflüchtete

Flucht durch den Darién-Dschungel: Hoffen auf ein besseres Leben