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Der Kampf um gleiche Rechte ist nicht zu Ende

Das Frauenstimmrecht gibt es seit 50 Jahren

Frauenstimmrecht
Das Plakat des «Aktionskomitee Ja für die Frau» aus 1969. (Bild: Schweizerisches Sozialarchiv)

Die Schweizer Verfassung garantiert gleiche Rechte für alle und Schutz vor Diskriminierung. Trotzdem müssen Frauen und LGBTIQ um jedes Recht einzeln kämpfen und dabei eine Menge Vorurteile aus dem Weg räumen. Der Samstagskommentar*zu 50 Jahren Frauenstimmrecht von Andrea Meili.

Diese Woche haben wir etwas zu feiern: Seit genau 50 Jahren ist die Schweiz eine echte Demokratie. Am 7. Februar 1971 haben die Männer endlich der anderen Hälfte der Bürger*innen die Erlaubnis gegeben, an nationalen Wahlen und Abstimmungen teilnehmen zu dürfen.

Das ist noch gar nicht so lange her. Meine Grossmutter war bereits 28 Jahre alt, als sie zum ersten Mal einen Zettel in die Abstimmungsurne legen durfte. Während mein Grossvater das bereits seit neun Jahren regelmässig tat. (Das Mindestalter lag noch bei 20 Jahren.)


Ihre damals dreijährige Tochter, meine Mutter, wuchs noch mit dem Wissen auf, dass es nicht selbstverständlich ist, als Frau eine politische Meinung haben zu können. Doch sie sah auch, wie die ersten Frauen in die Parlamente gewählt wurden. Sie sah, wie Frauen auf dem Weg nach ganz oben immer mehr Glasdächer durchbrachen, und sie sah, wie mit Elisabeth Kopp die erste Frau Bundesrätin wurde.

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Es dauerte noch einmal ganze 20 Jahre bis Appenzell Innerrhoden als letzter Kanton 1991 – zwangsweise – das Frauenstimmrecht einführte. Das war nur zwei Jahre, bevor ich zur Welt kam. Als ich das erfuhr, war ich geschockt. Doch es zeigte mir auch, wie wichtig es ist, an Abstimmungen und Wahlen teilzunehmen. Sei es nur, um einen leeren Stimmzettel abzugeben, wenn ich mir nicht sicher bin, was die richtige Antwort auf die Frage ist. Damit ehre ich den Kampf meiner feministischen Vorbilder um die Rechte der Frauen.

Denn nicht nur das Abstimmen und Wählen war den Frauen bis in die 70er Jahre untersagt. Sie durften auch ohne Zustimmung ihres Vaters oder Ehemanns meist nicht arbeiten oder Bankkonten eröffnen. Meine Grossmutter wäre sehr gerne Floristin geworden. Aber weshalb sollte für ein Mädchen mehr Geld ausgegeben werden, wenn es danach sowieso bald heiratet und Kinder kriegt? Meine Grossmutter konnte ihren Vater überzeugen, die Bäuerinnenschule machen zu dürfen. Mit ihren tollen Zeugnissen gab der Papa dann aber doch gerne im Dorf an, hat sie mir mal augenzwinkernd erzählt.


Politik statt Haushalt und Kinder
Was waren eigentlich die Argumente, um Frauen aus der Demokratie und Teilen des gesellschaftlichen Lebens auszuschliessen? Zu emotional seien wir, schliesslich sollen politische Entscheidungen rein rational getroffen werden. Nicht intelligent genug, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen – wie auch, wenn ihnen weitere Bildung verwehrt wurde? – und sowieso, Frauen müssen den Haushalt machen und sich um die Kinder kümmern.

Diese Argumente wurden auf den Plakaten der Gegner*innen illustriert: Eine dürre Frau mit langen Fingern sollte den Männern Angst machen, dass ihre zarten, schönen Frauen sich in diese Hexe verwandelt, die ihre Kinder vernachlässigt, um Abstimmungsbüchlein zu lesen und an Diskussionen teilnimmt.

Frauenstimmrecht
So hätten angeblich alle Frauen ausgesehen, sobald sie abstimmen gehen.

Lustigerweise erinnert mich diese Frau auf den Plakaten immer eher an die bürgerlichen Frauenrechtsgegner*innen, die gerne mit erhobenem Zeigefinger von oben herab predigten, wie Frauen ihrer erzkonservativen Ansicht nach zu sein hätten.

Dieselben Kreise, die damals den Frauen den Zugang zur Politik und selbst verdientem Geld verwehrt hatten, verschliessen heute – im Jahr 2021 – queeren Menschen noch immer den Zugang zu gleichen Rechten. Und das in der Schweiz, einem Staat, der sich gerne für seine liberale Politik und die Menschenrechte rühmt.

Die Argumente gegen die Ehe für alle sind ähnlich verallgemeinernd. Schwule treiben die Scheidungsrate in die Höhe, da sie nicht lange zusammenbleiben. Die haben jetzt doch schon die Lebenspartnerschaft gekriegt, was wollen sie immer noch mehr? Und sowieso, die Ehe ist der heilige Bund zwischen Mann und Frau. (Dass auch ausserhalb der heiligen Kirche geheiratet wird, vergessen sie einfach mal.)

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Zur Abstimmung zum Partnerschaftsgesetz 2002 gab es dieses Plakat. Wieder war die Familie ein beliebtes Argument. (Bild: Schweizerisches Sozialarchiv)

Endlich gleiche Rechte für alle
Die Buchstaben LGBTIQ gehen dabei auch gerne vergessen. Ausser wenn es um die Fortpflanzungsmedizin geht, schliesslich ist es wieder voll in Ordnung Frauen zu sagen, was sie mit ihren Körpern tun dürfen und was nicht. Deshalb gibt es nun das Komitee «Nein zur Samenspende für gleichgeschlechtliche Paare», das Unterschriften für ein Referendum gegen die Ehe für alle sammelt.

Als bisexuelle Frau ist das besonders «witzig». Sollte ich mit einem Mann zusammen sein, stehen mir alle Türen offen. Ich kann problemlos heiraten, Kinder kriegen, ich gelte als heterosexuell und muss mich nirgends erklären. Eine Frau könnte ich hingegen nicht heiraten, wir müssten auf wichtige Rechte verzichten, uns überall outen und hätten ein deutlich geringeres gemeinsames Einkommen. Nur die Ehestrafe bei den Steuern bliebe uns erspart.

Deshalb ist es wichtig, dass nicht nur Frauen den vollständigen Zugang zur Gesellschaft erhalten, sondern auch die ganze LGBTIQ-Community. Der Kampf für unsere Rechte ist erst zu Ende, wenn wir alle die gleichen Rechte haben wie heterosexuelle cis Männer.

*Die Meinung der Autor*innen von Kolumnen, Kommentaren oder Gastbeiträgen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.


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