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Die Serie «Love, Victor» feiert «Pride in Reinform»

Für Victor schienen bisher weder das katholische Elternhaus noch die alte Schule in Texas ein Coming-out vorstellbar zu machen …

Love Victor
Victor (Michael Cimino) und Benji (George Sear) kommen sich näher (Foto: Mitchell Haaseth/Hulu)

Vergangenen Sommer startete «Love, Victor» in den USA beim Streamingdienst Hulu, nun gibt es die Serie endlich auch bei uns zu sehen.

Als 2018 der Film «Love, Simon» in die Kinos kam, war das gleichzeitig eine ziemlich durchschnittlich-unaufregende Angelegenheit – und doch eine grosse Sache. Die Geschichte – basierend auf dem Roman «Nur drei Worte» der Autorin Becky Albertalli (die erst vergangenes Jahr andeutete, vielleicht doch nicht ausschliesslich heterosexuell zu sein – MANNSCHAFT berichtete) – erzählte vom Coming-Out des Schülers Simon eher niedlich als tiefschürfend und vor allem nach absolut massenkompatibel-harmlosen Erzählmustern wie man sie aus unzähligen heterosexuellen High School-Komödien und Hollywood-Romanzen kennt. Doch gleichzeitig war es eben auch das erste Mal überhaupt, dass eines der grossen US-Filmstudios eine schwule Teenie-Liebesgeschichte für den Mainstream produzierte.

Weil der Film dann obendrein auch noch ein ganz hübscher kommerzieller Erfolg wurde, bekam er wenn schon keine Fortsetzung dann doch zumindest einen Ableger in Serien-Form verpasst (erste Pläne wurden vor zwei Jahren bekannt – MANNSCHAFT berichete). Vergangenen Sommer startete «Love, Victor» in den USA beim Streamingdienst Hulu. Hauptdarsteller Michael Cimino wurde zum Star und vom Branchenblatt Variety in die «Power of Young Hollywood List 2020» aufgenommen (MANNSCHAFT berichtete).

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Nun gibt es die Serie endlich auch bei uns zu sehen. Mit der Einführung von Disney+ STAR, einer neuen und ohne Zusatzkosten verfügbare Programmsäule bei Disney+, ist ab dem 23. Februar die komplette erste Staffel abrufbar (genauso übrigens wie ältere, aus LGBTIQ-Sicht wegweisende Serien wie «Alles Betty», «Glee» oder «Grey’s Anatomy»).

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Der Plot der zehn Folgen ist recht schnell zusammengefasst: Der 16-jährige Victor (Michael Cimino), dessen Familie gerade frisch nach Atlanta gezogen ist, sieht an der High School, wo ihn noch niemand kennt, die Chance für einen Neuanfang. Dass er vielleicht schwul ist, ahnt er schon länger, doch weder das katholische Elternhaus noch die alte Schule in Texas schienen ein Coming-out vorstellbar zu machen.

Aber nun an der Creekwood High School, wo vor noch gar nicht allzu langer Zeit ein gewisser Simon bewiesen hat, dass man offen schwul sein und sogar einen Boyfriend finden kann, könnte alles anders werden. Von seinem bereits geouteten Mitschüler und Coffee Shop-Kollegen Benji (George Sear) ist Victor auf jeden Fall in vielerlei Hinsicht beeindruckt. Allerdings macht es auch die coole Mia (Rachel Hilson) nicht schwer, sich in sie zu verlieben.

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Isaac Aptaker und Elizabeth Berger, die Drebuchautor*innen von «Love, Simon», sind nun auch bei «Love, Victor» offiziell als Showrunner geführt. Die eigentliche kreative Verantwortung allerdings liegt bei ihrem schwulen Kollegen Brian Tanen, der schon an «Alles Betty» oder «Devious Maids» als Autor beteiligt war und nun den Writers’ Room der Serie leitet.

«Für mich ist das Reizvolle an dieser Serie, dass es – viel mehr als im Film – um einen Teenager geht, der wirklich damit ringt, wer er ist», sagt Tanen im Zoom-Interview mit MANNSCHAFT. «Victors Geschichte ist eine ganz andere als Simons – und der Weg, den er zurücklegen muss, definitiv schwerer. Dadurch, dass wir nicht nur 90 Minuten Zeit haben, bleibt genug Raum um in allen Details zu zeigen, was für eine persönliche, aufwühlende, oft befreiende, aber eben auch komplizierte Angelegenheit ein Coming-out sein kann.»

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Dass Tanen und seine Kolleg*innen entweder ziemlich genau wissen, wovon sie erzählen, oder zumindest ein gutes Gespür dafür haben, ist «Love, Victor» immer anzusehen. Insgesamt ist die Serie mehr süss als komisch, und mitunter wird der Familie des Protagonisten sowie seinem neuen Freundeskreis ein bisschen zu viel Platz mit Nebenhandlungen eingeräumt. Doch gerade die kleinen Momente verwirrender pubertärer Gefühlsaufwallungen oder der schmerzhafte Stich, wenn der eigene Vater unbedacht Dinge sagt wie «Ich hoffe nur, Dein kleiner Bruder wird nicht schwul», werden hier ziemlich glaubwürdig eingefangen. Natürlich trotzdem immer im bewährten Kontext typischer High School-Komödien, in denen es letztlich dann doch eher heiter und optimistisch zugeht als dass bitter-realistische Szenarien ausgemalt werden.

Mir hätte eine Serie wie diese damals echt gut getan.

Zu leichtfüssig? Zu glatt? Zu positiv? Für Tanen sind solche Einwände keine: «Als ich jung und mit meiner Selbstfindung beschäftigt war, waren die schwulen Geschichten, die in Film und Fernsehen erzählt wurde, eigentlich immer tragisch. Mir hätte eine Serie wie diese damals echt gut getan.» Und dafür, dass niemand «Love, Victor» vorwerfen kann, nicht queer genug zu sein, sorgt er nicht zuletzt mit der selbst verfassten achten Episode, die ein echter Höhepunkt der Serie ist. Darin reist Victor kurzerhand nach New York, um Simon zu besuchen, mit dem er die ganze Zeit per Instagram Kontakt hat – und findet dort eine Welt voll queerer Vielfalt und Optionen, die ihm zuhause an der Vorstadt-Schule noch verborgen bleibt.

«Mir war es wichtig, allen Kids da draussen zu zeigen, was womöglich anderswo auf sie warten kann. Dass es besser und einfacher wird – und dass die passenden Freund*innen und Wegbegleiter*innen, also eine selbstgewählte neue Familien finden kann», sagt Tanen. «Nicht zuletzt für mich selbst und Todd Holland, den schwulen Regisseur der Folge, steckte da viel Herzblut drin. In der Begegnung mit anderen queeren Menschen lernt Victor endgültig, sich selbst nicht nur zu akzeptieren, sondern auch zu lieben und zu feiern. Das ist Pride in Reinform!»

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