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Die verpasste Chance: Sternchen, Strichlein und glottale Plosive

Wie spricht man Hundesitter*in aus?

Genderstern
Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Diejenigen, die das «Gendern» in der deutschen Sprache belächeln oder gar als unnützes Zeugs abtun, sind meist Männer und/oder Boomers. Schon lange wollen Frauen mit dem generischen Maskulinum nicht mehr einfach nur mitgemeint sein. Zu Recht, findet Michel Bossart in unserem Samstagskommentar*. Aber!

Mangels einer Oberinstanz mit Weisungsbefugnis für die deutsche Sprache gibt es heute einen Wildwuchs an Möglichkeiten, wie «gegendert» werden kann: mit einen Binnen-I (AutofahrerIn), mit einem Doppelpunkt (Bestatter:in), mit einem Unterstrich (Chemiker_in), mit einem Gendersternchen (Dolmetscher*in) oder in der Komplettversion (Ernährungsberater und Ernährungsberaterinnen).

Eine grammatikalische Hauruckübung
Letzteres ist für Gedrucktes aus praktischen und für das Auge aus ästhetischen Gründen nicht zufriedenstellend. Das Binnen-I sieht aus wie ein «L» und Satzzeichen mitten im Wort sind halt auch eher eigenartig. Kommt hinzu, dass die fallspezifischen Wortendungen bei der Deklination verloren gehen («ich helfe den Lehrer*innen» ist und bleibt eine grammatikalische Hauruckübung).

Und die deutsche Sprache ist richtig fies: Wie geht man mit dem Arzt und der Ärztin oder mit den Juden und den Jüdinnen um? Untauglich auch die Lösung, die das Partizip 1 für alles und in jeder Situation substantiviert. Die Geldgebenden zum Beispiel geben nicht andauernd einen Obolus, sondern vielleicht nur einmal und sind darum in einer bestimmten Situation zu einer bestimmten Zeit Spender oder Spenderinnen.


Kommt hinzu: Wie soll man «Hundesitter*in» aussprechen? Ein Vorschlag, ist der sogenannte «stimmlose glottale Plosiv», auch Glottisschlag genannt. Das ist ein Kehlkopfverschlusslaut oder vereinfacht ausgedrückt – ein Staccato. Das Deutsche ist für seine harte Sprachmelodie bekannt. Das liegt daran, dass wir Wörter einzeln aussprechen. Im Unterschied zu einem auf Französisch parlierten Satz, bei dem man kaum hört, wo die einzelnen Wörter anfangen und aufhören, benutzen wir den Glottisschlag vor praktisch jedem Wort. Und jetzt auch noch im Wortinnern. Um Himmels Willen.

Früher war der Duden eine Autorität
Bis 1996 war der Duden eine Autorität, wenn es in den deutschsprachigen Landen um grammatikalische und orthografische Normen ging. 2004 wurde der Rat für deutsche Rechtschreibung (RdR) als Regulierungskörper der Rechtschreibung der deutschen Sprache eingerichtet.

Beiden gehören die Ohren langgezogen. Denn statt mit einer raschen praktikablen Lösung aufzuwarten, blieben sie stumm und haben somit diesen Wildwuchs zu verantworten. Dabei liegt die Lösung doch so nah: Kurzerhand hätte man das generische Femininum dem generischen Maskulinum gleichstellen sollen.


Nach einem kurzen Angewöhnen hätte sich niemand mehr an Sätzen wie diesem gestört: «Als die Germanistinnen und Professoren zu den anwesenden Studenten und Doktorandinnen sprachen, war es mucksmäuschenstill im Saal.» Geht doch, oder?

An einem Gymnasium in Zürich gibt es zwei genderneutrale Toiletten. Die Schulleitung geht damit auf einen Wunsch der Schüler*innen ein (MANNSCHAFT berichtete).

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar oder eine Glosse zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.


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